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MOLEcafé

Von Filmen & Menschen

#04 2011 / Jens Nicklas

Das Internationale Film Festival Innsbruck, verführerisches Schaufenster für Filme aus Lateinamerika, Afrika, Zentralasien und Osteuropa, wird 20 Jahre alt. Eine Annäherung.

Innsbruck ist weder Berlin noch Venedig noch Rotterdam. Und Innsbruck ist nicht Nyon, Oberhausen oder Karlsbad. Doch Innsbruck hat, was all diese größeren und kleineren Städte auch haben: ein Filmfestival. Zugegeben, die gibt es wie Sand am Meer, es heißt, dass pro Tag weltweit etwa zehn Filmfestivals laufen, pro Jahr gibt es 3.000 bis 4.000. Um bei einer solchen Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Filmschaffenden nicht bald unterzugehen, braucht es viel Arbeit, etwas Glück, eine ordentliche Portion Ausdauer und vor allem eine eindeutige Positionierung. Wenn dann noch die richtigen Leute an der richtigen Stelle sitzen, dann kann ein Filmfestival auch 20 Jahre alt werden.
Genau dieses gesetzte Alter erreicht das Internationale Film Festival Innsbruck (IFFI), wenn es heuer vom 31. Mai bis zum 5. Juni  über die Bühne geht.

Die Geschichte des IFFI ist einmalig, und dennoch nicht ganz untypisch für Innsbrucker Kulturinitiativen. Schon der oberflächliche Vergleich mit dem Festival einer ähnlich großen Stadt, dem Crossing Europe in Linz, macht das sichtbar. Das IFFI wurde offiziell nie gegründet, es ging zum einen aus dem Programm des vom Otto Preminger-Instituts (OPI) betriebenen Cinematograph-Kinos hervor, zum anderen verdankt es seine Entstehung dem 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus. Denn aus diesem Anlass wurden unter dem Namen America Film Festival Filme gezeigt, die sich mit dem amerikanischen Kontinent auseinandersetzten, Schwerpunkt: Lateinamerika. Das Crossing Europe Festival in Linz hingegen wurde am Reißbrett gegründet. Es entstand 2004 mit dem Blick auf das Kulturhauptstadt-Jahr 2009, bekam ein ordentliches Budget, engagierte eine prominente Festivalleiterin; auch ein moderner Schwerpunkt – Erst- und Zweitlingsfilme aus Ost- und Mitteleuropa –wurde rasch gefunden.

Beide Ansatzpunkte haben Vor- und Nachteile. So war Crossing Europe gerade zu Beginn hauptsächlich ein Festival für Leute aus der Filmbranche, das IFFI ein reines Publikumsfestival, dessen Vorführungen regelmäßig ausverkauft waren und das sich immer auch über Besucherzahlen legitimierte. Dafür hatte das Crossing Europe ein Entwicklungspotential und eine Planungssicherheit, von der die Verantwortlichen in Innsbruck nur träumen können. Erst nach sieben Jahren – mittlerweile wurde das America Film Festival in Cinevision und schließlich in Internationales Film Festival Innsbruck umbenannt – und der Übernahme des renovierten Leokinos durch das OPI bekam das IFFI einen offiziellen Wettbewerb mit einem vom Land Tirol ausgelobten Preis. Nicht ganz uninteressant ist, dass dieser Preis damals 70.000 Schilling betrug. Heute ist der Filmpreis des Landes Tirol mit 5.000 Euro dotiert. Bei allem prinzipiellen Wohlwollen der Politik dem Festival gegenüber spricht diese Nichterhöhung des Hauptpreises eine deutliche Sprache. Man darf das getrost als ein Signal unter vielen verstehen, dass das Medium Film bei den KulturpolitikerInnen in Tirol eine bescheidene, eine äußerst untergeordnete Rolle spielt.
Auch aufgrund der skizzierten Rahmenbedingungen ist das IFFI ein im guten Sinne altmodisches Festival. Es entstand weniger aus Kalkül, sondern vielmehr aus Liebhaberei, aus einem cineastischen Furor, den der Mitbegründer und langjährige Festivalleiter Helmut Groschup über zwei Jahrzehnte zu entwickeln vermochte. Mit dem institutionellen Hintergrund des OPI wurde das IFFI zumindest nach außen zu einer Ein-Mann-Show und Groschup brachte Filme und FilmemacherInnen nach Innsbruck, die man in hiesigen Kinos nie zuvor sehen konnte und die für viele im Publikum so wichtig wurden, dass sie von nun an der Kunstform Film ganz neu begegneten. Diese Schiene der Filmerziehung, dieser Kontakt mit Unerhörtem und Ungesehenem sollte nicht unterschätzt werden, denn aus ihm erwächst eine grundsätzliche kulturelle Haltung, die dem Neuen gegenüber offen und aufgeschlossen ist. Vom heutigen Leokino über das Treibhaus und die Galerie im Taxispalais bis zur p.m.k. und den Klangspuren, Vermittler moderner Kunst brauchen ein solches Publikum. Und das IFFI mit seiner Fähigkeit zu begeistern, Menschen in Bann zu ziehen und auch in das Festival mit einzubeziehen (wie etwa die heutige Co-Leiterin Evelin Stark), schafft es, das Potential dieser Stadt gleichzeitig zu nutzen und zu entwickeln.

