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Green Design - Wie wir unser Leben gestalten

#04 2011 / Verena Konrad

Stadt, Natur, Landschaft sind keine Gegensätze. Und Design hat nicht nur mit Funktion und Ästhetik zu tun. Mit diesen Prämissen arbeiten zahlreiche StädteplanerInnen, ArchitektInnen, KünstlerInnen, ÖkologInnen und ExpertInnen aus vielen anderen Feldern derzeit an Projekten, die neue Strategien für den Umgang mit dem Klimawandel und einer Ökologisierung von Lebensräumen entwerfen.

1982 griff der Künstler Joseph Beuys während der documenta 7 vor dem Museum Fridericianum in Kassel zu Spaten und Schaufel. 7000 Eichen hieß die vielbeachtete Aktion, in der Beuys mit Hilfe zahlreicher HelferInnen im Verlauf der Jahre 7000 Bäume in Kassel pflanzen wollte. Ökologie ist seither kein fremder Begriff mehr in der zeitgenössischen Kunst. Die Aktion mit dem Untertitel „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ zeigt jedoch auch bereits ein Kernproblem im Umgang mit der Gestaltung von Lebensräumen auf: Sie geht uns alle an. Die Gestaltung von Lebensraum ist ein politischer Prozess und die Frage dahinter ist: Wie wollen wir leben?

Keine Angst mehr vor der Zukunft  „Ich möchte behaupten, dass Design einer der Begriffe ist, die das Wort ,Revolution‘ ersetzt haben!“, schreibt der französische Philosoph und Soziologe Bruno Latour. Design ist eines der großen, aktuellen Modewörter, das auf das große Feld der Natur- und Lebensraumgestaltung jedoch sehr gut anwendbar ist – auch mit dem Hinweis auf den Begriff der Revolution, denn tatsächlich ereignet sich derzeit eine Revolution hinsichtlich der Bedeutung, die wir unserem Handeln in Bezug auf Natur und Umwelt einräumen.

2007 erschien der 1. Weltklimabericht der UN mit dem Titel Dem Klima begegnen. Stichworte wie „Erderwärmung“, „Gletscherschmelze“, „C02-Emissionen“ und „Ozonloch“ sind seither fixe Bestandteile der öffentlichen Diskussion1. Aber mit welchen Inhalten werden sie gefüllt? Die Komplexität der Materie, aber auch die Fixierung auf inflationäre Begriffe gehen eine Symbiose ein, die ein Verständnis für Laien fast unmöglich macht. Nichtsdestotrotz ist in den vergangenen Jahren ein Problembewusstsein dafür entstanden, dass der Umgang mit natürlichen Ressourcen ein Thema ist, das über disziplinäre Grenzen hinweg jeden und jede betrifft und dass Entscheidungen anstehen, die nur demokratisch und mit dem Willen zu Gestaltung erfolgen können.

Der gar nicht mehr so neue Ansatz im Design und in der Architektur heißt „Sustainability“. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist in den letzten Jahren viel gebraucht worden.  Dass es neben den – notwendigen – Debatten auch sehr konkrete Ansätze aus den Künsten und der Architektur gibt, haben zahlreiche Ausstellungsprojekte in den letzten Jahren anschaulich gemacht. Updating Germany2 hieß z.B. der Beitrag von Raumtaktik bei der Architektur Biennale in Venedig 2008, der „Projekte für eine bessere Zukunft“ präsentierte und die „Suche nach den Räumen von Morgen“ mit einer Frage nach der Notwendigkeit für eine neue, eigentlich alte Gestaltungsethik einleitete. Architektur heißt nicht nur Bauen, sondern Lebensräume gestalten, so der Tenor der Ausstellung. Ein Jahr später zeigte das Louisiana Museum of Modern Art in Kopenhagen die Ausstellung Green Architecture for the Future. Auch hier traten Architektur, Städtebau, Kunst und Ökologie in   einen Dialog, der nicht bei Regenwasserspeichern und Solarzellen aufhörte, sondern zeigte, wie sehr in allen Disziplinen Zukunftsmodelle diskutiert werden, in denen technologische Entwicklungen zwar nach wie vor den Ton angeben, utopische Momente und das Nachdenken über Zukunftsszenarien aber wieder mehr Raum gewinnen.
Die jüngst in Wien zu Ende gegangene Ausstellung (re)designing nature hat besonders den Begriff der Landschaft hervorgehoben und aktuelle Positionen aus den Bereichen Kunst, Architektur und Landschaftsgestaltung gezeigt, die allesamt auch einen sozialen Anspruch erheben und Themen wie Demokratisierung, die gemeinschaftliche Nutzung von Flächen und die Funktionalität von Räumen diskutieren.

