Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

»Ein Land auf der Suche nach sich selbst«

#05 2011 / Robert Gander

Das offizielle Diktum zum Museum am Bergisel klingt mutig, lässt es doch vermuten, dass vermeintliche Wahrheiten, tradierte Mythen und Klischees über dieses Land hinterfragt werden. Zur Umsetzung einer lautstarken Ankündigung.

Im Foyer des neuen Museums am Bergisel ist ein Bildschirm der Innsbrucker Verkehrsbetriebe angebracht. „Hauptbahnhof“ ist links oben zu lesen, die Zeilen darunter sind leer. Die von Stadt und Land den AnrainerInnen versprochene Anbindung an das Netz der IVB wurde bis dato nicht eingelöst. Die jährliche Kostenbeteiligung des Landes von 75.000 Euro war nicht mehr finanzierbar.
Neben diesem fällt ein weiteres Detail auf: Das gesamte Museum ist konsequent einsprachig beschriftet. Auch das ist ein Statement.
Allerdings ein etwas unverständliches vor dem Hintergrund, dass neben zwangsverpflichteten Schulkindern und AusflüglerInnen TouristInnen wohl das Hauptpublikum dieses Museums sein werden, das auf Wechselausstellungsflächen verzichtet. Der im Eintrittspreis inkludierte dreisprachige Audioguide empfiehlt zu Beginn des Besuchs den „Überblick“ zu „genießen“. Diesen haben jedenfalls die brav geschnitzten Holzskulpturen, an denen vorbei man in den Bauch des Gebäudes geht. Sie zeigen die Protagonisten der Ereignisse von vor 200 Jahren zwar vom Sockel geholt, aber durch die Positionierung auf Säulen erst recht wieder überhöht. Die Rolltreppe einen Stock tiefer fahrend richten sich Waffenreplika auf die BesucherInnen und in blutrote Wände eingelassene Audioinstallationen wispern Rosenkränze als Einstimmung auf die Schlacht am Bergisel des bayrischen Malers Michael Zeno Diemer. Es wird übrigens nicht erwähnt, dass die Tiroler Selbstbehauptung gegen die Bayern von 1809 knapp 90 Jahre später publikumswirksam von einem Bayern dargestellt wurde.
Bis dahin ist der Besuch aufgrund der Großzügigkeit der Architektur ein ansprechender. Neue Erkenntnisse, die über einen (volks-)schulischen Geschichtsunterricht hinausreichen, stellen sich nicht ein, eher leitet szenografisch alles auf das Schauerlebnis Rundgemälde hin.

Todernst
Der eigentliche Ausstellungsbereich, der Schauplatz Tirol, befindet sich im unterirdischen Verbindungstrakt zum Kaiserjägermuseum. Hier erlaubt die fehlende Distanz zur eigenen Geschichte, zur fremd- und selbstkonstruierten Identität kein Augenzwinkern. HG Merz, der verantwortliche Museumsplaner, meinte in einem Interview mit der Tiroler Tageszeitung kurz nach Fertigstellung, es hätte „kritischer und ironischer“ sein können. Interessante Worte des Konzeptverantwortlichen. Was die Ironie betrifft: Ob der Exponatauswahl möchte man über weite Strecken eigentlich nicht nur schmunzeln, sondern laut auflachen. Nicht unbedingt oder zumindest nicht nur der Qualität wegen. Die Beliebigkeit ausstrahlende Zusammenstellung und die rudimentäre Beschriftung lassen die BesucherInnen im sprichwörtlichen Regen stehen. Eine Erzähllinie, an der die Geschichte dieses Landes begreifbar würde, ist schwerlich zu erkennen. Dieses Haus will wahrlich viel und scheitert an diesem Anspruch.
Es zeigt von allem ein bisschen, mischt und entkontextualisiert es. Mythisierung ist die Folge, bei der eine Museumsvitrine schnell zum Schrein wird. Um ein Beispiel zu nennen: Da ist der Ausweis des jüdischen Mädchens Ilse Brüll1, das von Innsbruck in die Niederlande geschickt und von dort nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde.  In der Nähe ist der (immer wieder gezeigte) Stimmzettel für den Anschluss an Hitler-Deutschland. Um danach der Südtiroler Option, bei der sich nach dem Hitler-Mussolini-Abkommen die deutschsprachigen SüdtirolerInnen und LadinerInnen entscheiden mussten, ihre Sprache und Kultur aufzugeben oder ins Deutsche Reich umzusiedeln, eine Vitrine mit dem Reisekoffer eines Optanten samt Schützentracht aus dem 19. Jahrhundert zu widmen. Einige projizierte Fotografien zerbombter Innsbrucker Häuser komplettieren die Darstellung der Jahre 1938–45, sind aber irritierender Weise in einer Abfolge mit Bildern der Angliederung Südtirols von 1918 zu sehen. Eine in ihrer Verkürzung und Kombination äußerst problematische Geschichtsdarstellung.

