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MOLEcafé

Die andere Seite der Tiroler Gesellschaft

#05 2011 / Simon Welebil

Das Gaismair-Jahrbuch 2011

Die öffentliche Erinnerung an zwei Tiroler Aufständische könnte unterschiedlicher kaum sein: Während dem einen, der für Gott, Kaiser und Vaterland gekämpft hatte, der Status eines Landeshelden zuteil wurde, samt Landeshymne, Landesfestumzug und nagelneuem Museum am Bergisel, fristet der andere, der gegen Ausbeutung und Ungerechtigkeit angetreten ist und schon früh ein demokratisches Tirol gefordert hat, ein Nischendasein. Der Bauernführer Michael Gaismair steht symbolisch für die verdrängte Geschichte Tirols und die Michael-Gaismair-Gesellschaft hat sich ihn zum Namenspatron erkoren, um Verdrängtes und Verschwiegenes in Tirols Geschichte und Gegenwart abzubilden und eine kritische Stimme in Tirols Gesellschaft zu sein.
Die aktuelle Ausgabe des Gaismair-Jahrbuchs trägt den Titel in bewegung und besteht aus den vier Kapiteln, Soziale Bewegungen, Arbeit-Krise-Umverteilung, Nationalsozialismus und Gewalt, ergänzt von einem Literaturteil. Besonders hervorzuheben sind dabei die historischen Artikel. Gisela Hormayr stellt mit weiblichen und monarchistisch-orientierten WiderstandskämpferInnen Personen vor, die im an sich gut beforschten Themengebiet Widerstand gegen den Nationalsozialismus untergegangen sind und Sabine Pitscheider zeigt auf, wie sich viele ehemalige NSDAP-Mitglieder in Osttirol nach dem Krieg zu Nazi-Opfern stilisierten. Wie Unerwünschtes unter den Teppich gekehrt wird, präsentieren Beiträge über eine Misshandlung in der Innsbrucker Justizanstalt und Missbrauch in katholischen Heimen.
Die Darstellung der historischen „Studentenbewegung“ in Innsbruck von 1967 bis 1974 gemeinsam mit der Reflexion der Innsbrucker unibrennt-Bewegung zeigt im Kampf gegen eine Verschulung der Universitäten, Schnellstudium oder Studienzugangshürden Gemeinsamkeiten zwischen den Generationen auf.
In einem Beitrag wird zurecht eine tendenziöse Berichterstattung in einer Tageszeitung kritisiert, in einem anderen die Sprache und Argumentation einer Studie als „mehr als tendenziös“ und nicht wissenschaftlichen Standards entsprechend bezeichnet. Die gleiche Kritik ist aber auch für Martin Haselwanters Artikel „Zur Geschichte der p.m.k“ angebracht. Der Text impliziert nicht nur, dass das Kulturzentrum Sexismus, Rassismus, Homophobie und Antisemitismus tolerieren würde, Haselwanter unterstellt dem Vorstand der p.m.k. auch, seinen Subventionsgebern mehr verpflichtet zu sein als seinen Mitgliedervereinen, was besonders beim Ausschluss des politischen Vereins Grauzone aus der p.m.k. zu sehen gewesen wäre. Haselwanter zeichnet in seinem Beitrag das Schwarz-Weiß-Bild eines Konflikts zwischen „guten“ politischen Vereinen und „schlechten“ unpolitischen Kulturtreibenden. Seine persönliche Involviertheit in diesen Konflikt erwähnt er zudem mit keinem Wort. So bleibt nichts über, als Haselwanters Untersuchung als eine solche zu betrachten, deren Ergebnis schon vorab festgestanden ist.
Wenn auch Haselwanters Beitrag Anlass zu Kritik gibt, kann das Gaismair-Jahrbuch 2011 nur gelobt werden als eine Publikation, die ihre Ansprüche, ein vielfältiges Tirol zu zeigen, gesellschaftspolitische relevante Fragen zu behandeln und kritische Gegenstimme zu sein, erfüllt.                

Alexandra Weiss, Monika Jarosch, Elisabeth Gensluckner, M. Haselwanter, Horst Schreiber (Hrsg.): Gaismair-Jahrbuch 2011. in bewegung. Studienverlag 2011. ISBN 978-3-7065-4985-1