Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Do it yourself!

#04 2011 / Ulrich Lobis

Neue Urbanität in Innsbruck: Offspaces und Projekträume für aktuelle Kunst und Kultur im Blickfeld

In den letzten Monaten hat Innsbrucks Kulturlandschaft Zuwachs durch eine Reihe neuer, alternativer Räume erhalten, die abseits institutioneller Strukturen agieren. Die auf Eigeninitiative gegründeten und geführten Projekträume zeichnen sich durch das unkonventionelle und oft ambitionierte Programm ihrer OrganisatorInnen aus und sind mit Sicherheit ein großer Gewinn für das städtische Kulturleben. Die ursprünglich mit Punk in Verbindung stehende Parole „Do it yourself!“ mit ihrer programmatischen Ausrichtung auf das aktive Produzieren und die Abwendung vom bloßen Konsumieren lässt sich ohne weiteres auf die Aufbruchsstimmung der neuen, jungen Szene übertragen.

Angesiedelt haben sich die Offspaces vor allem in ehemaligen Fabriksarealen, wie dem Gebäude der lange leer gestandenen Großbäckerei Mölk – hier hat sich Die Bäckerei niedergelassen – oder in einem Raum am Gelände der Walde Seifenfabrik in der Innstraße, wo sich The Soap Room befindet: Räume, die ursprünglich von der Industrie besiedelt waren und ihre neue Bestimmung in der Kunst- und Kulturproduktion gefunden haben. Insbesondere im Stadtteil St. Nikolaus, wo die Mietpreise noch halbwegs erschwinglich sind, wurden mehrere Alternativräume gegründet: Neben dem erwähnten The Soap Room sind dort auch das kooio und das verbale forum zu finden.
Die überwiegend nicht-kommerziell ausgerichteten Räume bieten eine Plattform für eine aktuelle, progressive Kulturszene und meist junge KünstlerInnen. Ihre Ausrichtung oszilliert im Spannungsfeld von Produktionsstätte und Experimentierfeld. Oft werden die Projekte durch diskursive, disziplinenübergreifende Rahmenprogramme, Diskussionsrunden und Vorträge ergänzt. Es sind Labore für Gegenwartskultur, die gerne auf informelle Strukturen und kollektives Netzwerken setzen.

Der Ursprungsgedanke des Offspace  ist eng an die Maxime der Avantgarde des 19. Jahrhunderts und der Moderne geknüpft und dem damit verbundenen Widerstand der zeitgenössischen KünstlerInnen gegen ein unzeitgemäßes Kunstideal, das sich einem rückwärtsgewandten Akademismus verschrieben hatte. Schon 1855 installiert Gustave Courbet seinen Pavillon du Réalisme in einer gewöhnlichen Baracke, um in Konkurrenz zur konservativen Kunstpräsentation der Pariser Weltausstellung seine eigenen Arbeiten uneingeschränkt zeigen zu können. Der Widerstand gegen den institutionalisierten Museumsbetrieb findet sich in radikaler Form auch bei den italienischen Futuristen wieder, die die damaligen Museen als Friedhöfe historischer Kunst bekämpften. Bei den Dadaisten war es die Künstlerkneipe – namentlich das Cabaret Voltaire –, das als eine Art Project Space mit multidisziplinärem Veranstaltungsprogramm fungierte und das Unterfutter der Bewegung lieferte. Kreative Selbstbestimmung, kostengünstige sowie unabhängige Arbeitsbedingungen und die Möglichkeit, flexibel auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren, spielen auch heute eine zentrale Rolle bei der Realisierung alternativer Räume.
Innsbrucks jüngster Offspace ist der von der Kuratorin Tereza Kotyk konzipierte The Soap Room. Der Raum, der ehemals einen Kesselbehälter zur Fettherstellung beherbergte, fungiert nach behutsamer Adaption zum einen als klassischer Ausstellungsraum, zum anderen als Büro seiner Betreiberin und markiert eine Schnittstelle zwischen öffentlicher Displaysituation und privatem Arbeitsbereich. Kotyk, die Ausstellungsprojekte in Großbritannien, Wien und Innsbruck realisierte, legt den Schwerpunkt ihres Programms unter anderem auf junge Kunst aus England und länderübergreifende Kooperationsprojekte. Im „Salon Adele“ werden in bestimmten Abständen Gäste aus unterschiedlichen Disziplinen zu einem Gespräch bei Tee eingeladen.

