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Der Ausnahmezustand ist die Regel

#05 2011 / Verena Konrad

Seit Herbst 2010 leitet Peter Trummer den Lehrstuhl für Städtebau und Raumplanung an der hiesigen Universität.
Verena Konrad sprach mit dem Architekten und Urbanisten über Ausnahmezustände und die Realität als Ideenproduzent.

Sie haben unlängst in einem Interview davon gesprochen, dass es in Österreich eigentlich nur Architektur, aber keinen Städtebau gibt. Was haben Sie damit genau gemeint?
Peter Trummer: Vereinfacht kann man den Begriff des Städtebaus als jene Disziplin auffassen, die sich mit der Schaffung von Räumen des Inhabitierens (to inhabit), der damit verbunden Zirkulation und deren dazugehöriger Infrastruktur beschäftigt. Niemand scheint heute mehr für diese gesellschaftlichen Aufgaben verantwortlich zu sein. Mit dem Aufkommen des neoliberalen Kapitalismus Anfang der 1980er Jahre ist die Verantwortlichkeit dieses kollektiven Interesses mehr und mehr verschwunden. Heute haben wir keinen Städtebau mehr, sondern nur noch die Verwirklichung von einzelnen Architekturprojekten oder besser gesagt einzelner Investment-Immobilien. Ich sage da nichts Neues. Allein, dass es in Österreich wahrscheinlich noch weniger Städtebau gibt als in anderen Ländern, hängt damit zusammen, dass man sowieso nur am Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts in Wien von einem österreichischen Städtebau sprechen kann. Die Stadt begann in dieser Zeit sämtliche in Privatbesitz befindlichen Verkehrsmittel, Gaswerke etc. aufzukaufen, um sie in Eigenverwaltung den Bedürfnissen der Stadt wieder zurückzugeben. Gleichzeitig begann man mit dem Bau der ersten infrastrukturellen Großprojekte, wie dem Bau der Wiener Stadtbahn durch Otto Wagner, und anderer Infrastrukturen des Generalregulierungsplanes von 1897 mit seinen Wiener Blöcken. Dieses Projekt des Gemeinde-Sozialismus wurde dann nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur fortgeführt, sondern bekam durch den Bau der Wiener-Höfe auch eine architektonische Form, international „Superblocks“ genannt, als Umsetzung einer Stadt als Gebäude mit all den gemeinnützigen Einrichtungen, einem Kloster für Proleten. Es entstand somit das weltweit größte städtebauliche Projekt, Red Vienna, auf sozialistischer und ökonomischer Grundlage.

Wie sieht es diesbezüglich in anderen europäischen Ländern aus? Sie haben die letzten Jahre z.B. in den Niederlanden verbracht. Wie wird Städtebau und Raumplanung dort verstanden und praktiziert?
Im Bezug auf den Städtebau gibt es in den Niederlanden auf Grund territorialer und gesellschaftlicher Umstände eine komplett andere Kultur, Zusammenleben zu organisieren. Die Niederländer weisen nicht nur auf eine kontinuierliche Tradition im Sinne des Städtebaues hin, sondern schon allein der Umstand, dass zuerst einmal ein Territorium, also ein Grund geschaffen werden musste, führte zu institutionellen Neuformierungen und einer städtebaulichen Hochkultur. So entstanden politische Dokumente, die unter dem Namen „Notas“ bekannt wurden. Diese Notas werden in Zusammenarbeit der Ministerien für Ökonomie, räumlicher Organisation und Verkehr & Infrastruktur ungefähr alle zehn Jahre neu ausgearbeitet und geben ein räumliches Schema vor, wie sich das gesamte Land zukünftig verändern soll. Dies ist natürlich nur möglich, wenn es keinen Föderalismus gibt. Die Macht eines niederländischen Bürgermeisters ist im Vergleich zu der in Österreich sehr begrenzt. Doch auch in den Niederlanden gehen alle uns bekannten niederländischen Errungenschaften den Bach hinunter. Jedoch etwas geordneter. Man darf nicht vergessen, dass jenes Amsterdam der Grachten aus dem 17. Jahrhundert, der erste städtebauliche Plan einer Stadterweiterung, innerhalb eines herrschenden Kapitalismus entstand. Noch dazu ist Amsterdam die einzige mir bekannte Stadt, in der es kaum privaten Grundbesitz gibt. Mir scheint, dass im Kampf gegen das Wasser kollektivere Erscheinungsformen entstehen als im Umgang mit den Bergen.

