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Die Aussichtslosigkeit, die Mächtigen zum Denken zu bewegen

#05 2011 / Interview

Anlässlich des Montagsfrühstücks Einmischung, aber schnell! Kunst und Tagespolitik am 11. April 2011 im Literaturhaus am Inn denkt der österreichische Schriftsteller, Essayist und Dramatiker Antonio Fian  über die Möglichkeit oder vielmehr die Unmöglichkeit einer politischen Einmischung von KünstlerInnen und Intellektuellen nach – gerade in Österreich.

„Soll die Literatur sich zu Fragen der Tagespolitik äußern?“, in schöner Regelmäßigkeit kehrt diese Frage wieder, und immer folgt ihr auf dem Fuß die Klage: „Die Künstler und Intellektuellen“ (das meint immer jene, die sich hauptsächlich in schriftlicher Form äußern, Maler, Musiker oder darstellende Künstler sind in der Regel ausgenommen) haben geschwiegen, versagt. Etwas Unangenehmes ist eingetreten, ein Krieg, eine Wirtschaftskrise, ein Wahlsieg der Freiheitlichen, und sie haben es nicht verhindert. Ein Schriftsteller wird in seinem Schriftstellerleben, je nachdem wie lange er es durchhält, geschätzte fünf bis zehn Mal mit dieser Frage und diesem Vorwurf konfrontiert sein. Es spielt dabei keine Rolle, ob in seiner Literatur aktuelle Themen aufgegriffen und abgehandelt werden oder nicht, er mag tatsächlich, so weit das möglich ist, ausgetreten sein aus der menschlichen Gemeinschaft und sich im elfenbeinernen Turm mit der Verfertigung experimenteller Sprachgebilde beschäftigen, er mag sich aber auch Tag für Tag in die Niederungen der Politik begeben und Zeitungsartikel, Pamphlete und Essays zur Lage der Nation verfassen: Der Vorwurf wird derselbe sein, Versagen ist vorprogrammiert, etwas anderes nicht möglich.

In welcher Form aber könnte ein Autor in einer Gesellschaft wie der unsrigen überhaupt „sich einmischen“, oder besser, worin unterschiede sich sein Sich-Einmischen von dem jedes anderen Staatsbürgers, ob nun Arzt, Taxifahrer, Bauunternehmer oder Friseurgehilfe? Genau wie diese kann er ja nicht mehr als sagen, was er denkt, von verschiedenen politischen Vorgängen hält, er kann fordern, Ausländer auszuweisen oder einzubürgern, er kann empfehlen, Libyen zu bombardieren, oder gegen die Bombardierung protestieren, er kann dafür eintreten, den Regenwald zu retten, oder den Wunsch äußern, die ganze Welt möge in die Luft gejagt werden, die Wirkung seiner Einmischung wäre genauso groß wie seine Macht, null. Je größer die Zahl der Unterschriftenlisten, auf denen sein Name steht, umso wertloser die Unterschrift. Kritik zu üben an den Mächtigen, also jene Form der Einmischung, die in autoritären Systemen unangenehme bis tödliche Folgen haben kann, ist in einer permissiven Gesellschaft kein außergewöhnlicher Akt, sondern Alltag, sie wird an jedem Stammtisch praktiziert und ist – ein nicht hoch genug zu schätzender Entwicklungsschritt – mit keiner Gefahr für Leib und Leben verbunden. „Einmischen“ kann daher für Schriftsteller in Österreich nur heißen, aufmerksam die gesellschaftliche Entwicklung zu beobachten und zu kommentieren, etwas, was ohnehin ständig geschieht und geschehen ist, manchmal auffällig und laut, manchmal bedächtiger und stiller. Dass das, was die Schriftsteller zum Wahrgenommenen und seiner Verbesserung vorbringen und vorschlagen, jedenfalls das Richtige sei, dafür gibt es keinerlei Garantie, im Gegenteil, es ist in der Literatur nicht viel anders als am Stammtisch, oft ist gerade das am lautesten Vorgebrachte das Falscheste. Es drängt die Schriftsteller – das liegt in ihrer Natur, denn wer frei ist von Narzissmus, sollte diesen Beruf erst gar nicht ergreifen – zu originellen Gedanken, denen nicht immer sorgfältige Überlegung vorausgeht. Ich erinnere mich, um ein Beispiel zu nennen, dass ein berühmter Kollege Jörg Haider (zu dem sich die „Künstler und Intellektuellen“ wahrhaft ausgiebig geäußert haben) einmal innerhalb von wenigen Tagen erst einen Neuen Linken und dann einen Austrofaschisten genannt hat, was, sieht man davon ab, dass er keins von beiden war, doch schwerlich beides zugleich möglich ist. Aber das sind Ausnahmen, gerade Jörg Haider betreffend, war das meiste, was die Schriftsteller über ihn und die zu erwartenden Folgen seiner Politik gesagt haben, richtig, man hätte nur auf uns zu hören brauchen. Das Wählervolk in Österreich und vor allem in Kärnten hat aber lieber auf Jörg Haider gehört und es vorgezogen, nicht zu fragen, woher die 100 Euro-Scheine kamen, die er so großzügig verteilte und was denn die Qualifikationen waren, die man brauchte, um in seiner jeweiligen Partei und in der Regierung Schüssel bedeutende Positionen einzunehmen.

