Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Literatur

HÄMANATOMIE

I. Wie das Blut aus den Blutgefäßen in das Bindegewebe austritt

Sie besuchten einmal im Monat Mutti. Mutti war alt und hässlich. Früher bin ich jung und schön wie eine Göttin gewesen, erzählte Mutti. Onkel Erhard nickte, Tante Jutta nickte, Großtante Wilma nickte, Muttis Sohn nickte, sie nickte. Dann wurde geschwiegen, bis Tante Jutta verkündete: Wir haben etwas zum Naschen mitgebracht. Und Onkel Erhard sagte: Wir haben sieben Punschkrapfen für sechs bekommen. Großtante Wilma strich ihrem kurzatmigen Mops über den Kopf: Da freust du dich! Mutti rief: Gläser, Ameisenbärchen, Gläser! Ameisenbärchen brachte Gläser. Ameisenbärchen schenkte Cognac ein. Ameisenbärchen sprach einen Toast. Ameisenbärchen prostete ihnen zu. Ameisenbärchen küsste sie auf die Wange. Auf die Wange küsste Ameisenbärchen sie, auf die Ameisenbärchen sie später geschlagen haben wird.
Nachdem getrunken und gegessen, nachgeschenkt und wieder angestoßen worden war, brachen sie auf; Tante Jutta, Onkel Erhard, Großtante Wilma und Mops mit im Auto. Tante Jutta und Onkel Erhard stiegen beim Bahnhof aus und winkten. Sie fuhren zum Altersheim weiter. Großtante Wilma schickte eine Kusshand und Mops bellte. Sie fuhren nach Hause. Er küsste und sie jaulte.
Ein Zungenkuss. Sie setzte sich auf den Badewannenrand. Wenn wer sitzt, dann ich und nicht du, Zewa! Er nannte sie gerne nach Produkten. Kosenamen, wie er dazu sagte. Ich, nicht du! Hast du gehört! Er schrie und seifte ihr den Mund ein. Die Sonnenbrille fiel aus ihren Haaren auf den Boden. Ihr Gesicht wurde ganz weiß. Weiß wie die Wanne mit dem blaugrünen Schmutzrand. Er hob die Sonnenbrille auf.
Wo hast du die neue Sonnenbrille her?, schrie er. Sie schwieg. Wo hast du die neue Sonnenbrille her?, schrie er noch einmal. Er schrie den gleichen Satz drei Mal. Beim dritten Mal zog sie unwillkürlich die Schultern in die Höhe. Er brüllte: Ich habe dich etwas gefragt! Da sagte sie: Das würde ich auch gerne wissen, woher ich sie habe.

