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MOLEcafé

Aufstand der Prekären

#05 2011 / Simon Welebil

Während prekäre Arbeitsbedingungen immer mehr um sich greifen, beginnt auch der Widerstand gegen Prekarisierung zu wachsen, getragen von der Mittelschicht.

Der Heilige hat seinen ersten Auftritt gut gewählt. Er erscheint an einem Sonntag, in einem neu eröffneten Supermarkt in Mailand. Als einige Gläubige zu beten beginnen, halten die Kassiererinnen kurz im Scannen der Waren inne und KundInnen lösen irritiert ihren Blick von den Konsumgütern. Es sind vorwiegend junge Menschen, die San Precario anrufen, den Schutzherren aller Prekären der Welt. Sie bitten ihn um finanzielle Absicherung, bezahlten Urlaub, Sozialleistungen und die Einstellung der Sonn- und Feiertagsarbeit. Nach einigen Minuten ist die Aktion im Supermarkt vorüber, doch San Precario bleibt über Jahre Gesprächsthema. Zu seinem ersten Erscheinen vor sieben Jahren haben sich viele andere gesellt, zuletzt wurde er am 14. Mai auf der Turiner Buchmesse gesehen.
San Precario ist eine Erfindung der Mayday-InitiatorInnen, die, seit sie 2001 in Mailand die erste Mayday-Parade veranstaltet haben, jedes Jahr Tausende Menschen gegen prekäre Arbeitsbedingungen auf die Straße bringen. Ihre Wortmeldungen und Publikationen zeugen von groß angelegter Strategie und hoher Bildung. So schreiben etwa AktivistInnen, mit San Precario hätten sie eine Symbolfigur für den Kampf der prekär Beschäftigten und prekär Lebenden schaffen wollen, eine Art von urbaner Aktivismus-Franchise zur sozialen Selbstrepräsentation und in weiterer Folge zur Organisierung des Prekariats. Die AktivistInnen verstehen Popkultur und Werbetechniken überzeugend einzusetzen und damit den Diskurs über die Transformation von Arbeitsverhältnissen zu verändern. Mit dem Heiligen hätten sie Italien gezwungen, nicht mehr euphemistisch von Flexibilität, sondern von Prekarisierung zu sprechen. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse sind vor den Vorhang geholt worden und in der ersten Reihe der Prekären zeigen sich AkademikerInnen.

Prekär arbeiten oder leben bedeutet vor allem Unsicherheit. Prekäre sind Menschen mit geringer Einkommenssicherheit. Das können ArbeiterInnen in Normalarbeitsverhältnissen, sogenannten Festanstellungen, sein, deren Einkommen nicht zum Auskommen reicht oder deren Arbeitsplatz bedroht ist, häufiger sind mit Prekäre aber Menschen mit atypischen Arbeitsverhältnissen gemeint, Teilzeitangestellte, LeiharbeiterInnen, jene, die auf Basis von freien Dienst- und Werkverträgen arbeiten oder nur befristete Arbeitsverträge haben. Prekäre Arbeit nimmt in ganz Europa zu und Italien nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein. Ein Großteil aller neuen Arbeitsverträge dort ist nur mehr befristet und AktivistInnen schätzen die Zahl der dadurch entstandenen „FlexWorkerInnen“ bereits auf über sieben Millionen.
In Österreich hinkt diese Entwicklung noch ein wenig nach, doch auch hierzulande sind die Zahlen dramatisch. Etwa sieben Prozent der Erwerbstätigen, 250.000 Menschen, seien „Working Poor“ meint die Gewerkschafterin Andrea Schober, also Menschen, die trotz Arbeit konkret von Armut gefährdet sind, 50.000 davon seien mit freien Dienstverträgen ausgestattet und 55.000 WerkvertragsnehmerInnen.

