Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

„Ich mach’ was mit Neuen Medien“

#05 2011 / Martin Fritz

Wie uns die Neuen Medien von der Knute der Starrheit befreien und unter die Knute der Flexibilität führen.

Es braucht keine teuren Studios mehr für Musik- oder Filmproduktionen, geschweige denn bockige Grafikabteilungen und langsame Druckereien, um eine Zeitschrift oder einen Verlag ins Leben zu rufen. Die so genannte digitale Boheme glaubte all das mit ihren weißen Computern als ihre eigenen Chefs von Berliner Kaffeehäusern aus erledigen, übers Netz weltweit publizieren und letztlich dann über ungeklärte, sich irgendwie ergebende Umwege monetarisieren zu können (vgl. dazu meinen Beitrag in MOLE 03). Denn mit Hilfe des Internets kann prinzipiell jede/r an tendenziell alle Informationen und Ausgangs-Rohstoffe gelangen und auch alles selbst Produzierte global verbreiten und ist somit nicht länger an Mittelsmänner (denn es waren und sind ja selten Frauen) wie Musik-labelbetreiber, Chefredakteure oder Universitätsprofessoren sowie deren nervige Vorgaben und umständliche Abläufe gebunden – zumal ja mit dem Notebook ein erschwingliches Allround-Produktionsmittel zur Verfügung steht, das prinzipiell jede Form von Wissens- und Kreativarbeit ermöglicht. So beschrieben die beiden deutschsprachigen Netzpioniere Holm Friebe und Sascha Lobo bereits 2006 in ihrem Buch Wir nennen es Arbeit, wie es das damals gerade entstehende Web 2.0 zumindest für eine kleine Elite möglich machen sollte, ohne Anbindung an fixe Strukturen, Organisationen oder Festanstellung ein angenehmes Erwerbsleben zu führen. Wenngleich Lobo und Friebe selbst Gefahren und Schattenseiten dessen ahnten und in ihrem Buch auch ausführten, betonten sie dennoch zu Überzeugungszwecken vor allem die positive Utopie.

Der Titel des Buchs der beiden frühen Netzbürger deutet aber schon an, dass diese Vorstellung alles andere als konkret und sicher war. Wir nennen es Arbeit sollte u.a. ja auch dazu dienen, Eltern und anderen netzfernen Bekannten zu erklären, was all diese Leute denn eigentlich den ganzen Tag hinter ihren Notebookschirmen trieben und wie zur Hölle das denn Arbeit sein solle und ist als Spruch nicht weit entfernt vom berühmten „Ich mach’ was mit Medien“, das übersetzt ja auch nur bedeutet, dass eine solches sagende Person nicht genau weiß, was sie eigentlich macht. Ins Negative gekehrt heißt die digitale Elite dann eher Prekariat und ist mitnichten nur von der Unmündigkeit starrer und langweiliger Firmenabhängigkeit befreit, sondern muss jetzt eben alles selber machen, was früher eigene Abteilungen für Redaktion, Werbung und Multimedia-Aufmotzung in die fachkräftige Hand nahmen. Zum schlecht bezahlten Artikel muss die selbständige Journalistin selber Fotos auftreiben, ihn selber Korrektur lesen und darüber twittern und die Indierockband muss die Formulare für die Fördermittel für die neue Platte selber ausfüllen, ihre Fan-Shirts selber entwerfen und bei den selbst ‚ausgemachten Konzerten selber verkaufen. Zwischen Möglichkeit und Zwang zur Flexibilität und zum Selbermachen ist es eben nur ein schmaler Grad.

Nichtsdestotrotz und gerade deswegen gibt es aber einige sehr gute Tools im Netz, die dezentrale, selbstständige und in kleinen, sich spontan bildenden Gruppen verrichtete Arbeit und Selbstorganisation immens erleichtern bzw. die Türen zu ganz neuen Arbeitstypen und -abläufen öffnen, die sich dann schon eher anfühlen wie die Friebe/Lobo-Vision einer mühelosen, selbstverwalteten Arbeit ohne Chefs, Dokumente und Betriebsabläufe. Ob dies nun Symptom- oder Ursachenbekämpfung der weniger erfreulichen Seiten der Veränderung von Arbeit durch die Neuen Medien ist, hängt dann nicht zuletzt davon ab, wofür die damit gewonnene Zeit letztendlich genützt wird.

