Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Criminal Summer

#05 2011 / Christine Frei

Vom Strandbad auf die Freilichtbühne. Oder: Warum Theatermacher von Hall bis Elbigenalp diesen Sommer den Krimi für sich entdecken …

Warum, so muss man sich dieser Tage fragen, wird ausgerechnet in Tirol so viel und gern ermittelt. Umgehend drängt sich das Klischee des Heiligen Landes auf: Vor den Kulissen einer schönen und vermeintlich heilen Bergwelt und inmitten eines festen, weil gut kontrollierten Sozialgefüges nehmen sich menschliche Untiefen offenbar besonders reizvoll aus. Davon zehren Mitterers Tirol-Tatort-Folgen ebenso wie die in der TV-Publikumsgunst schon seit gefühlten Jahrzehnten felsenfest im Abendprogramm verankerte Soko-Kitzbühel-Kommissarin Karin Kofler mit ihrem zwischen Haubenküche und Tatort wild drauflos ermittelnden Hobbydetektiv-Vater.

Eine, die für ebendiese unverwüstliche Fernsehserie immer mal wieder eine Folge schreibt, wird nun auch den Tiroler Theatersommer bereichern. Auf Einladung des  sommer.theater.hall  haben Eva Rossmann wie auch ihre nicht minder bekannten Krimiautoren-Kollegen Stefan Slupetzy und Thomas Raab je ein halbstündiges Stück über und für eine neue Kommissarfigur geschrieben, welche schlicht und launig auf den Namen Haller getauft wurde. Die Figur des Haller, die von Johannes Nikolussi verkörpert werden wird, war die einzige Vorgabe, die sommer.theater.hall-Initiator Alexander Kratzer und seine Partnerin, die Dramaturgin Irene Girkinger (welche eben erst zur Intendantin der Vereinigten Bühnen Bozen bestellt wurde) den drei Bestseller-KrimiautorInnen mit auf den Schreibweg gegeben haben.

Kratzer und Girkinger wagen sich damit an ein Genre, das sich zwar seit Jahrzehnten steigender Beliebtheit erfreut, allerdings nicht im Theater, sondern in Buchform und selbstredend in Film und Fernsehen. Das Verwirrspiel um Fährten und Finten, das dort durch schnelle Szenenfolge und entsprechende Schnitt-Technik so grandios funktioniert, sei für das Theater schon eine gewisse Herausforderung, weiß Kratzer. In Krimistücken müsse man sehr genau arbeiten. Schließlich gehe es um ein Rätsel, das man gemeinsam lösen wolle. Daher müsse man zu jeder Sekunde klar im Kopf haben, wie es ausgeht. Nur so sei es möglich, Hinweise so zu streuen, dass sie den Verdacht zunächst treffsicher auf andere Personen lenken und letztlich doch noch zu einer plausiblen Lösung führen.
Das weiß auch Doris Happl, Chefdramaturgin des Tiroler Landestheaters, welche in dieser Spielzeit mit Matto regiert von Friedrich Glauser ebenfalls einen Kriminalroman dramatisiert hat. Die Umsetzung fürs Theater erwies sich für sie und Regisseur Hanspeter Horner allerdings als Knochenarbeit. „Das haben wir in unserer Begeisterung für den Stoff zu Beginn schon ein wenig unterschätzt“, gesteht Happl. Zum einen galt es, einen 320-Seiten-Roman auf eine Spieldauer von knapp zwei Stunden zu verdichten, zum anderen stets im Auge zu behalten, dass den notwendigen Strichen nicht irrtümlich wichtige Hinweise und Spuren zum Opfer fallen. Zugleich mussten die Szenen theatertauglich sein. Anders als etwa im Film sei im Theater „mit reiner Action nichts zu wollen. Es muss menscheln.“ Nur so könne sich eine entsprechende atmosphärische Spannung aufbauen, ist Happl überzeugt.
Gerade in der Bearbeitung und Inszenierung liegt zweifelsohne das Risiko jedes Krimistückes. Was sich am Papier noch spannend und stimmig ausnimmt, kann auf der Bühne jederzeit in gähnender Langeweile enden. Das wusste keine besser als Agatha Christie. The Queen of Crime beschloss irgendwann, ihre Stücke aus Gründen der dramaturgischen Qualitätssicherung nur noch selbst für das Theater zu bearbeiten. Mit der Mausefalle gelang ihr dann tatsächlich eine Musterfassung: kein anderes Theaterstück wurde jemals länger in Serie aufgeführt als dieses. Womit sich freilich ein nicht unwesentlicher Grund auftut, weshalb nun abseits von Verena Covi und ihren allsommerlichen Gastrokrimis auf der MS Tirol am Achensee auch TheatermacherInnen in Tirol in diesem Jahr auf Krimistücke setzen: Sie versprechen Publikumserfolg und stimmen Subventionsgeber und Sponsoren milde.