II. Wie die verletzte Gehirnmasse von vorübergehenden Funktionsstörungen betroffen ist

Ich kann dich nicht riechen. Wie fühlst du dich, Zewa? Sie versuchte sich aufzurichten: Was ist passiert? Er drückte sie sanft ins Kissen zurück: Ich weiß es nicht. Ich bin nach Hause gekommen und habe dich gefunden. Du warst bewusstlos. Ich habe sofort die Rettung gerufen. Ich kann mich an nichts mehr erinnern, sagte sie. Du musst dich geschnitten haben, Zewa. Geschnitten? Sie sah ihn erstaunt an. Er nickte. Ich kann mich an nichts mehr erinnern, wiederholte sie. Wir werden das scharfe Küchenmesser wegwerfen, sagte er. Das Küchenmesser? Ich will nicht, dass noch einmal so etwas passiert! Auch ich habe mich schon mit diesem Messer geschnitten, kannst du dich erinnern, Zewa? Ich kann mich erinnern, murmelte sie. Du hast Glück gehabt, sagte er – und: Es hätte noch viel schlimmer ausgehen können.
Glück gehabt, sagte der Arzt. Der Schädel ist geprellt, nicht gebrochen. Er bat draußen zu warten, schloss die Tür, räusperte sich und fragte: Die Rissquetschwunden Ihrer Finger? Das Schlagen der Flügel übertönte die Frage des Arztes. Rissquetschwunden der Finger? Die Flügel schlugen heftiger. Meiner Finger? Flügelschlagen. Flügelschlagen. Flügelschlagen. Sie flog nicht. Sie fiel.
Wir haben etwas zum Naschen mitgebracht, hörte sie und öffnete die Augen. Tante Jutta und Onkel Erhard lächelten sie an. Achtzig Prozent aller Unfälle passieren im Haushalt, hörte sie Mutti von der anderen Seite und drehte den Kopf: Neben Mutti stand Großtante Wilma, die Hände verschränkt. Der Haushalt ist gefährlich, seufzte Onkel Erhard. Ich habe das scharfe Messer schon entsorgt, kam es von der Tür – und: Mmh, Punschkrapfen!
Ihre Frau muss strenge Bettruhe einhalten, sagte der Arzt zum Abschied. Bettruhe einhalten hieß Zigarettenstummel, Korken, Taschentücher, Servietten, Unterhosen, Brillenputztücher, Socken, Zeitungen auflesen. Hieß Teller, Tassen, Gläser, Gabeln, Löffeln, Messer, Aschenbecher abwaschen. Hieß Hemden, Hosen, T-Shirts, Unterhosen, Bettwäsche, Handtücher bügeln. Hieß Brotrinden, Eierschalen, Apfelhälften, Werbeprospekte, Weinflaschen wegwerfen. Hieß Vorzimmerspiegel, Lampenschirm, Fernseher, Meyers Taschenlexikon abstauben. Hieß Klo, Schlafzimmer, Wohnzimmer putzen. Hieß das Gelb in der Schüssel, das Weiß auf der Matratze und das Rot auf den Flügeln entfernen.

III. Wie das Gehirn sich wieder erinnert

Das Rot klebte. Sie nahm ein Messer und schabte es von den Lamellen ab. Sie hörte den Arzt: Die Rissquetschwunden Ihrer Finger? Sie sah auf ihren Verband. Rissquetschwunden? Sie konnte sich nicht erinnern. Flügelschlagen. Flügelschlagen. Flügelschlagen – und da flog es auf:
Wo hast du die neue Sonnenbrille her?, hatte er geschrien. Sie hatte geschwiegen. Wo hast du die neue Sonnenbrille her?, hatte er noch einmal geschrien. Er hatte den gleichen Satz drei Mal geschrien. Beim dritten Mal hatte sie unwillkürlich die Schultern in die Höhe gezogen. Er hatte gebrüllt: Ich habe dich etwas gefragt! Da hatte sie gesagt: Das würde ich auch gerne wissen, woher ich sie habe.
Wie das Schlagen von Flügeln hatte es sich angehört, als er ihre Finger in den Ventilator gehalten hatte. Mutti hatte ihnen den alten Ventilator geschenkt und sich einen mit Schutzgitter gekauft.
Er hatte die Hand wieder herausgezogen und geschrien: Wiederhole! Dann hatte er ihr vorgesprochen: Ich kaufe nie wieder eine Sonnenbrille, ohne zu fragen! Ich kaufe nie wieder eine Sonnenbrille, ohne zu fragen, hatte sie geschluchzt. Noch einmal! Tränen waren das Gesicht hinuntergeronnen. Noch einmal! Ich kaufe nie wieder eine Sonnenbrille, ohne zu fragen, hatte sie gewimmert. Wiederhole: Ich liebe Mutti. Wie bitte? Hörst du schlecht! Ich liebe Mutti, sollst du sagen! Sie hatte geschwiegen. Er hatte den Ventilator eine Stufe höher gedreht. Sie hatte geschrien. Er hatte ihre Hand festgehalten und gebrüllt: Ich liebe Mutti, sollst du sagen! Ich liebe Mutti. Ihre Stimme hatte versagt. Lauter! Ich liebe Mutti. Noch einmal! Ich liebe Mutti. Jetzt alles zusammen: Ich kaufe nie wieder eine Sonnenbrille, ohne zu fragen. Ich liebe Mutti! Sie hatte geschluchzt: Ich kaufe nie wieder eine Sonnenbrille, ohne zu fragen. Ich liebe Mutti.
Stille. Bis auf das Schlagen der Flügel.
Dreh ihn ab, hatte sie geflüstert.
Was sagst du!
Dreh ihn ab.
Was!
Mir ist kalt.