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MOLEcafé

Jugendtheater aus der Peripherie

#04 2011 / Christine Frei

Mit Theater und Musical-Challenge reklamiert sich das Jugendland stetig mehr in die Kulturarbeit hinein – und bespielt damit ein bislang tatsächlich nur rudimentär bearbeitetes Terrain.

Eine Nominierung für den Jugendtheater-Oscar des Wiener Burgtheaters im Vorjahr, eine Einladung zu den Tiroler Volksschauspielen in diesem Jahr: was da unter dem Label Theater-Challenge im Jugendland Funtasy in der Innsbrucker Reichenau in den letzten zwei Jahren mit offenkundigem Erfolg erarbeitet und gezeigt wird, liegt abseits von Mainstream und Stadtzentrum und wagt sich dabei an durchaus brisante Jugendthemen, für die es in Innsbruck sonst wenig institutionalisierte Spielräume zu geben scheint.

Lutz Hübners Stück Ehrensache, das Stück aus dem Vorjahr, thematisierte etwa einen realen Kriminalfall, den so genannten „Ehrenmord“ an einer Halbtürkin im Migrantenmilieu einer deutschen Großstadt. Magic Afternoon von Wolfgang Bauer, die aktuelle Produktion, präsentiert sich im Funtasy als erschreckend zeitgeistige Studie über eine Jugend ohne Optionen, die ihre vermeintliche Lebenszeit in einer zwischen Lethargie und Gewalt changierenden Agonie zubringt.
Markus Plattner hat beide Stücke über alle möglichen Untiefen hinweg mit sicherer Hand inszeniert und das Challenge-Programm dadurch zweifelsohne künstlerisch aus der Peripherie heraus katapultiert. Denn auch wenn Plattner in der Szene und nicht zuletzt auch von seinem großen Mentor Felix Mitterer immer mal wieder gern nonchalant als Theaterberserker tituliert wird, so beweist er gerade bei jungen Themen und in der Zusammenarbeit mit jungen Darstelle rInnen, ob nun Laien oder angehende Profis, ein untrügerisches Gespür für deren Potential. Bei Magic Afternoon hat sich Plattner etwa ganz auf die Grundstimmung des Stückes konzentriert und den Text radikal eingedampft. Die Jugendlichen erzeugen in ihrem Spiel eine derart körperliche und psychische Schwere und Dumpfheit, dass man sogar im Zuschauerraum nach Luft zu japsen beginnt. Die manifeste Selbstvernichtung geht fast folgerichtig einher mit klassischer häuslicher Gewalt, um schließlich ganz abrupt mit der Erstechung eines der beiden Vergewaltiger wie im freien Fall zu enden.
„Ich glaube, du wirst dich heut’ noch wundern“, sagte Plattner bei der Premiere Anfang Februar über die Köpfe anderer TheatergeherInnen hinweg zu Jugendland-Geschäftsführer Reinhard Halder, der so wie alle anderen ganz diszipliniert vor dem als „Kultür“ bezeichneten Einlass wartete. Und fügte dann noch schnell in einem Anflug von Vorwurf in der Stimme hinzu: „Hättest ja jederzeit zu den Proben kommen können.“ Doch Halder winkte stoisch lächelnd ab. Er wolle sich doch nicht um diese freudig angespannte Erwartung vor der Premiere bringen. Das schien er ernst zu meinen. Nach dem Premierenapplaus blieb der Hausherr ebenso wie alle anderen Premierengäste eine ganze Weile still sitzen, um dem eben Gesehenen und Miterlebten noch etwas nachzuspüren.

Die KünstlerKinder und KünstlerJugend im Jugendland sind seine Idee. Florian Schieferer hat vor sieben Jahren damit begonnen, sie als Projektleiter umzusetzen. Ursprünglich suchte Halder damit wohl auch eine Integrationsmöglichkeit für die im Jugendland-Heim betreuten Kinder. Die hatten außerhalb der Wohngemeinschaften kaum Möglichkeiten, andere Gleichaltrige kennen zu lernen und zu treffen. Und er war davon überzeugt, dass über die künstlerische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ganz andere Ressourcen aktiviert und somit auch deren Selbst-   bewusstsein und Selbstwertgefühl gestärkt werden können. „Kinder sollten auch öffentlich zeigen können, was alles in ihnen steckt“, so Schieferer.

