Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Ein Pano(d)rama – ein Trauerspiel

Am Bergisel in Innsbruck ist eine weitere Schlacht um die Tiroler Identität zu Ende gegangen. Sieger ist die katholisch-konservative Männlichkeit. Mit dem neuen Bergisel-Museum hat sich Mitte März ein reaktionäres Tirolertum wieder einmal räumlich manifestiert. Das Tirol Panorama verspricht das „komplexe Thema Tirol“ aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Was dort vermittelt wird, bleibt aber sehr mythisch.

Das Tirol Panorama  – schon der Name des Museums erklärt sich mir nicht. Ein Panorama steht eigentlich als Synonym für einen Rundblick, eine Rundsicht auf eine Sache. Das heißt, freien Blick über den ganzen Horizont zu haben, einen 360°-Blick. Das Museum schafft es aber nicht, einen vollständigen oder neuen Blick auf Tirol zu werfen. Zu viel wird ausgeblendet und findet keinen Platz. – Besonders für mich, der in Tirol keine Wurzeln hat und dessen Eltern keine TirolerInnen sind.

Die Ausstellung beginnt mit einer Wandtafel. Sie weist auf die geschichtsträchtige Schlacht. Eine Schlacht, die im Riesenrundgemälde einen eigenen Platz bekam und somit patriotische Gefühle wecken sollte. Das Bild, das sich jetzt im Museum befindet, ist laut Beschreibung eine Beschwörung: „Die Heimat kann gerettet werden!“ Eine Parole, die mich an den Wahlkampf rechter Parteien erinnert: Passend dazu finden sich bei meinem Besuch junge Männer im Museum mit eindeutig rechtsextremen Symbolen. Außerdem zieren den Weg zum „Heldenberg“ Aufkleber: „Südtirol bleibt deutsch.“ Ein Gästebucheintrag verstärkt meinen Eindruck: „Tiroler sein heißt Heimatschutz!“ Ein Satz wie aus der sarrazinischen Hetzschrift Tirol oder Türol, ein auf der Webseite des FPÖ-Nationalratsabgeordneten Werner Königshofer veröffentlichtes Kampfpamphlet gegen alles Fremde im Land. Die einzelnen Stationen erzählen die Geschichte des „Tiroler Freiheitskampfes“ nach – ein Kampf gegen die Moderne. Eine Darstellung, bei der es um die „Behauptung Tirols und seine[n] Widerstand gegen zentrale und fremde Mächte“ geht. Das Museum scheint ein Mahnmal gegen historische, aber auch gegenwärtige Bedrohungen von außen zu sein. „Der Tiroler Freiheitskampf“ strotzt von Männlichkeit, ist von Konservatismus geprägt und durch den Katholizismus geleitet. Diese Eckpfeiler einer Tiroler Heldenkonstruktion ziehen sich wie ein roter Faden durch das Museum. Vielleicht der einzige rote Faden dieses Ortes. Abseits davon findet kaum etwas Erwähnung. Die Rolle der Frauen, der jüdischen Bevölkerung, die von den Bauernkriegern ausgeraubt wurde, und jener Andersdenkenden, die diesen Bauernkampf gegen die Moderne nicht wollten – ja, davon finde ich nichts. Der „Tiroler Freiheitskampf“ ist eine von katholischen Männern geschriebene Geschichte, die Weltgeschichte sein will, die aber in Salzburg schon keiner mehr kennt.

„Tirol pur“ –  ein Schauplatz nirgendwo in Tirol
Ein weiterer Schwerpunkt des Museums ist der Schauplatz Tirol. Die dort ausgestellten Gegenstände erinnern mich an einen Flohmarkt, der seine Sachen nicht mehr loswird. Sehr beliebig sind die ausgestellten Dinge. Hier wird versucht, aus belang- und wahllosen Gegenständen eine Tiroler Identität zu konstruieren. Irgendwo zwischen Naturidylle, Alpenfolklore und religiösen Gegenständen ist sie wohl zu suchen – Tirol, ein beliebiges Land?
Der Schauplatz Tirol setzt sich somit kaum mit der Geschichte Tirols auseinander und den Menschen, die es besiedeln. MigrantInnen und deren Geschichte in Tirol werden mit keinem Wort erwähnt, ebenso wenig zeitgenössische Kunst bzw. Kultur abseits von Klischees. Versuche kritischer Blicke auf das Land Tirol, deren BewohnerInnen und deren gelebte Traditionen werden nicht unternommen. Es gibt keine Wagnisse, sich abseits von alten und bekannten Inhalten zu präsentieren.

Konzeptlos am Bergisel
Für mich ist das Museum eine teure Anhäufung von Ladenhütern, aber vielleicht habe ich mich ja zu wenig darauf eingelassen. Der Ausstellungsmacher des Tirol Panorama, HG Merz, betonte, dass man sich darauf einlassen muss. „Dann verliert man sich darin.“ Vielleicht will ich mich aber auch gar nicht in Tirol verlieren, sondern wiederfinden.

Für mich ist das Tirol Panorama kein Beitrag zu einer Identitätsstiftung, wo ich mich wiederfinden kann und will. Für mich ist dieses Gebäude eine Bestätigung für ein in der Tiroler Gesellschaft manifest verankertes reaktionäres, monolithisches Kulturverständnis.

Für mich ist das ein erfundener Ort mit all seinen Mythen. Für mich als Besucher des Tirol Panoramas ist das Museum ein räumlicher Ausschluss von Themen und Menschen, denen man in Tirol auch sonst offenbar keinen Platz geben möchte. Dieser Ort ist die Bestätigung für all das. Aber wie steht schon treffend auf der Betonwand eingangs im Museum formuliert: „Tirol ist ein Land auf der Suche nach sich selbst!“