Der junge Theatermacher Mario Coser, Kopf des neu gegründeten Vereins  Theaterschmiede Creartiv, sieht Krimis zudem als ideale Alternative zu Boulevard-Stücken. Man müsse das ganz nüchtern und pragmatisch sehen. „Die meisten wollen sich im Theater einfach nur berieseln lassen.“ Er mache ja lieber Stücke über ernste Themen, wie zuletzt über den Holocaust, „aber dann spielst du vor leeren Stühlen.“ Bei Boulevardstücken sei der Saal hingegen brechend voll. „Nur: Die liegen mir einfach nicht“, beschreibt er sein Dilemma. Bei Krimis hingegen könne man das Publikum animieren, mitzudenken, mitzufiebern. „Das ist dann auch beim Inszenieren noch einigermaßen spannend.“ Er bringt derzeit in Innsbruck gleich zwei Krimistücke auf die Bühne: Agatha Christies Wie in einem Spinnennetz und das Henning Mankell-Stück Der gewissenlose Mörder Hasse Karlsson enthüllt die schreckliche Wahrheit, wie die Frau über der Eisenbahnbrücke zu Tode gekommen ist. Wobei der Mankell eher ein kriminalistisches Psychogramm sei, so Coser. Doch gerade diese kleine Finte erlaube es ihm, seinem Publikum gewissermaßen über die Hintertür wieder jene Themen zu präsentieren, die ihm besonders am Herzen liegen.

Dass Krimis und insbesondere renommierte Krimiautoren schon eine ganz besondere Resonanz beim Publikum erzeugen, verhehlt auch Alexander Kratzer nicht. Schon einen Tag nach der Pressekonferenz im Februar hätten sich Leute bei ihm gemeldet, um Karten zu bestellen. Allerdings sei bei ihm und Mitstreiterin Girkinger zunächst ein ganz anderer Gedanke im Vordergrund gestanden. „Krimis gehören für uns, die wir das ganze Jahr unentwegt Theatertexte lesen, zum Sommer. Im Urlaub, am Strand lesen wir Krimis. Also haben wir uns gedacht, machen wir doch für das sommer.theater.hall etwas, das wir selber mit Sommer verbinden.“ Natürlich hätten sie dann AutorInnen angesprochen und eingeladen, „die wir sehr schätzen und spannend finden, und von denen wir wussten, dass sie eine gewisse Affinität zu dramatischen Texten haben.“ Trotzdem sei das Krimi-Theaterstück für alle drei AutorInnen eine Premiere und sie selbst überaus offen und lernbegierig, wie Kratzer erzählt. „Sie haben ja alle sehr viel zu tun, und finanziell können wir natürlich auch nicht wirklich viel bieten. Aber sie waren sofort begeistert, fanden die Idee, einmal fürs Theater schreiben zu können, überaus reizvoll. Und wir natürlich auch.“
So unterschiedlich die drei als KrimiautorInnen sind, so unterschiedlich gestalten sich auch die Ansätze der drei Stücke. Bei Rossmann werde man mit Kommissar Haller mitgehen, bei Raab kenne das Publikum bereits den ganzen Fall und dürfe mitverfolgen, wie Haller ihn lösen wird. Slupetzky wiederum hat eine Farce geschrieben, mit deutlich überzeichneten Tiroler und Nicht-Tiroler Klischeefiguren, in der er süffisant auf prominente Persönlichkeiten und deren Nähe zu Wirtschaftsdelikten Bezug nehmen wird. Nachdem Slupetzky ebenso wie Rossmann den Kriminalroman konsequent auch als Transfermedium für sozialkritische Themen nutzen, wird sich also nebst obligater Krimispannung auch die eine oder andere erhellende Außensicht auf Tiroler Verhältnisse wiederfinden. Es sei jedenfalls spannend, befindet Kratzer, „dass die Berge beim Blick von außen immer ein Thema sind.“