Das war die Geburtsstunde der Künstlerkurse, von denen die meisten über ein ganzes Semester laufen und stets mit einer öffentlichen Vorführung enden. Das Angebot ist zweigeteilt, für KünstlerKinder ab vier und für KünstlerJugendliche ab zwölf Jahren. Es reicht bei letzteren von Schauspiel (Life on Stage) und Musical Drama über Bühnenbild und Technik bis hin zu Tanz (X-Dance, Breakdance, Fireplay). Daneben gibt es noch Workshoptage in Silberschmieden, Bodypainting, Photoshop, Slacklinen, Fotografie. Bei den KünstlerKindern steht ganz klar spielerische Bewegung im Mittelpunkt des Kursprogramms: Tanz, Akrobatik, Zirkusartistik, Capoeira, Reiten. Doch selbst für die Kinder gibt es schon Theaterkurse mit so einladenden Titeln wie „Die Fantastischen“ und „Die Spontanis“. Über 300 Kinder und Jugendliche besuchen mittlerweile diese wöchentlich stattfindenden Semesterkurse. Die KursleiterInnen sind durchwegs szenebekannte KünstlerInnen.

Auch wenn das Jugenland vor einem Jahr mit der youngart erstmals eine Art Kunstmesse für junge Menschen ins Leben gerufen hat und immer wieder beachtliche Großevents wie etwa das so genannte Woodschtock organisiert – Theater und Musical haben sich unverkennbar zum Herzstück des Freizeit-Kulturprogramms entwickelt.
Mit den Challenge-Produktionen beginnt sich das Jugendland zunehmend auch als Jugendkulturmacher und Jugendkulturentwickler zu positionieren, wie Reinhard Halder in aktuellen Programmfolder unmissverständlich festhält: „Es ist mehr als Freizeitbetreuung … es ist hochwertige Jugendkulturarbeit, es ist die Grundlage kultureller Entwicklung, es ist Kunst, die auch entsprechend unterstützt werden muss.“

Das Jugendland hat damit tatsächlich eine Lücke in der Tiroler Kulturszene ausgemacht. Zwar produziert das Landestheater regelmäßig Jugendstücke, aber sie werden vom Ensemble und nicht von Jugendlichen gespielt. Es gibt abseits von Einzelprojekten also kaum institutionalisiertes zeitgenössisches Theater von Jugendlichen für Jugendliche. Das hat durchaus auch pragmatische Gründe. Denn, wie Florian Schieferer aus eigener Erfahrung als Theaterchallenge-Produzent weiß, es gibt wenig gute Jugendstücke, und vor allen Dingen wenig Stücke mit hinreichend weiblichen Rollen. Die Männerzentrierung der Theaterwelt fängt also schon früh an, hält sich bis ins hohe Alter und scheint – von der Reichenau bis zum Broadway – ein universelles Phänomen zu sein. Auch für die Challenge-Produktionen bewerben sich tendenziell viel mehr Mädchen als Jungen.
Bei dem von James Lang (Buch, Regie) und Simon Kräutler (Musik) geschriebenen Musical Ego, das Ende April im Rahmen des Challenge-Programms seine Uraufführung erlebt, wirken beispielsweise sechs Mädchen und ein Junge mit. Der hat allerdings mit der Figur des Max Kaiser die Hauptrolle inne. Da könnte – Musical hin oder her – also inhaltlich schon noch ein wenig mehr gegendert werden. Doch einmal abgesehen davon: Allein durch die Tatsache, dass in dieser Produktion sieben junge Leute ein eigenes Musical erarbeiten, reklamiert sich das Jugendland zusehends selbstbewusst in die Kulturszene hinein.