Der Wandel von der Industrie- zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft in Europa bringt auch einen Wandel in der Arbeitswelt mit sich. Durch neue Informations- und Kommunikationstechnologien entstehen neue Formen der Arbeitsorganisation, die zwischen lohnabhängig und selbständig-unternehmerisch angesiedelt sind und komplexe Beschäftigungssituationen mit hohen Selbständigkeitsraten, Mehrfachbeschäftigungen und wenig planbaren Erwerbsverläufen ergeben. In Österreich trifft das auf viele der „Neuen Selbständigen“ zu, all jene, die eine gewerbliche Tätigkeit ausüben, für die sie keinen Gewerbeschein benötigen: ArchitektInnen, DolmetscherInnen, TrainerInnen, Hebammen, JournalistInnen, IngenieurInnen, KuratorInnen, PsychologInnen, KrankenpflegerInnen, LogopädInnen, PhysiotherapeutInnen, WebdesignerInnen etc. Neue Selbständige sind ein Breitenphänomen geworden, das fast alle Berufssparten einschließt. Neoliberale Unternehmensstrategien haben dazu beigetragen, dass Neue Selbständige und atypische Arbeitsformen zugenommen haben, um davon doppelt zu profitieren: Die Geschäftsrisiken und die Kosten für Sozialleistungen wurden den ArbeitnehmerInnen überwälzt und durch die Flexibilisierung der Arbeitsbeziehungen konnte die Anpassung an den schwankenden Arbeitskräftebedarf leicht und mit niedrigen Kosten erfolgen.
Die Gewerkschaft steht dieser Entwicklung annähernd machtlos gegenüber. Nur dort, wo offensichtlich Umgehungsverträge vorliegen, wo also Dienstvertrag und Berufsalltag nicht übereinstimmen, kann sie Druck ausüben und eine Festanstellung erzwingen, wie es in der Callcenter-Branche gelungen ist. In anderen Branchen versucht die Gewerkschaft vertraglich gesicherte Mindesthonorare auszuverhandeln.

„Generation Prekär“ statt „Generation Praktikum“. Unter den Prämissen des neuen Arbeitsmarktes ist im letzten Jahrzehnt eine neue Generation prekär Beschäftigter herangewachsen, der das Normalarbeitsverhältnis fremd bleibt. Schlagzeilentauglich wurde sie als „Generation Praktikum“ bezeichnet, eine Generation junger BerufseinsteigerInnen, mit hoher, oft akademischer Bildung und umfassenden beruflichen Qualifikationen, die sich aber in ihrer sozialen Lage nicht widerspiegeln. Weder ihr Beschäftigungsverhältnis noch ihr Einkommen ist ihrem Ausbildungsniveau angemessen und sie schleppen einen Rucksack voller Risiken mit sich mit. Zutreffender als Generation Praktikum beschreibt „Generation Prekär“ die Lebensrealitäten dieser Gruppen: Ihre soziale Absicherung ist mangelhaft, die Krankenversicherung wird zum Budgetproblem und wenn sie nicht durchversichert sind, entstehen Lücken in der Pensionsversicherung, die zu Altersarmut führen können. Aber bis zu einer Pension, die sich ohnehin nur mehr die Wenigsten vorstellen können, ist es noch lang hin und im Hier und Jetzt gibt es ohnehin genug Probleme. Die Generation Prekär kennt meist keine geregelten Arbeitszeiten oder eine Arbeitszeitbegrenzung genauso wenig wie Urlaubsanspruch, Weihnachts- und Urlaubsgeld oder bezahlten Krankenstand. Sie hat keinen Zugang zu einer Arbeitslosenversicherung und trägt das volle Risiko von Selbständigen. Darüberhinaus sind die Einkommen oft so niedrig, dass kaum Ansparungen gemacht werden können und schon anfallende Reparaturen zur Armutsfalle werden. Davon sind nicht nur einige wenige Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen betroffen, sondern ein Viertel aller StudienabgängerInnen, wie man aus einer aktuellen Studie des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung rauslesen kann.
Durch ihre Arbeitsbedingungen befindet sich die Generation Prekär subjektiv wie objektiv in einer sozialen Schwebelage. Ihre Lebensverläufe sind unberechenbar und unsicher. Da ihnen ständig Einkommens- oder Jobverlust drohen, verengt sich ihre Lebensplanung auf Wochen oder gar Tage. Für diese Probleme hat die Generation Prekär aber keine wirklichen Ansprechpartner, weder Wirtschafts- noch Arbeiterkammer fühlen sich für sie zuständig.

