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„Störrische Kinder, die nicht lächeln wollen“

#05 2011 / Joachim Leitner

Mahamat-Saleh Haroun zählt zu den renommiertesten Filmemachern des afrikanischen Kontinents. Seine Filme wurden mehrfach ausgezeichnet und überall auf der Welt gefeiert. Anlässlich des 20. Internationalen Film Festivals Innsbruck (IFFI) stellte Haroun seinen Film Un homme qui crie –  der 2010 in Cannes den prestigeträchtigen Prix du Jury erhielt – vor. Joachim Leitner traf ihn zum Gespräch.

Herr Haroun, alle Ihre Filme wurden in den letzten Jahren beim IFFI gezeigt. Jetzt sind Sie erstmals zu Gast in Innsbruck. Wie sind Ihre ersten Eindrücke?
Mahamat-Saleh Haroun: Ich kenne das Festival in Innsbruck schon seit langem. Vor allem den Festivaldirektor Helmut Groschup habe ich schon überall auf der Welt getroffen. Ich weiß seine manchmal etwas ungestüme, aber immer herzliche Art zu schätzen. Ich bin wirklich froh, hier zu sein. Sehen Sie, für mich haben Festivals eine wichtig Funktion: Sie machen es möglich, neue Leute kennen zu lernen, Freundschaften zu schließen und andere Film zu sehen. So wächst die Familie, denn letztlich sind wir Cineasten eine große Familie. Wenn ich hier in Innsbruck sehe, mit welchem Einsatz seit 20 Jahren ein Festival gemacht wird, das sich mit prekärem Kino auseinandersetzt, kann ich nur hoffen, dass es noch lange so weitergeht. Hoffentlich überlebt uns das Festival.

Kann man ein Festival wie das IFFI mit den Filmfestspielen von Cannes, wo Sie vor wenigen Wochen Mitglied der internationalen Jury waren, vergleichen?
Mir geht es um persönliche Begegnungen. Und die sind sowohl in Cannes als auch in Innsbruck möglich. Das Budget sagt nichts über die Qualität eines Festivals aus. Einen Star wie Robert De Niro, der Jurypräsident war, kennen zu lernen, ist natürlich etwas Besonderes. Aber, wie so oft mit Berühmtheiten, stellt sich sofort heraus, er ist das, was die Amerikaner einen „handsome guy“ nennen, offen und sympathisch, gar nicht kompliziert. Aber ich weiß, dass die Organisatoren des Festivals in Innsbruck Film lieben und ihnen das afrikanische Kino am Herzen liegt. Solche Festivals haben einen besonderen Stellenwert. Das Festival hier hat eine eigene Vision vom Kino und diese Vision – Filme zu zeigen, die es sonst schwer haben, ihren Weg auf die Leinwand zu finden – ist mindestens genauso wertvoll wie die von Cannes oder Venedig.

Wenn Sie von Visionen sprechen, drängt sich natürlich die Frage auf, was Ihre persönlichen Visionen sind. Warum machen Sie Filme?
Für mich liegt der Sinn des Filmemachens darin, ein kleines bisschen Licht in die Welt zu bringen. Überall auf der Welt gibt es Orte großer Dunkelheit. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen hier in Innsbruck umgeben von einer tiefen, alles durchdringenden Dunkelheit und plötzlich sehen Sie eine kleine Kerze. Keinen großen Scheinwerfer, bloß eine Kerze. So sehe ich das Filmemachen: Es ist der Versuch, mit einer kleinen Kerze ein bisschen Licht in die Welt zu bringen. Für mich bedeutet das, dass ich Geschichten erzählen muss, die sonst nicht erzählt werden.

„Licht in die Welt bringen“, das klingt nach „aufklärerischem“ Anspruch?
Vielleicht. Ich glaube fest daran, dass Kino mehr sein kann als Unterhaltung. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe gut gemachte Unterhaltung. Aber das ist nur eines der Talente des Kinos. Kino kann unterhalten, aber man kann durch das Kino auch über das Leben nachdenken und große Themen im Kleinen verhandeln. Ich kann nicht akzeptieren, dass Film oft als Mittel zur Realitätsflucht verstanden wird. Man arbeitet den ganzen Tag, kommt nach Hause und will den Alltag vergessen. Mit meinen Filmen stelle ich dieses Verständnis von Kino in Frage. Überhaupt verlange ich von gutem Kino, dass es auch unbequeme Fragen stellt. Meine Filme sind wie störrische Kinder, die sich weigern, auf einem Familienfoto zu lächeln. So gesehen bin ich dann wohl doch ein politischer Filmemacher. Allerdings keiner, der politische Pamphlete abliefert.

