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MOLEcafé

Der doppelte Sinn

#05 2011 / Barbara Pflanzer

Mit seinen Fotoarbeiten, Installationen und Lichtskulpturen durchleuchtet Mounty R. P. Zentara  die Doppelbödigkeit der Gesellschaft. Neben Präsentationen im In- und Ausland finden seine Ausstellungen manchmal auch im hauseigenen Kunstraum AREA 53 statt.

Bei all den Verschwörungstheorien, die rund um die militärische Anlage Area 51 im US-Bundesstaat Nevada kursieren, sollte man meinen, dass das Gebiet durch Hochsicherheitsvorkehrungen rigide abgesichert sei. Dennoch spazierte Mounty Zentara bei einem seiner Aufenthalte in den USA einfach hinein. Am Boden liegend und mit Handschellen versehen, wurde er zwar kurz darauf von der Militärpolizei mit dem Hubschrauber wieder abgeführt, das Faszinosum der Area 51 ließ ihn aber nicht mehr los. Die Anlage, die unterirdisch mehrere Stockwerke tief sein soll, findet ihre Entsprechung in der AREA 53 – einem Kunstraum, den Zentara gemeinsam mit der Bildhauerin Karin Sulimma in der Gumpendorfer Straße 53 in Wien betreibt. Ebenfalls mehrere Stockwerke hoch wie tief wisse auch niemand so genau, was da eigentlich vor sich gehe, meint der Künstler mit einem Augenzwinkern.

Mit Ausstellungen von zeitgenössischen KünstlerInnen und Kooperationen mit internationalen Galerien und Offspaces ist die AREA 53 mittlerweile fixer Bestandteil der Wiener Kunstszene. Dabei fungiert der Ausstellungsraum als Kunstprojekt von Zentara und Sulimma, die gemeinsam auch als „Two people one work“ ausstellen. Die Arbeit ähnelt zwar der einer Galerietätigkeit, im Vordergrund steht aber mehr der künstlerische Austausch denn ein kommerzieller Aspekt. Die Ausstellung Boston–Vienna. Two Ways befindet sich gerade in Planung: sieben Künstler aus Boston sollen im August in der AREA 53 ausgestellt werden, im Austausch dazu präsentieren Zentara, Sulimma und ein weiterer Künstler ihre Arbeiten in der Bonstoner Laconia Gallery.

Mit 38 Jahren begann Mounty Zentara verhältnismäßig spät mit einem Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Bereits davor übte der Autodidakt seine künstlerische Tätigkeit schon auf so hohem Niveau aus, dass er von einer Kommission der IG Bildenden Kunst als Künstler anerkannt wurde. 2008 schloss Zentara die Akademie bei Daniel Richter ab und arbeitet seither multimedial in den Bereichen Lichtinstallation, Fotografie, Performance und Malerei. Seine Kunst ist – will man pauschal urteilen – geprägt von Gegensätzen: So stellt er in seinen Lichtskulpturen beispielsweise der Materialität der Objekte die Immaterialität des Lichts gegenüber. Erst in der Zusammenführung beider Pole wird das Kunstwerk als Ganzes deutlich. Oft handelt es sich bei den verwendeten Materialien um vorgefundene, meist industriell hergestellte. Zentara enthebt sie ihrem ursprünglichen Zweck und schreibt ihnen einen neuen Sinn zu. Den „cable sculptures“ liegt eine solche Transformation inne: Ihre Hülle besteht aus Industrie-Kabeln, die mit Kabelbindern zusammengehalten werden. In ihrer Ästhetik unprätentiös, erlebt die Skulptur erst durch den Einsatz des Lichts ihre Metamorphose zum vollwertigen Objekt. In seinen Lichtskulpturen  geht es zudem um die Rauminszenierung: Wie mit Pinselstrichen setzt Zentara Akzente und lässt so einen noch so kleinen Raum wie eine Kathedrale wirken.

Die angesprochenen Gegensätze zeigen sich auch in dem immer wieder thematisierten Verhältnis von Innen und Außen, etwa bei der Installation Cage in the hill (2006): Ein Käfig in der Größe von 3x3x3 Metern ist auf einem steilen Wiesenhang so platziert, dass eine Ecke vom Wiesenboden „verschluckt“ wird. Anders als bei Lois Weinberger geht es nur am Rande darum, dass die Natur Besitz vom Inneren des Käfigs ergreift, wie es beispielsweise in dessen Arbeit vor der Sowi in Innsbruck der Fall ist. Bei Zentara dient der Käfig als Rahmen, der das Innere verwehrt und durch die Stäbe gleichzeitig doch präsentiert. Nur durch den Blick kann dieser Widerspruch zusammengeführt werden. Die Irritation, dass das Innere nicht zu bekommen ist, bleibt aber bestehen.

Wer Zentaras Skulpturen und Installationen auf einen reinen Ästhetizismus reduziert, der irrt. Den Arbeiten liegt durchaus sozialkritische Reflexion inne. Die Installation Suitcase lights wird exemplarisch zum Sinnbild der Gesellschaft: 99 identische halbgeöffnete Rollkoffer mit weißen Leuchtstoffröhren im Inneren stehen wie in einer militärischen Formation im Raum. Aus einem weiteren strahlt eine blaue Leuchte. Die Uniformität der Gesellschaft, in der das Individuum keinen Platz zur Entfaltung hat, stört den Künstler: „Alle mit der Scheuklappe, alle müssen wir das gleiche tun, alle müssen wir brav dem Staat folgen, alles muss korrekt sein, keiner geht mehr einen Schritt links, keiner mehr einen Schritt rechts.“ Der Appell, die eigene Position innerhalb der Gesellschaft zu hinterfragen, ist auch der Arbeit Blue immanent. Auf Einladung zu der Ausstellung Die Farbe Rot anlässlich des 80-jährigen Jubiläums des Gemeindebaus Karl-Marx-Hof installierte der Künstler im dortigen Keller eine herkömmliche Glühbirne, am Ende des Kellergangs eine blaue Neonröhre. Bewegten sich die BesucherInnen auf die Neonröhre zu und drehten sich anschließend zum weißen Licht der Glühbirne, nahmen sie den Raum aufgrund physikalischer Abläufe für ein paar Sekunden in rosafarbenem Licht wahr.

In der seit Jahren andauernden Langzeitarbeit Smoke stellt er die verschiedenen Assoziationen des Rauchens gegenüber: Freiheit und Genuss auf der einen, (körperlicher) Zwang und (gesellschaftliches) Verbot auf der anderen Seite. Verschiedene Performances und Fotoarbeiten mit KünstlerkollegInnen zeigen den Künstler in Pose gesetzt, in abertausenden Zigarettenschachteln badend oder sich huldigen lassend. Angelehnt an den Wiener Aktionismus untergräbt er in überspitzter Form Systeme der Gesellschaft.

„Es ist mir ein Anliegen, etwas auszusagen“, sagt Zentara. Er tut es ohne erhobenen Zeigefinger, dafür vielmehr mit subversiven Strategien, mit Humor oder Ironie. Die Doppelbödigkeit seiner Arbeiten wird oft erst auf den zweiten Blick deutlich, wenn herkömmliche Situationen und Handlungen für einen Moment aufgehoben werden und so die Illusion einer heilen Welt dekonstruiert wird.