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Shopping Mall statt Zukunftsvision

Mit dem Abriss der ehemaligen Tabakfabrik für den Bau einer Shopping Mall verliert Schwaz ein Kernstück seiner urbanen Identität und mutiert zu einem gesichtslosen Konsumzentrum.

Das postmoderne Subjekt sei ein städtischer Spaziergänger, ein urbaner Flaneur, so der Philosoph und Soziologe Zygmunt Bauman. Die Orte, an denen es flanieren kann, so Bauman weiter, seien seit geraumer Zeit bedauerlicherweise aber immer häufiger nur noch jene, die das Subjekt auf eine bestimmte, sehr limitierte „Funktion“ als Konsument reduzieren und urbane Lebenswelten ihrer gewachsenen Identität berauben – Einkaufszentren, Shopping Malls, wie sie in europäischen Städten nach US-amerikanischem Vorbild in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden schießen – auch in Tirol. So entstehen in Schwaz derzeit die Stadtgalerien, das „neue Tor zur Stadt“, „eine Shopping Mall des 21. Jahrhunderts, die alle Möglichkeiten bietet“, wie es in der Projektbeschreibung heißt. 12.000m2 Verkaufsfläche, verteilt auf zwei Ebenen, sollen „Arbeit, Freizeit, Unterhaltung und Spaß zu einer Einheit verschmelzen“ lassen und Schwaz „neue Impulse für die zukünftige Entwicklung“ geben. – Eine Shopping Mall zur Belebung der Innenstadt also, gelegen am Rande des historischen Stadtkerns, direkt am Ufer des Inns. Bis vor kurzem stand auf dem Areal, auf dem die Mall gebaut wird, noch die 1830 erbaute Tabakfabrik Schwaz.

Die „Tschiggin“, wie die Fabrik in Schwaz genannt wurde, prägte das Erscheinungsbild des Ortskerns in etwa so wie das Kaufhaus Tyrol das Erscheinungsbild der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße mitprägt. Man sollte daher auch meinen, dass die Stadtpolitik, in deren Aufgabenbereich auch der Ortsbildschutz fällt, die Verantwortung für die Gestaltung des Areals unbedingt übernehmen hätte wollen, als das Areal 2005 als Spätfolge der Privatisierung der Austria Tabak AG zum Verkauf stand.  Dies hätte ermöglicht, das Hauptgebäude der Fabrik, das über hundert Jahre lang fixer Bestandteil des Schwazer Stadtbildes war und ein großes Stück urbaner Identität darstellte, schützen zu können. Doch anders als etwa in Linz, wo die Stadt selbst jüngst die Linzer Tabakfabrik erstand, um das denkmalgeschützte Hauptgebäude zu revitalisieren, war dies zu keinem Zeitpunkt ein Thema in der Schwazer Stadtpolitik.
Bürgermeister Hans Lintner überließ dem Schwazer Industriellen Günther Berghofer das Areal zu kaufen, und wollte gemeinsam mit ihm etwas Neues schaffen, eine Vision entwickeln zur Belebung der Innenstadt. Die gemeinsame Vision bestand zunächst darin, die Tabakfabrik vollständig abzureißen. Ursprünglich solle stattdessen in der Folge ein Projekt des Architektenteams Henke und Schreieck realisiert werden, das Mall immerhin noch mit urbanem Wohnen/Arbeiten verband und als einstimmiger Sieger eines Architekturwettbewerbs hervorging, den die Stadt Schwaz ausgelobt hatte. Nachdem in der Ausschreibung jedoch jener wichtige Passus fehlte, wonach der Auftrag auch an den Wettbewerbssieger gehen müsse, durften Henke und Schreieck nach langwierigen Verhandlungen mit dem Bauherrn schließlich aus der Zeitung erfahren, dass ihr Projekt doch nicht realisiert werden würde.

