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MOLEcafé

Lippenbekenntnisse

#04 2011 / Evelin Stark

Stefanie Stolz ist Filmvorführerin. Ihre Leidenschaft für das Kino hat sie zu ihrem Beruf gemacht.

Sie ist inzwischen einer der guten Geister des Cinematograph, mehrmals pro Woche ist sie quasi „Hausherrin“ – verkauft Tickets, ist Barfrau und tut dann das, was eigentlich ihr Job ist: Filme vorführen. Als einzige Frau im Vorführerteam der Innsbrucker Programmkinos Leokino und Cinematograph ist es interessant, dass gerade sie diejenige mit der besten „Ausbildung“ ist. Wobei es im eigentlichen Sinne keine Ausbildung zum Filmvorführer gibt – keine Lehre, kein Studium, vielmehr ist es ein Learning by Doing, Knowhow, das weitergegeben wird. In Stolz’ Fall war es der Hauptvorführer des Augartenkinos in Graz, der bereits seit Jahrzehnten dort arbeitet, der sie „unterrichtet“ hat. „Zum Lernen braucht man 80 Stunden“, hieß es damals. Zuschauen ohne etwas anfassen zu dürfen, das ist der Anfang – bis man dann nach ca. zwei Monaten selbstständig in der Vorführkammer arbeiten darf.
Licht einschalten, Trailer einlegen, Film einlegen, Lautstärke einstellen, Objektiv checken – das sind die ersten Schritte, die zu machen sind, bevor irgendetwas passieren kann. Der Film wird wie bei einer Nähmaschine von der Filmrolle über etliche Spulen gespannt, bevor er vor die Linse kommt und dann über weitere Umwege schlussendlich auf eine leere Rolle gespult wird. Doch wie kommt der Film auf die allseits bekannte Rolle? Der Film, üblicherweise im 35mm-Format, wird in so genannten „Akten“ geliefert, die je aus rund zwanzig Minuten bestehen. Um den Film vorführen zu können, muss er auf eine Filmrolle gespult werden. Während dieses Aufbaus werden die einzelnen Akte aneinander geklebt und gleichzeitig die Bilder mitgezählt, um zu sehen, wie viele    Minuten tatsächlich da sind. Diese Arbeit verlangt viel Konzentration, denn es kann passieren, dass die gelieferten Akte nicht zurückgespult sind, und es wäre den meisten Filmen wenig zuträglich, wenn plötzlich mitten in der Vorführung die Geschichte rückwärts und kopfüber erzählt würde. Bloß, wie weiß man, wo Anfang und Ende ist? Stolz hat einen ganz eigenen Trick, um sicherzugehen: „Es gibt immer eine bedruckte und eine unbedruckte Seite. Wenn man den Filmstreifen zwischen die Lippen nimmt und bewegt, bleibt eine Seite an der Lippe hängen, und so weiß ich, ob die Enden richtig zusammengeklebt wurden.“ Etwa sechzig Minuten Film haben auf einer Rolle Platz, der Rest wird auf eine zweite Rolle gespult. Zwei Projektoren sind also notwendig, um eine Vorführung in Spielfilmlänge ohne Unterbrechung bewerkstelligen zu können. Ist die eine Rolle fertig, erkennt das Gerät an der Endmarkierung automatisch, dass der zweite Projektor starten muss – im Fachjargon heißt das „Überblende“. „In Graz hatten wir Tellerbetrieb – der ganze Film war auf einem Teller. Das ist einerseits angenehm, weil es keine Überblende gibt, andererseits sind die Filme dann viel schwerer zu transportieren. Wenn ein Film in verschiedenen Sälen lief, mussten wir ihn in einem Stück von einem Vorführraum zum anderen tragen – das sind teilweise über 30 Kilo“, erklärt die 24-Jährige. In Innsbruck konnte Stefanie Stolz bereits bei einer 70mm-Vorführung mitarbeiten: Krieg und Frieden wurde im Dezember gezeigt. Das Leokino besitzt sechs Stück der „Rolls Royce-Ausführung“ der weltweit insgesamt dreitausendsechshundert 70mm-Projektoren Marke Philips DP70 und begeistert das Publikum immer wieder mit Vorführungen der besonderen Art als einziges Kino in ganz Österreich. Die 70mm-Projektoren sind gleichzeitig auch 35mm-Projektoren, die im Leokino täglich in Betrieb sind. „Man muss nur ein paar Sachen umbauen“, so Stolz über die aus den 1950ern stammenden Geräte mit der klingenden roten Aufschrift „Mole Super Seventy“.
Sie liebt Filme, sagt Stolz, doch sich von der Vorführkammer aus einen ganzen Film anzusehen, das mag sie nicht. Da geht sie dann doch lieber ins Kino.