Wenn schon ein gut gespielter Krimi für Publikumsresonanz bürgt, so muss die natürliche Steigerungsstufe in der Publikumsgunst folgerichtig eine Kriminalkomödie sein. Nicht weiter verwunderlich also, dass neben Kratzer in Hall und Coser in Innsbruck auch Bernhard Wolf, interimistischer Leiter der Geierwally Freilichtbühne (deren Gründerin und Langzeit-Frontfrau Claudia Lang sich heuer vor dem 20-jährigen Jubiläum eine Auszeit nimmt), auf Krimi bzw. präziser auf Kriminalkomödie setzt, hat er doch die Wirkung von gut ausgespielten Pointen und Schmähs im Feinripp-Ensemble (mit Thomas Gassner und Markus Oberrauch) bereits hinreichend studieren können. Und so hat sich Wolf für den diesjährigen vom ihm verantworteten Geierwally-Theatersommer Thomas Gassner als Co-Autor und Regisseur geholt. Sturm in den Bergen nennt sich ihr Opus, in dem sie den jugendlichen Innsbrucker Hilfsinspektor Kajetan Sturm gegen die ebenso argwöhnischen wie gewitzten BewohnerInnen eines abgelegenen Tiroler Tales anlaufen lassen. Sturm soll nämlich einen mysteriösen Mord an einem Waldarbeiter aufklären, der möglicherweise in direktem Zusammenhang mit der von der Landesregierung geplanten Dorf-Zusammenlegung steht. Mit der Figur des verzogenen Polizeichef-Söhnchens Sturm hat sich der zartgliedrige Bernhard Wolf, der sich schon beim gekürzten Shakespeare und zuletzt wieder in der Bibel als komödiantisches Urtalent erwies, auch gleich seine nächste Paraderolle auf den Leib geschrieben.

Das klassische Volksstück à la Mitterer sei ja tendenziell humorfrei, bedauert Gassner. Zudem vermisse er dort jenen liebevoll erzählenden Blick, der gerade angelsächsische oder skandinavische Stücke auszeichne. Aber eben der sei wichtig, wenn man Menschen – und eben nicht nur die Eliten – für ein Thema und ganz generell für das Theater gewinnen wolle, ist Gassner überzeugt. Zwar möchten Gassner und Wolf schon auch den einen oder anderen wunden Punkt in den sozialen Strukturen eines Dorfes in den 1960er-Jahren aufzeigen, aber „nachdem wir beide vom Land sind“, wie Wolf betont, „wissen wir auch um die durchaus liebenswerten Eigen- und Besonderheiten des Dorflebens, kennen wir die Archetypen, die es wirklich in jedem Dorf gibt.“

In wenigen Augenblicken geht es weiter mit der Abendprobe. Nebenan wartet noch eine Redakteurin vom Füssener Kreisboten. Für die Allgäuer ist die überdachte Geierwally Freilichtbühne schon längst fester Bestandteil des Kultursommers, und die Aufführungen sind stets in Windeseile ausverkauft. Den meisten Inntal-TirolerInnen erscheint das Lechtal kulturell freilich nach wie vor „außerfern“. Nachdem mit Wolf und Gassner nun aber zwei stadtbekannte Feinripp-Comedians das Außerfern kriminalistisch bespielen, könnte es schon sein, dass der/die eine oder andere weltstädtische TheatergeherIn diesen Sommer nicht nur die Elbigenalper Schlucht, sondern auch das Hahntennjoch neu für sich entdeckt. Krimis machen vieles möglich …

Weitere Infos und Karten:
sommer.theater.hall: Haller ermittelt, 3 Fälle für Kommissar Haller von Eva Rossmann, Thomas Raab und Stefan Slupetzky
Termine: 7./9./15./16./22./23./29./30. Juli 2011, 20:30 Uhr, Burg Hasegg, Hall in Tirol

Theaterschmiede Creartiv
Der gewissenlose Mörder ... von Henning Mankell
Termine: 26./30. Juni 2011, 02. Juli 2011, 20:15 Pfarrsaal Wilten West, Zollerstraße 6, Innsbruck und am
10. Juli 2011 Friedbergs, Ing. Etzelstraße, Viaduktbogen 50, Innsbruck (Bartheater)
Wie in einem Spinnennetz von Agatha Christie
Termine: 24. Juni 2011, 01./03./08./09./14./16./17. Juli 2011, 20:00 Tiroler Jägerheim, Ing. Etzelstraße 63, Innsbruck 

Geierwallybühne Elbigenalp
Sturm in den Bergen, Kriminalkomödie von Thomas Gassner und Bernhard Wolf
Termine: 09./15./16./22./23./29./30. Juli 2011 und 05./06./12./13./19./20./26./27. August 2011, 20:30 Uhr, Freilichtbühne Elbigenalp, Untergiblen 23, Elbigenalp