Ko-Präsenzen. Auch die Trennung der Begriffe Natur, Stadt und Landschaft wird nun unter anderen Vorzeichen gesehen. „Seit jeher waren die Städte per definitionem in die Natur eingebettet, ob diese domestiziert war oder nicht, und die Natur war meist in der Stadt oder zumindest in ihrer Nähe präsent.“3 Mit der Industrialisierung und dem Wachsen der Städte hat sich das Verhältnis von Stadt und Landschaft, von Natur und urbaner Struktur verschoben. Urbanistische Konzepte wie Gartenstädte, Grüngürtel, Parkanlagen etc. zeigen Versuche für eine Relationierung und inszenierte Ko-Präsenz beider Systeme. Einer der einflussreichsten Begriffe im Urbanismus ist derzeit „Landschaft“. Das Potenzial und die Bedeutung von Natur und Landschaft in der Stadt werden wieder
entdeckt und stehen nicht selten in Opposition zu städteplanerischen Konzepten, die von wirtschaftlichen Projekten ausgehen. Das Phänomen „Landschaftsurbanismus“ zeigt sich z.B. in Projekten wie der High Line (2004-2011), der Revitalisierung einer stillgelegten Hochbahnlinie in Lower Manhatten durch James Corner Field Operations und Diller Scofidio + Renfo, mit dem eine neue, konstruierte Landschaft erfunden wurde. Landschaft spielt auch eine Rolle für das derzeit sehr aktiv betriebene „Guerilla Gardening“, einer Form des illegalen privaten Gärtnerns, oder für Raumaneigungen wie „Skip Conversions“ (seit 2008), einer vom englischen Designer Oliver Bishop-Youngs entwickelten begrünten Erdanhäufung in einem Baucontainer, ein Privatgarten, aufgestellt im öffentlichen Raum – und jederzeit leicht „verpflanzbar“.

Neue Gärten und urbane Landwirtschaft. Aber auch legale städtische Gärten haben wieder Konjunktur. Die neuen Gärten in der Stadt sind nicht selten aus Kunstprojekten erwachsen und keine künstlichen Implantate, sondern oftmals sensible Gestaltungen von Brachflächen. Interessant ist hier neben dem ökologischen Aspekt besonders jener der Partizipation. Motivation für diese neuen Gärten mögen Reflexionen zur Energiekrise und zu Umweltverschmutzung sein, ein wesentlicher Aspekt ist aber auch die Kritik an industrieller Landwirtschaft und die Entscheidung für einen ökologischen Lebensstil, in dem auch Ernährung eine wichtige Rolle spielt. Ein Beispiel für die aktuelle ökologische Gestaltung sind daher auch zahlreiche Versuche Landwirtschaft (wieder) in Städten zu etablieren. N55, eine dänische Künstlergruppe, hat 2003 mit ihren „City Farming Modules“ ein Konzept aufgegriffen, das in den letzten Jahren weltweit in großen Städten aufkeimt. Die „City Farming Modules“ sind kleine Bepflanzungsanlagen. In wasserdurchlässiges Kunststoffgewebe wird gedüngte Erde gefüllt, die schließlich bepflanzt wird und an beliebigen Orten „ausgesetzt“ werden kann. Andere Beispiele für urbane Landwirtschaft  sind die Prinzessinnengärten in Berlin, oder die Aneignung städtischer Brachen durch BewohnerInnen umliegender Häuser in der Innenstadt von Detroit, die der Künstler Ingo Vetter 2003 unter dem Titel Detroit Industries – Urban Agriculture dokumentiert hat. Auch hier wird deutlich, dass der Anspruch nicht nur der einer Ökologisierung ist, sondern auch soziale Ziele damit verbunden sind wie: miteinander reden, arbeiten, selbst Gemüse pflanzen und ernten und dadurch Wissen über natürliche Prozesse gewinnen, miteinander kochen und essen.

Nicht zuletzt haben diese Projekte oder scheinbar aus dem Nichts entstandenen Initiativen etwas mit aktiver Raumaneignung zu tun, mit einem Verständnis von Selbstbestimmung und dem Willen und der Notwendigkeit, den eigenen Lebensraum zu gestalten.   

1 Vgl. Oliver Zybok und Raimar Stange: Existenz am Limit. Kunst und Klimawandel. Einleitung zu Kunstforum International Band 199. Oktober-Dezember 2009. S. 32.
2 Friedrich von Borries, Matthias Böttger: Raumtaktik. Updating Germany. 100 Projekte für eine bessere Zukunft. Ostfildern 2008.
3 Bruno De Meulder, Kelly Shannon: Natur-Orchestrierung und Urbanismus. In: (re)designing nature. S. 20.