Letztlich also ist das IFFI, was auch sein Leiter ist: Filmvermittler. Ein ganzes Jahr lang werden Filme gesichtet, andere Festivals besucht, Kontakte geknüpft, Rahmenbedingungen geschaffen und dieser Rahmen dann stetig aufgefüllt. Mit Filmen, aber auch mit Kooperationspartnern. Diese Vernetzung ist zum Kennzeichen des Festivals geworden, Kooperationen gibt es etwa mit dem Goethe-Institut, dem Treibhaus, der Caritas, verschiedensten Instituten der Universität Innsbruck, mit befreundeten Filmfestivals oder mit Südwind Tirol, jener entwicklungspolitischen Organisation, die mit der SchülerInnen-Jury einen weiteren wichtigen Aspekt der Filmerziehung abdeckt. Das Vermitteln von Filmen – gerade wenn es wie bei Festivals in einer kurzen, intensiven, spannenden Zeit der erhöhten Aufmerksamkeit passiert – geht nie ohne den Kontakt mit jenen, die diese Filme machen. Filmschaffende aus allen Kontinenten fanden schon ihren Weg nach Innsbruck, vom Franzosen Jean Rouch bis zum Argentinier Fernando Birri, von Shaji N. Karun aus Indien und Antonio Skármeta aus Chile bis zu Ousmane Sembene aus Senegal, von Jill Godmilow aus den USA bis zu Goran Paskaljevic aus Serbien oder Raoul Peck aus Haiti. Nicht umsonst wird, wenn vom IFFI die Rede ist, von der Erweiterung des Kinohorizonts gesprochen, von einem Blick auf andere, fremdere Welten, die wiederum einen anderen, fremderen und also neugierigeren Blick auf die eigenen Welten ermöglichen. Nimmt man das Schauen auf die Filme, die das Festival seit nunmehr 20 Jahren zeigt, ernst, dann lebt man tatsächlich jenen Austausch zwischen den Welten, den man gemeinhin als Kultur definiert.
Die Zukunft des IFFI liegt mit Sicherheit in seiner Programmierung, aber, so hat man das Gefühl, auch im Aufbrechen der so angenehm altmodischen Atmosphäre. Eine selbstbewusste Weiterentwicklung, die sich neues Publikum erschließt, die dem Rahmenprogramm erhöhte Aufmerksamkeit widmet, die das Festival noch mehr in der Stadt verwurzelt und durch eine Mischung aus familiärem Charme und modernem Management darauf besteht, Anfang Juni in Innsbruck die kulturelle Hoheit zu besitzen, all dies ist sichtbar. Und notwendig, um weitere 20 Jahre das Weltkino nach Innsbruck zu bringen.