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MOLEcafé

Literatur

#05 2011 / C.W. Bauer

How you gonna come?

für Jens Tönnemann

How you gonna come?
Ich treffe Joe Strummer im Innkeller und …

„Bis einen die Orte hinter den Augen auf Landkarten rufen, von denen man lediglich ahnt, wer sie gezeichnet hat“, diese Zeilen gehen mir durch den Kopf, Zeilen eines Gedichts, das ich seit Wochen in mir trage, ohne es aus mir unerklärlichen Gründen fertig schreiben zu können. Habe also diese Verse im Kopf und trete hinaus auf die Straße, wieder einmal unterwegs in eine Bar, die einige meiner Bekannten als ihren Wohnzimmerersatz bezeichnen.  

Um in besagte Bar zu gelangen, schlendere ich das Innufer entlang, sehe den Fluss, dessen Dahinwälzen mich gerade abends so sehr anzieht. Wie oft schon war ich in Gedanken seinem Lauf gefolgt, vorbei an Wattens, Schwaz, Kufstein, im besten Sinn des Wortes auf der Innstraße unterwegs, vorbei an Rosenheim, Passau und dann die Donau hinab bis ins Schwarze Meer. Hunderte von Kilometern hatte ich auf diese Art beinahe täglich zurückgelegt, mitgerissen von der Dynamik des Wassers, zugleich zurückgespult in Filmen, die mir die Jahre gedreht hatten.

Was mich am Fluss fasziniert, ist seine Ähnlichkeit mit dem menschlichen Blick, die sich im Anspruch auf absolute Gegenwärtigkeit manifestiert. Darüber hinaus bedeutet in dem einen wie in dem anderen hinabzusteigen nichts anderes als ein Ankommen in einem Gewölbe.

Dieses Gewölbe also ist mein Ziel und ich steige – gewillt, dem Fluss unter seine Oberfläche und mir hinter den Blick zu schlüpfen – ganz hinab in den Innkeller. Kaum dort angekommen, muss ich kein zweites Mal hinsehen, glaube auch nicht zu träumen, mir gegenüber sitzt – Irrtum ausgeschlossen – einer der Helden meiner Jugend, in der ich noch davon überzeugt war, die Welt lasse sich mit drei Akkorden ändern, solange diese nur dynamisch und vor allem krachend aus den Lautsprecherboxen kommen.

Konnte von Lautsprecherboxen denn die Rede sein? Ich besaß einen jener damals üblichen Kassettenrecorder, deren Lautsprecher schon zu ächzen anfingen, wenn man auf der zehnteiligen Skala den Regler auf 3 stellte. Und was Welt bedeutete, davon hatte ich nicht die leiseste Ahnung. Letztlich egal, denn was für mich zählte, war ohnehin laut. Dementsprechend wurden mir drei Akkorde zur Welt und spielten mir Länder hinter das Schauen, Orte, deren Namen sich meinem Gedächtnis einstanzten – Vergessen ist eine dem Menschen an sich unmögliche Sache, sagte der argentinische Dichter Borges einmal, ich kann das für meine Person nur bestätigen: Selbst wenn mir vieles oft nicht permanent erinnerlich ist, es reicht eine Frage, ein Lied, manchmal nur ein Blick eines Gegenübers aus, um mir in den Augen versunkene Landschaften wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Freilich, ein Großteil dieser Landschaften, durch die ich früher lief und immer auf und davon und von einer Verweigerung in die nächste, ein Großteil wird mir erst heute begreiflich. Ich hatte sie zu rasch aufgesogen, vielleicht zu unreflektiert, keine Ahnung, hatte sie mir wohl auch zu krachend und dem Geächze meines Kassettenrecorders zum Trotz eingehämmert. Dass mir beispielsweise das Wort, das für mich zur Lebensmaxime wurde, erst Jahre später in einem ganz anderen Zusammenhang und auf hochliterarischer Ebene wieder begegnete, in Shakespeares Stück Maß für Maß, wo Punk schlichtweg Prostituierte heißt, zeigt mir noch heute: Eine Idee ist nie zu Ende gedacht, ein Gedicht nie fertig –

Ich seh mein Gegenüber grinsen, klar doch: Mit seiner musikalischen Neugier unterläuft er als Sänger, Songwriter und Gitarrist schon Ende der 1970er-Jahre die gängigen Klischees vom dumpfen, stets besoffenen und geistlosen Punk, der sich mit einer Handvoll Powerchords zufriedengibt, um mit ihr ein bisschen Geld für das nächste Trinkgelage einzuspielen. Einem seiner Songtexte habe ich meine erste Begegnung mit Federico Garcia Lorca zu verdanken, in Spanish Bombs thematisiert er die Ermordung des andalusischen Dichters durch spanische Falangisten im Jahr 1936. Während die Sex Pistols in nihilistischer Pose „No Futur“ proklamieren, sagt er schon in seinem ersten Interview: „Ich denke, die Leute sollten wissen, dass wir gegen Faschismus, gegen Gewalt, gegen Rassismus und für Kreativität sind.“

Mein Gegenüber blickt mich herausfordernd an, von seinen Lippen lese ich: You can crush us / You can bruise us / But you'll have to answer to – 

Eine Passage aus dem Lied The Guns of Brixton. Es gab eine Zeit, da verging kein Tag, an dem ich es nicht mindestens einmal hörte. Jeden, der mir begegnete, konfrontierte ich mit den Fragen: „When they kick at your front door / How you gonna come? / With your hands on your head / Or on the trigger of your gun? / When the law break in / How you gonna go? Shot down on the pavement / Or waiting in death row“

Noch heute ist dieser Klassiker von The Clash für mich einer der besten Songs, den die Band je gemacht hat – auch einer der aussagekräftigsten, weil er das widerspiegelt, was man Haltung nennt. An der mangelt es meinem Visavis nicht, was auch an seinem Kosmopolitismus liegen mag: in Ankara geboren, Studium an der Central School of Art and Design in London sowie am Newport College of Art in Wales –

Haltung, ja, das kann man von ihm lernen, denn zu rasch entpuppt sie sich bei manchem Zeitgenossen als Worthülse, wenn sie dem eigenen Vorteil im Weg steht.
   
Langsam gehe ich auf mein Gegenüber zu, stehe nun direkt vor Joe Strummer, seine Gesten sind mir vertraut, seine Stimme. Wir trinken, lachen und reden mitunter auch über die schlechte alte Zeit, als noch Kassettenrecorder die ganze Energie verschluckten, die den Punkrock auflud. Ich werde immer dreister in meiner Rede, stelle Fragen, alles purzelt aus mir heraus, das große Vokabular der Verweigerung, Situationismus, Anarchismus, die ganze Palette der Begriffe, die ich viel zu oft nur ausgeschüttet hatte, ohne mir über ihre Bedeutung wirklich klar zu werden. Über mir rauscht indessen der Inn unaufhaltsam weiter, die Wellen trommeln „hey ho let's go“, die Ramones gesellen sich zu uns, ich seh ein Schlagzeug, hinter dem plötzlich Campino auftaucht – und begreife mit einem Mal, dass das die Orte sind, die da in mir singen, Orte hinter den Augen, die einen auf Landkarten rufen, von denen man lediglich ahnt, wer sie gezeichnet hat, uneinnehmbare Orte sind es, unverdrängbare.