Den Hintergrund Ihres Films bildet der Bürgerkrieg in Ihrer Heimat.
Ja. Aber Afrika ist ein Kontinent des Ungesagten, deshalb schien es mir nicht möglich, einen Film zu machen, der den Krieg offen anspricht. Er ist einer der Motoren meiner Geschichte, aber eher als ein Brodeln unter der Oberfläche spürbar. Die Idee zu Un homme qui crie hatte ich während der Dreharbeiten zu Daratt. Der Hauptdarsteller des Films, Ali Barkai, feierte damals seinen 18. Geburtstag. Das Filmteam traf gerade die Vorbereitungen für eine kleine Feier und dann passierte die Katastrophe. Rebellen überfielen die Stadt und nach einem kurzen Gefecht waren die Straßen mit über 300 Leichen übersäht. Seit 40 Jahren wird Tschad vom Krieg beherrscht. Alles ist davon gezeichnet, er lässt sich auch aus scheinbar belanglosen Begebenheiten nicht wegdenken.

Was genau ist Ihrer Meinung nach das Problem?
Wenn man über zwei Generationen von jungen Menschen in einen sinnlosen Krieg schickt, geht etwas kaputt. Davon erzähle ich in meinen Filmen. Wenn Krieger alt werden, schicken sie ihre Kinder in den Kampf. Für diese, die nachfolgende Generation, ist es unmöglich, stabile politische Systeme zu schaffen, weil sie nie etwas anderes gesehen haben als unmenschliche Gewalt. Anstatt positive Werte und Errungenschaften von einer Generation zur nächsten weiterzugeben, vererben wir unseren Nachkommen nichts als Gewalt.

Im Publikumsgespräch nach der Vorführung von Un homme qui crie sagten Sie, dass auch Sie ein Kriegsopfer sind. Im Jahr 1979 traf mich eine verirrte Kugel. Danach hat mich mein Vater mit einer Schubkarre über die Grenze nach Kamerun geschafft. Es war meine erste Flucht aus dem Tschad, aber ich bin immer wieder zurückgekommen.

Was sind Ihre nächsten Projekte?
Mein nächster Film, dessen Vorbereitungen im Oktober beginnen werden, trägt den Titel African Fiasko. Er basiert auf einer wahren Geschichte. Vor ein paar Jahren hat eine holländische Reederei Unmengen von zum Teil hochgiftigem Abfall einfach in die Bucht von Abidjan an der Côte d’Ivoire abgeladen. Die Rolle des Reederei-Chefs habe ich übrigens De Niro angeboten und Bob hat großes Interesse daran.

Sie haben renommierte Filmpreise in Cannes und Venedig gewonnen. Glauben Sie, dass solche Anerkennungen die Situation des afrikanischen Kinos verbessern können?
Ich bin mir nicht sicher, ob die Preise mehr ZuschauerInnen ins Kino locken. Aber es ist sicher so, dass der afrikanische Film etwas sichtbarer wird. Aber gerade in meinem Fall ist der für mich wesentlich wichtigere Punkt, dass die internationale Aufmerksamkeit, die Un homme qui crie erreicht hat, es ermöglicht hat, dass das einzige Kino, das es im Tschad gibt, renoviert wurde. Im Jänner 2011 wurde es mit Un homme qui crie eröffnet. Stellen Sie sich vor: Die erste Kinovorführung im Tschad seit rund 30 Jahren. Außerdem hat mich die Regierung gebeten, eine Filmschule zu gründen.     

Mahamat-Saleh Haroun wurde 1961 in Abéché, Tschad geboren. Nach der Flucht aus dem Tschad kam Haroun 1982 nach Frankreich. Er studierte am Conservatoire Libre du Cinéma Français in Paris und später an der Universität Bordeaux. Bereits sein erster längerer Film Bye-bye Africa (1999) wurde mit dem CinemAvvenire-Preis sowie mit dem Luigi-De-Laurentiis-Preis ausgezeichnet. Seinen bisher größten Erfolg feierte er mit seinem aktuellen Film Un homme qui crie (2010), der mit dem Jurypreis der 63. Filmfestspiele von Cannes ausgezeichnet wurde.