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Geist statt Körper

Das Ruhrgebiet sieht sich seit Jahrzehnten mit einem gewaltigen Imageproblem konfrontiert. Jenes urbane Flair, das anderen deutschen Städten internationale Anziehungskraft verleiht, wie etwa Berlin, Hamburg oder dem aufstrebenden Leipzig, mag sich in der einwohnerstärksten Region Deutschlands nicht einstellen. Mit dem Kulturhauptstadt-Jahr 2010 sollte sich das ändern.

„Stahl überall!“ Ein 1930er-Jahre Werbefilm über das Ruhrgebiet bringt es auf den Punkt: Das Ruhrgebiet ist Herz und Motor der deutschen Wirtschaft. Die exklusive Reduktion auf die Kohle- und Stahlerzeugung, die das Ruhrgebiet jahrzehntelang geprägt hat, dominiert die Fremd- wie Selbstwahrnehmung der Region zwischen Hamm und Duisburg.
Nun möchte man sich unter dem Schlagwort Strukturwandel neu erfinden. Jedoch nicht ganz freiwillig, schließlich sah sich das Ruhrgebiet nach dem Abbau der letzten Kohleressourcen mit einem wirtschaftlichen Zusammenbruch konfrontiert. Der geplante Umstieg auf den Dienstleistungssektor funktionierte nur schleppend und reichte nicht aus, um die Region nachhaltig neu zu beleben. Da kam das Kulturhauptstadt-Jahr 2010 gerade recht. Ohne jedoch massiv auf dem Erbe des Bergbau-Zeitalters aufzubauen, scheint diese Neuorientierung unmöglich. Schließlich hat die Industrialisierung das „Revier“ überhaupt erst erfunden. Ein demographisches Erdbeben, einsetzend Mitte des 19. Jahrhunderts, verwandelte die heterogene Städtelandschaft entlang der Ruhr in nur wenigen Jahren zu einer gewollten Einheit, die allerdings abseits des Bergbaus wenig gemeinsam hatte.
Zwischen 1850 und 1925 stieg die Einwohnerzahl im Ruhrgebiet um das Zehnfache, von 400.000 auf 4 Millionen und erreichte Anfang der 1960er-Jahre ihren Höchststand von beinahe 5,7 Millionen Einwohnern, gedrängt auf etwa 4.400 Quadratkilometern, einem Drittel der Fläche Tirols. Das Ruhrgebiet war im Handumdrehen zu einer europäischen Metropole gewachsen, die sich jedoch zu lange rein über ihre industriellen Leistungen definierte, ohne gleichzeitig die Zeit nach dem Bergbau zu planen. Als 1965 endlich die erste Hochschule des Ruhrgebiets, die Ruhr-Universität-Bochum, eröffnet wurde, hatten einige Zechen bereits geschlossen.
Die Folgen der Monokultur Kohle und Stahl waren fatal. Neben dem wirtschaftlichen Einbruch und hoher Arbeitslosigkeit verlor das Revier vor allem seine soziokulturelle Identität. Umso eifriger wird seitdem das zweite große identitätsstiftende Angebot der Region angenommen: der hier omnipräsente Fußball. Neben den Spitzenklubs Borussia Dortmund und Schalke 04 tummeln sich unzählige Vereine aus dem Ruhrgebiet in den deutschen Ligen. Keine andere Stadt hat mehr deutsche Nationalspieler hervorgebracht als Gelsenkirchen, und das bei einer verhältnismäßig geringen Einwohnerzahl von 250.000.
Aber nicht nur die triste Wirtschaftslage, auch die streng funktionale Städtearchitektur prägt das postindustrielle Bild der Region. Neben den aus dem Boden gestampften Arbeiterwohnsiedlungen sorgte der billige Wiederaufbau nach der weitgehenden Zerstörung der Städte im Zweiten Weltkrieg für architektonische Schwerverbrechen. Dazu kommt eine extreme Verkehrsbelastung, die nicht nur AnrainerInnen, sondern auch den täglich im Stau stehenden AutofahrerInnen viel abverlangt und sich naturgemäß ebenso auf die überfüllten öffentlichen Verkehrsmittel auswirkt.
Das Ruhrgebiet hat ein gewaltiges Imageproblem. Dabei gäbe es auch hier Unzähliges zu entdecken. Aber fast nichts, das seinen Ursprung nicht im Bergbau hat. Die regionalen Sehenswürdigkeiten sind nahezu ausschließlich Zeugen der Kohle- und Stahlproduktion, so etwa der Zollverein Essen, Prunkstück der Industriearchitektur und mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe. Wie viele ehemalige Zechen wurde sie zu einem Kultur- und Veranstaltungszentrum umgewandelt, ein Beispiel, dem auch andere Industriebauten folgten. Die imposante Jahrhunderthalle in Bochum etwa diente früher als Gaskraftwerk des Bochumer Vereins und wird heute vor allem als Konzert- und Theaterhalle genutzt. Der rund um die Uhr frei zugängliche Landschaftspark Duisburg-Nord, ebenfalls Veranstaltungszentrum, ist zugleich ein ultimativer Kinderspielplatz und beeindruckt BesucherInnen jede Nacht mit einer spektakulären Lichtinstallation, die das Werksgelände in eine Science-Fiction-Kulisse verwandelt. Durch die Umfunktionierung ehemaliger Industriegelände verfügt das Revier also über eine Vielzahl an Kulturzentren, die tatsächlich an Umfang und Atmosphäre ihresgleichen suchen.
Das Kulturhauptstadt-Jahr 2010 war ein Versuch, diesen Umstand auch deutschland- und europaweit bekannt zu machen und endlich mehr Kunstinteressierte ins wenig bereiste Ruhrgebiet zu lotsen. Gleichzeitig bemühten sich die Verantwortlichen der Kulturhauptstadt, an der Selbstwahrnehmung der Region zu arbeiten und beschworen wiederholt die so
genannte „Metropole Ruhr“, eine Metropole, über dessen Existenz sich streiten lässt. Es war der Versuch, die Städtegemeinschaft wieder näher zusammenrücken zu lassen, und das ehemalige Einigungsmoment Industrie durch Kunst zu ersetzen. Dabei sieht sich die Kulturszene mit einem zwiespältigen Phänomen konfrontiert: Einerseits erntet man viel Aufmerksamkeit, nicht zuletzt seitens der Politik, andererseits ist diese bekanntlich nicht ohne die Gefahr einer Vereinnahmung zu bekommen. Der Vorwurf steht im Raum, dass die Kunst nicht um der Kunst willen, sondern als Imagepolitur und Tourismusmotor existiert. Dass die kritische Selbstbefragung der eigenen Vergangenheit und Gegenwart dabei nicht zur Phrase verkommt, ist eine permanente Aufgabe, an der Künstlerinnen und Künstler im Ruhrgebiet zu arbeiten haben.

Die Nachhaltigkeit der Kulturhauptstadt und der Erfolg des gewollten Wandels hin zur Kunstmetropole lassen sich noch nicht beurteilen. Es wird wohl noch länger dauern, bis man sich im Revier endgültig von den Folgen der bildungs- und kulturfreien Jahrhunderte erholt und eine Identität jenseits des fußballbegeisterten Schwerarbeiters erlangt. Zumindest an Selbstironie fehlt es im Revier nicht: „Woanders is auch scheiße“, lautet ein zum Verkaufsschlager gewordener Slogan, der auf T-Shirts, Tassen und Postkarten gedruckt, in zahlreichen Kiosks und Buchläden des Ruhrgebiets zu kaufen ist.