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MOLEcafé

Un obscur chanteur hippie autrichien

#05 2011 / Günther Moschig

Von einem, der auszog, ein Popstar zu werden. Der Wörgler Helmut Grabher aka Ian Graber aka Jeremy Faith.

Pop und Rock haben bis heute ihre eigenen Mythen. Sie mögen sich seit den 1960er-Jahren in den verschiedensten Feldern von Disco, Hip-Hop und elektronischen Beats zwar verändert und erweitert haben, stehen aber immer noch am Beginn popmusikalischen Handelns. Der Mythos der 1970er-Jahre war jener von Freiheit und Dissidenz und er erzählte die Geschichte des jungen Mannes, der sich eine Gitarre nimmt, eine Band gründet und Musik spielt, die die Gemeinschaft der Erwachsenen provoziert, so Tom Holert und Mark Terkessidis in Mainstream der Minderheiten. Wohl aber auch, um berühmt, reich und ein Star zu werden. „Von der Freiheit ins Glück“, das war die Idee.
Der Tiroler Straßenmusiker Helmut Grabher erfüllt genau diesen Mythos. Seine Geschichte beginnt damit, dass ihm Marlene Dietrich Ende der 1960er-Jahre in der Pariser Metro einen 500 Francschein zusteckte. So klangen die mündlichen Überlieferungen seiner Freunde – ganz wie im Märchen. Heute wissen wir: Es war nicht Marlene Dietrich, es war der französische Musiker und Produzent Michel Berger, der dem in der Pariser U-Bahn Hippielieder singenden Helmut Grabher seine Visitenkarte zusteckte und ihn, angetan von der Stimme des Tirolers, einlud, sich in seinem Studio vorzustellen. Es sollte eine kurze Erfolgsstory daraus werden, an deren Ende ein Eintrag im Sachstichwörterverzeichnis des Rocklexikons von Barry Graves und Siegfried Schmidt-Joos steht. Unter dem Begriff Jesus Rock wird Jeremy Faith mit George Harrisons My Sweet Lord, José Feliciano und Jeremy Spencer (Ex-Fleetwood Mac) als dessen Hauptvertreter genannt.

Helmut Grabher,  geboren 1946 in Wörgl, hatte nach einer Bäckerlehre und dem Militärdienst 1968 seine ersten popmusikalischen Versuche gestartet, zunächst ohne musikalische Kenntnisse. Les Trois Clochards hieß die erste Rockband, gegründet mit Werner Giggenbacher am Bass und dem später im Unterhaltungsgeschäft erfolgreichen Schlagzeuger und Sänger Julius Anton Patka, der dem jungen Helmut die ersten Griffe auf der Gitarre beigebracht hatte. Auf der Setlist standen vor allem die Hits der Rolling Stones und der Beatles. Das englischsprachige Programm von Radio Luxemburg gab dazu die nötigen Informationen. Gespielt wurde Tanzmusik für ein touristisches Publikum, auch das Kufsteiner Lied. Doch lange hielt es Grabher nicht im kleinstädtischen Milieu Wörgls – er trampte bald mit Gitarre und ein paar Liedern in die Metropolen. Zuerst nach London, dann nach Paris.
Der Metro-Begegnung mit Michel Hamburger, wie Michel Berger mit bürgerlichen Namen hieß (er verstarb 1992 nach einer bis zuletzt erfolgreichen Karriere als Produzent, Komponist und Sänger), folgte 1971 die erste Singleproduktion in einem Pariser Studio für das etablierte Label DECCA. Please let me know klang ein wenig wie Paul Simons 1969 erschienenes The Boxer. Cellointro und der Refrain von lei-la-lei hatten zwar Ohrwurmqualität, blieben in Frankreich auch nicht unbemerkt, aber der große Erfolg blieb aus. Am Cover posierte Helmut Grabher als Ian Graber noch etwas ungelenk im lila Hippieanzug.

Der Coup gelang Michel Berger im Sog der aus den USA überschwappenden hippieesken Jesuswelle mit einem religiösen Konzeptalbum und mit Helmut Grabher als dessen Hauptprotagonisten Jeremy Faith. Stimme und Aussehen des Tirolers passten wunderbar ins Bild des frommen Hippies. Die inhaltliche Vorbildrolle zur Idee des Jesusalbums spielte der Erfolg George Harrisons mit My sweet Lord. Der zum Hinduismus konvertierte Harrison hatte nach dem Ende der Beatles 1970 dieses Lied für sein erstes Soloalbum ALL THINGS MUST PASS aufgenommen und mit Textzeilen wie „My sweet Lord hallelujah, I really want to see you“ und „Hare Hare, Krishna, Krishna“ ein an religiösen Heilslehren interessiertes Publikum angesprochen. Die Jeremy-Faith-LP Lord mit Jesus als Singleauskoppelung wurde zum Welterfolg, in 23 Ländern vertrieben und in Frankreich mit der Goldenen Schallplatte ausgezeichnet. Begleitet von einer kräftigen Orgel und einer singenden Sologitarre gab Jeremy Faith, unterstützt vom Gospelsoul des St. Mathews Church Choir, ein hymnisches „Save us, save us, Jesus, Jesus won’t you come back to earth“. Jesus wurde nach dem ersten Erfolg durch Jeremy Faith 1971 an Cliff Richard weitergegeben, der die Platte mit Mr. Cloud als B-Seite noch erfolgreicher als das Original 1972 bei EMI Frankreich herausbrachte. Ihm gelang etwas, was dem Österreicher Grabher nicht gelungen war: der Einstieg in die ORF Hitparade Die grossen 10 von Ö3. Den Hohepriester hatte man dem bekennenden Christen Cliff Richards offenbar besser abgenommen.