Einmischung von Seiten der „Künstler und Intellektuellen“ in einer Form, die über den folgenlosen Zwischenruf hinausgeht, wäre daher in einer Gesellschaft wie der österreichischen nur möglich, wenn Konsens darüber herrschte, dass ihnen und ihrer Tätigkeit eine gewisse Relevanz in Fragen der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung zukommt. Dieser Konsens, der in der Ära Kreisky und der ersten Zeit danach durchaus bestand, hat vor einigen Jahren – ich würde, wenn ich einen Zeitpunkt nennen müsste, sagen, seit Viktor Klima, der als Finanzminister alle Literaturpreise und -stipendien steuerpflichtig gestellt hat, als Bundeskanzler die Kunst zur Chefsache erklärt hat – aufgehört zu bestehen. Die Machthaber dieser Republik haben sich nach und nach abgewandt von allen Formen eines Denkens, das über die Komplexität eines Kronen Zeitung-Artikels hinausgeht, die Republik ist dabei, sich zurückzuziehen aus der Finanzierung der Wissenschaften und Künste. „Weniger Staat, mehr privat“, heißt der neue Konsens, und „geht’s der Wirtschaft gut, dann geht’s uns allen gut“. Tatsächlich wächst ja, das ist nicht zu leugnen, wenn die Wirtschaft wächst, auch vieles andere, vor allem die Armut einer wachsenden Zahl von Staatsbürgern und die Summen, die aus Steuergeldern in die privatisierte und eine Pleite nach der anderen produzierende Wirtschaft fließen müssen, um wenigstens den Totalbankrott abzuwenden.

Das ist der augenblickliche Zustand, wie er sich mir, einem Schriftsteller, präsentiert. Einmischung in Form von Literatur ist in diesem Zustand nicht möglich. Um zu beweisen, dass das nicht einem etwaigen Schweigen der „Künstler und Intellektuellen“ geschuldet ist, sondern dass gerade sie in diesem Land immer aufmerksam waren, ihre Stimme erhoben haben, dass also dieses Klagen über ihr mangelndes Engagement in gesellschaftspolitischen Fragen an den Haaren herbeigezogen ist, dazu würde es genügen, in die Zeitungsarchive zu gehen und ein bisschen zu lesen. Und falls tatsächlich die Jüngeren sich weniger oft oder verhaltener oder einfach nur anders zu gesellschaftspolitischen Fragen äußern als die Schriftsteller meiner Generation, dann liegt das sicher nicht an Denkfaulheit, sondern vielleicht im Gegenteil an ihrem aufmerksamen Verfolgen der Vorgänge, ihrem Wissen, wie aussichtslos es geworden ist, diejenigen in diesem Land, die mit Macht ausgestattet sind, zum Denken zu bewegen.  

info
Montagsfrühstück - Forum für strategische Langsamkeit wird von denkpanzer, der Projektplattform der Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Universität Innsbruck, in Kooperation mit dem Literaturhaus am Inn organisiert. Jeweils zwei geladene Gäste (KünstlerInnen, Intellektuelle und WissenschaftlerInnen) diskutieren über philosophische, politische, kulturelle Themen mit DiskussionsleiterIn und Publikum. Es findet während des Uni-Semesters einmal im Monat am Montag von 09:00 bis 11:00 im Literaturhaus am Inn statt. Der Eintritt ist frei, Kaffee und Croissants gibt es gratis.