KünstlerInnen als Avantgarde? Prekäre Arbeitsbedingungen sind bei KünstlerInnen ganz besonders ausgeprägt, aber im Gegensatz zu den neuen Prekären, deren Arbeitsrechte ausgehöhlt werden, konnten sie nie wirklich welche erlangen. Kaum jemand kennt ihre Probleme besser als Daniela Koweindl. Als kulturpolitische Sprecherin der IG Bildende Kunst, der Interessensvertretung der bildenden KünstlerInnen in Österreich, berät sie Kunstschaffende in Sozialversicherungsfragen. In den über 100 Einzelgesprächen, die sie jedes Jahr führt, hört sie von mehrfachen Pflichtversicherungen in verschiedenen Sozialversicherungssystemen, bedingt durch unterschiedliche Tätigkeiten, von Selbstausbeutung und von einer Vereinzelung, die Widerstand schwer möglich macht. Diese Probleme bleiben durch den Arbeitswandel aber nicht mehr auf den Kunstsektor beschränkt, sondern breiten sich aus. Selbstausbeutung ist allgemein akzeptiert und zu einer weitverbreiteten und selbstverständlichen Notwendigkeit geworden. Ein-Personen-Unternehmen, deren einziges Produktionsmittel ein Computer mit Internetanschluss ist, droht die Vereinzelung und der Verlust sozialer Kontakte.

Der Aufschrei der Prekären ist ein Aufschrei der Mittelschicht. KünstlerInnen und neue Prekäre haben durch ähnliche Arbeitsbedingungen zu einem Schulterschluss im Kampf um soziale Rechte gefunden. Die künstlerische und kreative Herangehensweise der Mayday-Paraden in ganz Europa zeugt davon. Sie sind eine Herausforderung für die klassische Arbeiterbewegung und ein erster Schritt zur Organisierung von Prekären. Aus der Mayday-Bewegung heraus entstehen Netzwerke und Verbindungen zwischen verschiedenen Prekären, die gegen die Vereinzelung und die Unsicherheit ankämpfen.
Die Mitte der Gesellschaft hat einen neuen Arbeitskampf losgetreten, der allen prekär Beschäftigten zu sozialer Absicherung verhelfen soll, im besten Fall zu einem bedingungslosen Grundeinkommen. Da ihnen Tarifverhandlungen und Streiks, die klassischen Formen des Arbeitskampfs, nicht zur Verfügung stehen, muss sie innovativ sein, um Zugeständnisse erringen zu können. Medienkampagnen und die Entwicklung von Symbolen wie San Precario sind ein Teil der Strategie, aber auch Aufklärung von Prekären, Rechtshilfe und Beratungen zählen dazu. Die Mayday-Bewegung denkt an die Entwicklung eines „prekären Streiks“, der nicht nur „ein Streik von Prekären, sondern ein Streik über Prekarität, in Prekarität und gegen Prekarität sein“ soll. Wie ein solcher aussehen kann, ist diese Wochen in Spanien zu sehen.                    

info
Co-Working-Festival. Unabhängig von der Mayday-Bewegung haben sich die Literaturwissenschaftlerinnen Nina Fuchs und Susanne Pedarnig in den letzten Monaten Gedanken darüber gemacht, wie man die Vereinzelung im prekären Arbeitsalltag überwinden kann. Beim Innsbrucker Co-Working-Festival Arbeit_Raum Ende Juni lassen die beiden im Kulturzentrum Bäckerei für eine Woche einen Co-Working-Space entstehen, wo sie Strategien gegen die Verunsicherung zur Diskussion stellen. Co-Working-Spaces sind Räume mit Büroinfrastruktur, in denen sich selbständige EinzelkämpferInnen einmieten können, um gemeinsam mit oder neben anderen zu arbeiten, quasi die Fortsetzung der Uni-Bibliothek. Aus den USA kommend sind Co-Working-Spaces mittlerweile auch in Europas Metropolen anzutreffen, etwa das Studio 70 in Berlin oder die Schraubenfabrik in Wien.Beim Co-Working-Festival sind Austausch und Vernetzung wichtig, vor allem soll es aber um die Reflexion der eigenen Arbeitsbedingungen gehen, unterstützt von Vorträgen, Filmen und Diskussionen. Die Frage, ob das Co-Working, das dem Festival Namen und Struktur gibt, wirklich eine Alternative zur Verunsicherung darstellt, oder damit auch nur den Marktlogiken zugearbeitet wird, steht auch auf der Tagesordnung.