 „Die Dinge geregelt bekommen“
Grundsätzlich lässt sich sämtliche Arbeit von Leuten, die vor allem hinter Bildschirmen sitzen (also von fast allen Kreativ- und WissensarbeiterInnen, also von fast allen, die von den oben skizzierten Entwicklungen betroffen sind) in drei Schritten zusammenfassen: Es kommt irgendwas rein, es wird irgendwas damit angestellt und dann kommt irgendwas raus – wobei es zuerst einmal fast egal ist, ob es sich dabei um akademische Texte, MP3-Dateien, Strickmuster oder Katzenbilder handelt. Typisch für NetzarbeiterInnen ist, dass bei allen drei Schritten Überfluss und Überkomplexität auf allen Ebenen herrscht, dass nie ganz klar ist, was eigentlich und was als nächstes zu tun ist, was zur Beschreibung des Krankheitsbildes Prokrastination, also des ewigen Aufschiebens, geführt hat, z.B. von Sascha Lobo und Kathrin Passig im Buch Die Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin. Eine der populärsten Abhilfestrategien dagegen ist die von David Allen entwickelte Getting-Things-Done-Methode, die in Reinkultur angewendet paradoxerweise einen solchen Organisationsaufwand bedeutet, dass vor lauter Organisation von Aufgaben gar keine Zeit für das eigentliche Erledigen der Aufgaben selbst mehr bleibt, deren Grundprinzip aber in der einfachsten Form unschlagbar ist: den ganzen Überfluss-Overkill an einfache Werkzeuge auszulagern, um den Kopf frei zu haben für die eigentlichen Aufgaben. Und diese Werkzeuge wandern derzeit gerade von den Desktops und Festplatten der einzelnen digitalen Bohemiens in die so genannte Cloud, also auf Server, die von überall aus zugänglich sind und die völlig neue Kooperationsmöglichkeiten bieten.

Auf der Input-Seite bietet das Netz so eine ganze Reihe an immer besser arbeitenden Filtern und Individualisierungsmöglichkeiten (vgl. meinen Beitrag in MOLE 02), deren verbreitetste wohl immer noch RSS-Reader sind, also Anwendungen, mit denen Blogs und sämtliche andere regelmäßig aktualisierte Websites bequem verfolgt werden können, ohne jeweils sämtliche Seiten durchchecken zu müssen. Im Verbund mit personalisierten Suchmöglichkeiten ist es so zeit- und nervensparend möglich, über jedes beliebige Gebiet auf dem Laufenden zu sein. Das Gefühl in einer Informationsflut zu ersticken, wandelt sich in dasjenige, nötigenfalls schon alles wirklich Wichtige automatisch mitzubekommen. Die Webworkerin weiß: Die Information wird mich schon finden, wenn sie gut genug ist, und nicht ich muss sie aufspüren.

Für das weitere Bearbeiten und Prozessieren einmal ge- und für gut befundener Informationen (zur Organisation dieser Fundstellen vgl. meinen Beitrag in MOLE 04) z.B. zu einem Text eignen sich Online-Texteditoren, die den Vorteil bieten, dass Texte (je nach Einstellung und konkretem Anbieter mit Passwort geschützt oder völlig frei) von jedem ans Netz angeschlossenen PC zugänglich sind. Damit könn(t)en sie erstens dem alten Leiden von unzähligen hin- und hergeschickten E-Mails mit Anhängen mit noch viel mehr verschiedenen Bearbeitungsstufen und widersprüchlichen Versionen mit fünfundzwanzigfärbigen Anmerkungen im docx-Format
tendenziell den Garaus machen, wenn sie sich nur endlich flächendeckend durchsetzten. Und zweitens sind sie ein Segen für alle, die mehr als einen Rechner ihr Eigen nennen und deren Festplatten aussehen wie eine Besteckschublade ohne Einsatz. Möglichkeiten, Fotos, Audio- und Videodateien mit den gleichen Vorteilen online in der Wolke zu bearbeiten, befinden sich gerade in der Entwicklung.

Für das Publizieren und Archivieren der so gemeinsam oder allein erstellten Inhalte schließlich gibt es auch für jeden Medientyp eigene und so allgemein bekannte Plattformen, dass deren Namen fast schon als Synonym für deren Dienstleistungen steht: YouTube für Filmchen, Flickr für Fotos, Soundcloud für Musik und Wordpress für Blogs. Zur weiteren Verbreitung der eigenen Leistungen wird dann meist das Duo Facebook und Twitter genützt, das im Idealfall als Kanal in beide Richtungen dient, also neuen interessanten Input liefert und so beißt sich die Informationskatze dann in den metaphorischen Schwanz.

 „Mach’ es nicht selbst“
Das Netz bietet also die Werkzeuge für die digitale Boheme längst, die das Gros der Umständlichkeiten, Doppelgleisigkeiten und ewigen Verschlimmbesserung der analogen Papierwelt bzw. des MS-Office-Universums mit seinen engstirnigen Dokumenten und Ordnern obsolet machen. Freilich passiert dies um den dialektischen Preis, dass, was zuerst nur als begrüßenswerte Möglichkeit vorhanden ist, schon sehr bald als Selbstverständlichkeit erwartet und die Arbeitserleichterung durch nette Werkzeuge dadurch zunichte gemacht wird und dass ein nicht zu kleines Arbeitspensum nötig ist, um sich überhaupt in der Welt der Onlinetools zurechtzufinden. Und damit ist noch gar nichts gesagt über die Arbeitszeit, die es kostet, sich online bemerkbar zu
machen – wer nicht täglich mehrmals Interessantes auf ihrem/seinem Facebook-Profil postet, ist eben schnell weg vom Gefällt-mir-Aufmerksamkeitsfenster. Auch hier ist es nicht weit von begrüßenswerter Chance zur Selbstrepräsentation und zum Zwang zur aufdringlichen Selbstdarstellung.