Dass an Bergers LORD ein amerikanischer Kirchenchor beteiligt war, wie das Rocklexikon behauptet, stimmt so wenig wie die Bemerkung am aufklappbaren Cover, die Platte sei in Los Angeles aufgenommen worden. In Wahrheit war Jeremy Faith nie in Amerika gewesen und der Chor auch kein Kirchenchor, sondern aus dem musikalischen Umfeld Bergers zusammengestellt. Michel Berger war Komponist und Produzent von France Gall und gilt als Entdecker der französischen Popsängerin Veronique Sanson.
LORD war mit Liedern wie Lord speak to me, You are my Lord oder Mary und entsprechender Covergestaltung als Konzeptalbum angelegt, musikalisch ein eingängiger  Mix aus Gospelsoul und sanften Rockballaden aus der Feder unterschiedlicher Komponisten und Texter. Beachtung verdient neben der Hitsingle Jesus noch ein Song. In Tomorrow will be the day singt Jeremy Faith mit schönen Harmonien ein Duett mit der im französischsprachigen Raum heute noch erfolgreichen Veronique Sanson. Das Lied gilt als eines ihrer ersten selbst geschriebenen, auch wenn sie sich hier noch unter dem Pseudonym L. Lucas als Autorin nennen ließ. Veronique Sanson war später mit Stephen Stills (Crosby, Stills, Nash & Young) verheiratet, mit ihm nach Frankreich auch in den USA als Sängerin und Songwriterin erfolgreich. Auf ihrer aktuellen Homepage erinnert sich Sanson an Jeremy Faith als einen „obscur chanteur hippie autrichien“.

Nach dem Erfolg von Jesus, auf dessen B-Seite eine instrumentale Version des Liedes veröffentlicht wurde, gab es noch 1971 mit You are my Lord eine weitere Singleauskoppelung, auf deren Cover Helmut Grabher als bärtiger Jesus schon um einiges selbstbewusster als auf seiner ersten Platte erscheint.
Der Jesushype allerdings war bald vorbei. Flower Power war mit Barclay James Harvest oder Led Zeppelin in bombastische Materialschlachten geschlittert und die Popmusik bis zum ersten Punkakkord Mitte der 1970er-Jahre vom Mainstream der Plattenindustrie eingenommen. Kreativer Lichtblick war allein der Glamrock von Marc Bolan, David Bowie oder Roxy Music.

Jeremy Faith, in Frankreich ein Star, versuchte mit eigenen Liedern seine Popkarriere fortzusetzen. 1973 erschien auf dem kleinen Label Okapi und merkbar dünnerem Vinyl der Happy-Popsong Baby mit Bye, Bye Everybody auf der B-Seite, 1974 folgte noch einmal, mit aufwendigem Orchester produziert, Save me, blame me und My Morning Sun, poppige Schlager mit schlichten Texten. An den Erfolg von Jesus konnte Jeremy Faith nie mehr anschließen.
Mit seiner Familie lebte er zurückgezogen in der Nähe von Paris, spielte kleinere Konzerttourneen in Frankreichs Provinz und kam Ende der 1980er zu Plattenaufnahmen zurück nach Wörgl. Geplant war eine LP mit Chansons und Eigenkompositionen Grabhers. Das Album konnte nicht fertig gestellt werden. Am 6. März 1990 verstarb Helmut Grabher in Frankreich an Herzversagen. Als österreichischer Musiker, der noch vor Supermax Kurt Hauenstein (1977) und Falco (1985) international Beachtung gefunden hatte, wurde er in Österreich auch in den erfolgreichen Jahren von 1971 bis 1973 kaum wahrgenommen und geriet umso schneller  in Vergessenheit.   

info
diskografie Helmut Grabher (1946–1990)
Ian Graber Please let me know/Mississipi Baby 1971/DECCA  France 79.577    45 rpm
Jeremy Faith and the St. Mathews Church Choir Jesus/Jesus instrumental 1971/DECCA France  88.003A    45 rpm
Jeremy Faith and the St. Mathews Church Choir You are my Lord “J”/You can be the Man 1971/DECCA France 83.015A    45 rpm
Jeremy Faith Baby/Bye, Bye Everybody 1973/Okapi/Sonopresse 40 09345 rpm
Jeremy Faith Save me, blame me/My morning Sun 1974/Okapi/Sonopresse 40 122    45 rpm
Jeremy Faith and the St. Mathews Church Choir Lord 1971/DECCA France 40.247A    33 rpm