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MOLEcafé

Kein Raum ohne Macht

#04 2011 / Jürgen Tabor

Über Susanne M. Winterlings Arbeit als Fellow des Künstlerhauses Büchsenhausen

Die parallel geführten MOLE-Kolumnen Importiert und Exportiert widmen sich in Zeiten fluktuierender und flexibel-sein-wollender oder -müssender Lebenssituationen der Arbeit von Menschen, die nach Tirol gekommen oder von Tirol weggegangen sind. Es geht also um Menschen, die in irgendeinem Zusammenhang die Kultur vor Ort öffnen, indem sie über die Spuren, die sie legen, potentiell andere Denkweisen und Lebensmuster einfließen lassen.

Wie bei der Künstlerin Susanne M. Winterling, der dieser kurze Text gewidmet ist, bedingt die Eröffnung einer neuen Verbindungslinie – gleichsam einer interkulturellen Kommunikationsleitung – keineswegs eine lange oder ständige Präsenz vor Ort. Vielmehr kommt es auf die gesellschaftliche Anbindung der Ideen, die der Arbeit zugrunde liegen, und auf deren Qualität und Sedimentierung an.

Wie bei vielen Fellows des Künstlerhauses Büchsenhausen in Innsbruck – Susanne M. Winterling ist von Oktober 2010 bis Juni 2011 dort Stipendiatin – weist Winterlings Arbeit eine solche Relevanz auf. Eine Bedeutsamkeit, die auf einer konsequenten Fokussierung einer gesellschaftlichen Struktur basiert: dem Zusammenhang zwischen dem eigenen Ich in seinen körperlichen, mentalen, medialen Identitäten und den gesellschaftlichen Zurichtungen, die auf dieses komplex zustande gekommene Ich unvermeidlich einprasseln. Was Susanne M. Winterling, die zuerst Kunstgeschichte und anschließend Kunst in Hamburg und Braunschweig studierte, in diesem wechselseitigen Streit fokussiert, ist auf gewisse Weise die „Persönlichkeit“ des historisch Gegebenen, wobei sie immer wieder die modernistischen und dabei männerdominierten Denkmuster in der Zeit rund um die 1920er Jahre aufgreift und ebenso ausgefeilt wie „giftig“ unterminiert.
Ein Beispiel ist ihre Beschäftigung mit den Kreationen und Behauptungen modernistischer Architekten wie Mies van der Rohe und Le Corbusier. Bei ihrer für die Berlin Biennale 2008 konzipierten Arbeit Eileen Gray, the jewel and troubled water setzte sie mitten in Van der Rohes entleertem Glas-Stahl-Skelett der Neuen Nationalgalerie eine Art subversives Eingeweide. Es handelte sich dabei um zwei Raumkörper, um angedeutete „Lungenflügel“, in denen sie in 16mm-Filmen, Fotografien und speziell designten Objekten eine Gegengeschichte positionierte. Ausgangspunkt dieser non-konformistischen Geschichte der Moderne war die Arbeit der Architektin Eileen Green (1878-1976), die sich gegen Le Corbusiers Postulat vom Haus als Wohnmaschine für eine von Innen nach Außen gedachte, von den Bewohnern aus entwickelte Form des Bauens einsetzte – eine Position, die in der männerdominierten Welt der Architektur lange marginalisiert und aufgerieben wurde. Zu Unrecht, wie Winterling zeigte, indem sie in ihren Stücken den dominanten Modernismus nicht einfach dekonstruierte, sondern mit subtil schönen „gegen-modernistischen“ Entwürfen konfrontierte.
In ihrer Zeit in Innsbruck widmet sich Susanne M. Winterling anhand von Analysen historischer und gegenwärtiger Filme, einem Roundtable und der Erarbeitung einer „Bibliothek“ mit Referenzmaterial den Mustern, Verdrängungen und (filmischen) Repräsentationen jener Architekturlandschaften, die die Randzonen des städtischen Lebens prägen.