Das in die Wegführung integrierte Kaiserjägermuseum ist im Großen und Ganzen so geblieben, wie es war. Deshalb gilt es als „Museum im Museum“ jetzt als Exponat. Und im Dachgeschossraum dieses Exponats, durch dessen antiquierte Präsentation durchzukämpfen die wenigsten BesucherInnen die Energie haben werden, gibt es den Europaraum. Auf einem interaktiven Tisch kann man sich visualisierte Statistiken zu Gemüte führen: Europas Abdeckung mit Mobilfunknetzen, seine Lichtverschmutzung oder welche Gegenden bei Anstieg des Meeresspiegel als erste verschwinden. Die Motivation, genau diese und nicht beliebige andere Visualisierungen zu zeigen, bleibt unklar. Auch eine Grafik zur Sprachenvielfalt in Europa gibt es. Für die meisten europäischen BesucherInnen wird der Erkenntnisgewinn jedoch enden wollend sein: Man blieb auch im Europaraum bei der deutschen Sprache. Ausschließlich.

Noch Fragen?
Eine Art von Fragen wirft dieses Museum jedenfalls auf: nämlich jene nach unreflektierten Repräsentationen in Museen. In einem gewissen Sinn kann es als konsequent bezeichnet werden, dass der Gestus und Anspruch des Rundgemäldes, ein wehrhaftes, frommes, unter Gottes höchsteigenem Schutz stehendes Volk zu zeigen und – damals wie heute – zu vermarkten, im Ausstellungsbereich des Museums nahtlos fortgesetzt wird. Zwischen der Fertigstellung des Riesenrundgemäldes und jener des Museums liegen allerdings 117 Jahre.
Die – durchgehend männliche – Audioguidestimme meint erklärend (oder entschuldigend?), man könne „viel mehr als die gängigen Klischees“ erfahren. Die Klischees werden allerdings nur ein weiteres Mal reproduziert. Ungebrochen. Ein kämpferisches Volk wird gezeigt, das Exklusion und Abschottung mit Freiheits- und Heimatliebe verwechselt. Und natürlich ein Volk, das gerne auf die Berge steigt, sportlich und gottesfürchtig ist. Dieses Museum stellt keine Fragen und lässt keine Unsicherheit zu, sucht weder nach Brüchen noch nach Zusammenhängen.

Und noch eine Frage steht im Raum: Was hätten eigentlich Bert Breit – politisch engagierter Komponist, Radiojournalist und Filmemacher, der sich immer für Minderheiten im Land einsetzte – und Johannes Atzinger – Künstler, Ausstellungsmacher und Enfant terrible der hiesigen Kunstszene – dazu gesagt, dass sie in einer Baumstammvitrine zusammen mit Schützenfigurinen und Gewehren unter der gemeinsamen Verclusterung „Rebellen“ auftauchen?       

1: MOLE-Autorin Christine Frei brachte im Mai/Juni das Stück Brüllendes Schweigen auf die Bühne des Generationentheaters diemonopol. Es widmet sich der Geschichte von Ilses Cousine Inge Brüll, die den Kindertransport in die Niederlande überlebte.