Der derzeit größte Offspace Innsbrucks  befindet sich in der Bäckerei. Seit der Eröffnung im Oktober 2010 fand dort eine große Zahl unterschiedlichster, meist gut besuchter Veranstaltungen statt. Mit der Unterstützung zahlreicher Helfer hat es das Gründertrio Christina Mölk, Christoph Grud und Klaus Schennach dadurch geschafft, der Stadt einen Schritt in Richtung mehr Urbanität zu verhelfen. Was die zu einem großen Teil „naturbelassenen“ Räumlichkeiten der Bäckerei, zu denen neben dem großen Veranstaltungsraum auch ein vielseitig nutzbares Café zählt, besonders ausdrucksstark und lebendig macht, ist vor allem die „recycelte“ Einrichtung, von den Fenstern bis hin zu den Möbeln, die dem Ort noch eine ganze Reihe weiterer Geschichten dazu geben. Das Veranstaltungsprogramm besticht zunächst vor allem durch seine Breite. So wird der Offspace nicht nur für Theater-, Performance- und Ausstellungsprojekte genutzt, sondern bietet beispielsweise auch die Infrastruktur, um selbsttätig das eigene Fahrrad mit Hilfe von Fachleuten zu reparieren („Bikerei“, immer dienstags ab 17 Uhr). Dazwischen gibt es noch ein regelmäßig stattfindendes Café, Diskussionsrunden, Theaterproduktionen, Präsentationen und vieles mehr. Da die Veranstaltungen immer wieder auch parallel stattfinden, kommt es nicht selten auch zu einem Aufeinandertreffen unterschiedlichster Interessensgruppen mit potentiell spannenden Querverbindungen. Die Idee hinter diesem Konzept ist auch, dass kleinere Veranstaltungen von den größeren profitieren sollen.
Hier findet sich eine Ähnlichkeit zum verbale forum, das ansonsten eine andere Ausrichtung verfolgt. Auch hier sollen kleinere Projekte durch größere getragen und möglich gemacht werden. Wie der Name bereits verrät, will die verbale Dinge „zur Sprache bringen“ und ein Treffpunkt sein. Am Anfang stand eine Internetpräsenz, die jedoch rasch durch eine monatlich erscheinende Zeitschrift erweitert wurde. Den Redaktionsraum – ein ehemaliges Geschäftslokal mit straßenseitigem Schaufenster – wollten die Initiatoren, Florian Tschörner und Georg Reinalter, in der Folge nicht ungenutzt lassen; sie öffneten ihn als verbale forum für Veranstaltungen und Ausstellungen, die man von Dienstag bis Samstag besuchen kann.
Unweit des verbale forums findet sich seit 2008 das von Maria Rauch geleitete forum für kunst und kommunikation, besser bekannt als kooio. Das Forum kann bereits auf einige Jahre reger Ausstellungs- und Projekttätigkeit zurückblicken und zählt zu den ganz wenigen Artist-run-Spaces in Innsbruck. Das auf einer Vereinsstruktur fußende Konzept zeigt in wechselnden Ausstellungen künstlerische Positionen von regionaler und überregionaler Bedeutung und bietet KünstlerInnen vor allem einen Raum zur Selbstorganisation und -präsentation.

Trotz der unterschiedlichen Ausrichtungen und Zielsetzungen haben diese Independent Spaces eines gemeinsam: Es sind Orte, an denen Kunst und Kultur im Werden begriffen ist und die für diesen Prozess eine Öffentlichkeit schaffen. Der Elan, von dem die Projekte getragen sind, ist dabei so bemerkenswert, dass er fast ansteckend wirkt.   


Interview mit den OrganisatorInnen der Bäckerei

Welche Idee steht hinter der Bäckerei?
Christina Mölk: Es war uns sehr wichtig, nichts vorzugeben, den Raum zur Verfügung zu stellen und die Möglichkeiten der Nutzung offen zu lassen; wer mit dem Raum arbeiten möchte, welche Bedürfnisse da sind.

Ihr verfolgt hier also ein sehr neutrales Konzept. Was ist das Verbindende?
Christoph Grud: Wir verstehen den Raum als Netzwerkraum, in dem Leute aus verschiedenen Kontexten und Szenen zusammenkommen können; auch als Experimentier- und Produktionsraum, in dem Projekte vor Ort entstehen können. Die Bäckerei soll ein lebendiger Ort sein, der nicht statisch ist, sondern sich weiterentwickelt.
Klaus Schennach: Ich glaube, es gibt viel unausgeschöpftes Potential, aber oft mangelt es an Räumen, Ideen umzusetzen. Es braucht einen Ort, damit man überhaupt etwas machen kann; aber auch der vorhandene Raum kann Inspirationsquelle für Projekte sein.

Der Ort, den ihr hier anbietet, ist in Innsbruck einzigartig.
Klaus: Das Haus ist unser Bonus. In Innsbruck gibt es im Vergleich zu anderen Städten wie z.B. Berlin wenig leerstehende Fabrikgebäude, da der Raum meist für Neubauten gebraucht wird.
Christoph: Aber trotzdem: Die Bäckerei definiert sich nicht allein über den Ort, sondern sie funktioniert eben auch als Netzwerk, das sich durch Interaktionen, Prozesse bildet.

Was erhofft ihr euch für die Zukunft?
Gibt es etwas, das die nächsten Jahre bringen sollen?
Klaus: Es wäre ein Ziel, dass mehr Menschen dazukommen und mit uns gemeinsam arbeiten, auch die Arbeit aufteilen. Wir würden sehr gerne stärker inhaltlich arbeiten, aber es wäre auch in unserem Interesse, wenn Leute mit dem Offspace arbeiten und ihn auch bespielen. Ein weiteres Ziel ist es, neue Kooperationen anzustreben, überregionaler zu werden – z.B. wie bei der Zusammenarbeit mit dem Künstlerkollektiv Butane aus Straßburg (Frankreich).

Euer Fazit?
Christina: Wenn man von einer Ideen überzeugt ist und die Ambition und Energie hat, lohnt es sich auf jeden Fall, diese zu verfolgen. Dann kommen Leute dazu und es entsteht etwas …
Christoph: … ohne die anderen können wir nicht existieren. Wichtig ist, dass neue Leute dazukommen …
Christina: … die auch Projekte initiieren.
Christoph: Auf jeden Fall: Das alles macht mehr Spaß als Mühe.