In einem Interview haben Sie neulich davon gesprochen, dass es einen Unterschied macht, über Stadt oder Urbanisierung nachzudenken ...
Um ganz genau zu sein gibt es das Wort „Städtebau“ im Englischen oder in einer romanischen Sprache nicht. Was man mit dem deutschsprachigen Wort Städtebau ausdrücken möchte, ist international unter dem Begriff „Urbanism“ bekannt. Das Wort „Urbanism“ bzw. „Urbanisation“ stammt vom spanischen Ingenieur Ildefonso Cerda, der eine Theorie der Urbanisierung schrieb. Darunter ist jener städtebauliche Zustand in Europa gemeint, der in Österreich unter dem Begriff Gründerzeit bekannt ist. Mit dem endlosen Expandieren der Stadt im ausgehenden 19. Jahrhundert war Cerda auf der Suche nach einem Begriff für jenen Zustand, der heute vor allem in asiatischen Ländern, Afrika und Lateinamerika auftaucht. Cerda versuchte diese physische Expansion der Stadt zu beschreiben. Zum ersten Mal in der Geschichte der Stadt ging es nicht mehr um die Bezeichnung der Stadt als ein Gemeinwesen. Das bis dahin gebräuchliche Wort Civitas, von dem sich der Begriff Stadt als gesellschaftliches Gemeinwesen abgeleitet hatte, war verloren gegangen. Um die rein materielle Organisation der Stadt zu benennen, verwendete Cerda das lateinische Wort urbs. Eigentlich ist selbst der Begriff der Stadt falsch, da es sich bei Stadt noch immer um eine administrative Grenze handelt. Also auf einen Punkt gebracht: Es gibt keine Stadt mehr, sondern nur noch endlose Urbanisierung.

Behaupten Sie damit, dass es „Städtebau“ überhaupt nicht mehr gibt?
Sie könnten recht haben, wenn sich der Spruch des italienischen Architekturhistorikers Manfredo Tafuri „die Architektur ist tot“ auch auf den Städtebau anwenden ließe. Tafuri meinte, dass Architektur keinen sozialen bzw. gesellschaftlichen Beitrag liefern kann. Ich bin mir jedoch nicht sicher, denn Städtebau, im Sinne des oben angesprochenen, taucht durch die Hintertüre des Camps (Lagers) als Prototyp wieder innerhalb unserer Gesellschaft auf. „Das Lager ist der Raum, der sich öffnet, wenn der Ausnahmezustand zur Regel zu werden beginnt“, schrieb Giorgio Agamben. Worauf Agamben hinweist, ist die Tatsache, dass in Zeiten des Ausnahmezustandes Formen von temporären Auffanglagern oder Camps entstehen, die nach Aufhebung des Ausnahmezustandes als Regel vorhanden bleiben. Agamben bezieht sich auf die rechtlichen, politischen Auswirkungen des Ausnahmezustandes, jedoch ist diese Tatsache im Städtebau und in der Architektur sprichwörtlich der Fall. So wurde etwa das römische Lager zum Prototyp der westlichen Stadterweiterung innerhalb Europas und deren Kolonien und taucht als endloser Raster im heutigen Urbanisierungsprozess Asiens wieder auf.
Der unter den Begriff Urban Sprawls bekannte Stadterweiterungsprozess durch Einfamilienhäuser hat seine Wurzeln in den amerikanischen Levittowns der 1950er Jahre. Damals suchte man nach einem antikommunistischen Modell der Urbanisierung. Auch hier bestimmte der logistische Ablauf des Lagerbaus (des Camps) die Herstellung städtebaulicher Projekte.
Besonders in Zeiten von Krieg, Naturkatastrophen, Flüchtlingsströmen entsteht „Städtebau“. Daraus folgend könnte man behaupten, dass wir uns in einer Zeit intensivsten Städtebaues befinden, in der sämtliche temporäre Einrichtungen des Ausnahmezustandes zur Regel unserer permanenten urbanen Umgebung werden.