Realisiert wird nun plötzlich ein anderes Projekt nach Plänen des auf Shopping Malls spezialisierten Wiener Architekten Brunner – der Baubeginn ist bereits erfolgt. Das aktuelle Projekt sieht eine viel dichtere Verbauung des Areals vor, bietet mehr Verkaufsfläche und verzichtet auf eine Verbindung von Einkaufen und Wohnen fast gänzlich. Einzig der vorgesehene Stadtsaal, ein neues Kulturzentrum, findet, wie ursprünglich vorgesehen, nach wie vor seinen Platz, allerdings in luftigen 10,70m (!) Höhe, sozusagen als kleines Beiwerk, das das Shoppingvergnügen auf zwei darunterliegenden Etagen nicht stört. Wie sich Kultur und Konsum hier zueinander verhalten, ist offensichtlich, Kultur ist hier nur schmückendes Beiwerk.
Der Bau des lang ersehnten Stadtsaals der 13.000-Einwohner-Stadt trotz Verwerfung des ursprünglich gemeinschaftlich beschlossenen Bauprojekts dürfte auch nach wie vor der Grund dafür sein, warum die Schwazer Stadtpolitik Berghofer weiterhin nicht nur gewähren lässt, sondern ihn nach Kräften unterstützt. Denn die Errichtung des Stadtsaals war schließlich Wahlprogramm und rechtfertigt viele jener Gemeinderatsbeschlüsse, die seit 2005 bezüglich des Bauprojekts „Stadtgalerien“ ohne Diskussionen gefallen sind. Dass Schwaz einen Stadtsaal brauchen könnte, steht außer Zweifel. Doch die Frage, die sich inzwischen stellen muss, lautet wohl: Ist der Preis, den die Stadt Schwaz dafür bereit ist zu zahlen, nicht viel zu hoch?
Was den BürgerInnen als positiver Synergieeffekt zwischen Politik und Wirtschaft verkauft wurde, entpuppte sich als Machtkampf zwischen Investor und Stadtverwaltung, den die Stadt spätestens dann verloren hatte, als ein Architekturwettbewerb ausgelobt wurde, dessen Ergebnis keinerlei Verbindlichkeit besaß. Seither scheinen die Machtverhältnisse in der Zweckehe Politik-Wirtschaft eindeutig geklärt. Und so zeigt sich nun am bisherigen Verlauf des Bauprojekts Stadtgalerien Schwaz, was passieren kann, macht sich die Politik zu einem bloßen Anhängsel der Wirtschaft: Nicht nur hat Schwaz durch den Abriss der Tabakfabrik ein wertvolles Stück urbaner Identität bereits für immer verloren, die Neugestaltung des Ortsbildes liegt nunmehr einzig in den Händen eines Privatinvestors, denn alle Widmungen sind bereits passiert, der Politik somit die Hände gebunden. War der Bau des Stadtsaals wirklich wert das architektonische Erscheinungsbild des Ortskerns zu riskieren? Wären der Bau des Stadtsaals und die Belebung der Innenstadt nicht vielleicht sogar besser möglich gewesen, hätte die Stadt selbst die Verantwortung für die Gestaltung des Areals übernommen, etwa indem man dem alten Fabrikgebäude neues Leben eingehaucht hätte, wie dies in anderen Städten (New York, Chelsea Market in den Gebäuden der ehemaligen National Biscuit Company; Berlin, Hackesche Höfe, Krems, Donauuniversität, Hallein, Kletterhalle in der ehemaligen Rohde-Fabrik) höchst erfolgreich geschehen ist? Hätte nicht die Politik wenigstens nachdem das gemeinsame Projekt Henke und Schreieck verworfen wurde, einen Schlussstrich unter diese „Kooperation“ setzen müssen?

Es verwundert kaum, dass die Politik zusehends in Rechtfertigungsnot gerät und sich jüngst Widerstand in der Schwazer Bevölkerung regt – nicht zuletzt deshalb, weil sie unter einem akuten Informationsdefizit leidet. An sich wäre es Aufgabe der Politik gewesen, die Bürgerinnen und Bürger von allem Anfang an ausführlich darüber zu informieren, was mit dem riesigen Areal im Stadtzentrum passieren soll. Nachdem jedoch bezüglich des Projekts Stadtgalerien/Stadtsaal erstaunliche Einigkeit unter allen politischen Parteien herrschte, die im Gemeinderat vertreten sind, und eine öffentliche Diskussion, anders als in Innsbruck beim Bau des Kaufhaus Tyrol, offensichtlich nie erwünscht war, waren die Schwazer BürgerInnen in Sachen Informationsbeschaffung bisher weitgehend sich selbst überlassen. Wie groß ihr Informationsdefizit tatsächlich ist, zeigt nun die Website www.stadtgaleeren.at der Bürgerplattform Stadtgaleeren Schwaz, die von Rens Veltman, Margarethe Heubacher-Sentobe und Charly Grill initiiert wurde, mit dem Ziel, ähnlich wie dies bei der Revitalisierung des Kaufhaus Tyrol geschehen ist, jene längst überfällige Nachdenkpause zu erwirken, die einen architektonischen Skandal in Schwaz noch verhindern könnte. Die Website dokumentiert den Verlauf des Bauvorhabens, ruft die Schwazer BürgerInnen zum Protest auf und enthält darüber hinaus auch Fotos der Tabakfabrik aus den 1970er-Jahren, als diese noch intakt war.
Nicht zuletzt diese Fotos sind es, die die berechtigten Fragen aufwerfen, wo das Bundesdenkmalamt war, als die Fabrik zum Abriss freigegeben wurde und ob es nicht eine allzu große Fahrlässigkeit der Politik war, keinen Versuch zu unternehmen, die Fabrik als Industriedenkmal zu erhalten. Dies jedoch hätte Mut erfordert, hätte eine echte Vision für die Entwicklung eines neuen Stadtbildes vonseiten der Politik gebraucht, die wirtschaftliche Interessen der Erhaltung von Kulturgut und gewachsener urbaner Identität nachstellt, und so das postmoderne Subjekt nicht degradiert zum bloßen Einkäufer, sondern es, mit Bauman gesprochen, vom traurigen Schicksal eines Konsum-Flaneurs inmitten gesichtsloser Mall-Architektur bewahren hätte können. Es hätte letztlich eben jenes Engagement bei der Gestaltung des Schwazer Stadtkerns erfordert, das eine Initiative wie Stadtgaleeren Schwaz beweist und das die Schwazer Stadtpolitik bedauerlicherweise über die letzten Jahre so schmerzlich vermissen lässt.

Info
Stadtgaleeren Schwaz: Die Website der Bürgerplattform rund um Rens Veltman, Margarethe Heubacher-Sentobe und Charly Grill ruft die „Zivil-gesellschaft“ zum Protest auf. Sie beinhaltet Protokolle projektrelevanter Gemeinderatssitzungen, die mediale Berichterstattung sowie die Projekt-beschreibungen der Architektenentwürfe. Außerdem dokumentieren zahlreiche Fotos, was auf dem Areal der Tabakfabrik Schwaz vor sich geht: vom Abriss der Fabrik über das Fällen der Kastanienallee, das plötzlich notwendig geworden war, bis zum aktuellen Baufortschritt.