Was bedeutet diese Annahme für Lehre und Forschung? Was wollen Sie denn der kommenden Generation von ArchitektInnen vermitteln?
Was ich vermitteln möchte, ist ein neo-materialistischer Ansatz im Städtebau. Die meisten verbinden mit dem Wort Materialismus den durch Marx bekannt gewordenen Begriff des historischen Materialismus, der davon ausgeht, dass unsere Gesellschaft allein auf ökonomischer Basis beruht. Dies ist wichtig, da ohne Stadt und Handel keine derartige Differenzierung von Gesellschaft möglich wäre. Die Stadt ist essenziell für das Verstehen unserer Kultur. Mir geht es jedoch um etwas anderes. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts tauchte der Begriff eines Neo-Materialismus in verschiedenen Disziplinen wieder auf. Dieser Begriff beruht einfach
gesagt auf der Erkenntnis, dass unsere Realität, also die Komplexität unseres Zusammenlebens, alle materiellen Gegebenheiten, Ideen hervorbringt. Ein schönes Beispiel dafür sind
Erkenntnisse, die man von indischen Slums lernte. Der amerikanische Ökonom Amartya Sen zeigte in seinem Buch The Idea of  Justice, dass in Indien allein schon auf Grund der Tatsache, dass Menschen in hoher Dichte zusammenleben, juridische Formen entstanden, die sich von den institutionellen Gesetzen des Westens radikal unterscheiden. Ein anderes Beispiel wären die aus Selbstorganisation entstandenen „waste managements“ asiatischer oder afrikanischer Megacities. Diese Wiederverwertungsprinzipien sind Verwaltungsorganen westlicher Städte komplett fremd, derartige Organisationsformen entstehen aus sich selbst heraus, aus der Aneinanderreihung unterschiedlichster Entscheidungsprozesse. Das bekannteste Beispiel dafür sind die Dabbawallas in Mumbai. Die Dabbawallas stehen für ein Essensverteilungssystem in einer 13,9-Millionen-Stadt, das ein hausgemachtes Mittagessen für jeden einzelnen Arbeitsplatz garantiert. Diese Vorbilder sind nur eine kleine Anzahl von Beispielen und zeigen, dass unsere Realität selbst Ideen hervorbringt.
Die andere Seite einer materialistischen Lehre im Städtebau bezieht sich auf das Entwerfen oder Projektieren von urbanen Organisationsformen, die in ganz bestimmten städtebaulichen Materien, wie Topographie, Infrastruktur, Population oder Grundstückspreise, eingebettet sind. So arbeiten wir gerade an der Formulierung einer „Endlosen Stadt“ in den Alpen und untersuchen, wie sich die Topographie Tirols zum Raster eines Römischen Lagers verhält. Die Intention dieser Herangehensweise ist es herauszufinden, inwieweit unsere Landschaft bestimmte Urbanisierungsformen zulässt oder ausschließt. Anders ausgedrückt, wie die Topographie Widerstand leistet gegen jene städtebaulichen Maßnahmen, die nach einem Ausnahmezustand zur Regel unserer urbanen Umwelt geworden sind.      

Peter Trummer ist seit 2010 Professor für Städtebau und Raumplanung an der Universität Innsbruck. Nach dem Studium in Graz bei Günther Domenig absolvierte er ein Postgraduate Master Program am Berlage Institut in Amsterdam. Von 2004 bis 2010 war er Studio-Professor und Head of the Associative Design Program am Berlage Institute in Rotterdam, 2007/08 Gastprofessor an der Technischen Universität in München. 2009 war er Gastprofessor am Sci-Arc Southern California Institute of Architecture und bekam die erste Roland Rainer Stiftungsprofessur an der Akademie der Künste in Wien.