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MOLEcafé

Widerständigkeit und Eigensinn – Über Rens Veltman

#05 2011 / Jürgen Tabor

Anlässlich der Verleihung des Preises für zeitgenössische Kunst 2011 durch das Land Tirol und überhaupt weil es an der Zeit war,
besuchte MOLE den Künstler Rens Veltman in seinem Atelier. 

Der Erfolg einer künstlerischen Arbeit hängt immer auch von ihrer Präsenz in der interessierten Öffentlichkeit ab, weil sie erst dann ihre Qualitäten kommunizieren kann. Nichtsdestoweniger ist die Kunstwelt ein Feld, in dem es immer wieder Persönlichkeiten gibt, die gerade nach Unabhängigkeit von der Öffentlichkeit – vom Markt, den Institutionen, den Medien – streben und ihre Arbeit widerständig und mit Eigensinn verfolgen. Rens Veltman zählt sicherlich dazu. Der 1952 in Tirol geborene und in Schwaz lebende Künstler, dessen Vater aus den Niederlanden stammt, ist seit langem eine überaus geschätzte Figur in der Tiroler Kunstszene. Zugleich ist er mit seiner Arbeit nur selten und nur punktuell öffentlich präsent. Mit seiner schon seit den 1970er Jahren verfolgten Pionierarbeit im Bereich der elektronischen Kunst, der künstlerischen Reflexion des Computers und der Robotik ist er jedoch so etwas wie ein „Künstler Künstler“ – ein Referenzpunkt für junge KünstlerInnen und deren Entwicklung.
Obwohl sich Veltman selbst einen „Technik-Freak“ nennt, geht es in seinen elektronischen Arbeiten nie um eine bloße Faszination für die Technologie, sondern vielmehr um eine Hinterfragung der technischen wie auch gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten und Auswirkungen, die mit Maschinen wie dem Computer oder mit Medien wie der Fotografie verbunden sind. Das Dokumentationsprojekt Die Tabakfabrik – Versuch einer phänomenologischen Dokumentation (1980; gemeinsam mit Alexander Rabalder und Jup Rathgeber) steht dafür beispielhaft. Das Dokumentationsprojekt, das schlussendlich 932 Fotografien, ca. 40 Stunden Tonaufnahmen von Einzelgesprächen mit aktiven und ehemaligen ArbeiterInnen der Tabakfabrik und eine 210 Minuten dauernde Videostudie von 23 RaucherInnen umfasste, entstand im Auftrag der Austria Tabak AG. Schon der große Umfang der Dokumentation verdeutlicht das Streben der Gruppe nach einer möglichst objektiven, „wahren“ Darstellung, in der jede subjektive Entscheidung der Künstler nachvollziehbar und jedwede bewusste wie unbewusste Einflussnahme der Auftraggeberin ausgeschlossen sein sollte. Im Rahmen des Projekts postulierte die Gruppe, dass nur jene Fotografie legitim sei, die exakt definiert und klarlegt, unter welchen Bedingungen sie zustande kommt. Der Versuch, eine Darstellung bis an die Grenze der absoluten Objektivität zu verfolgen, trug sich zum Teil in Veltmans Arbeit mit Robotern weiter. In einer Arbeit von 1996 übertrug er den fotografischen Akt zur Gänze an einen Roboter, der in einer kontinuierlichen, minimalen Bewegung ein Objekt umkreiste und es dabei 32.000 Mal – und in weiteren Umkreisungen potentiell unendlich oft – aufnehmen konnte. Zugleich bringen diese Versuche absoluter Präzision immer auch ein Scheitern zum Vorschein, da mit der Offenlegung der Anordnung immer auch die Begrenztheit der Perspektive sichtbar wird.
Die Frage der Objektivität ist allerdings nur ein Aspekt in Veltmans Auseinandersetzung mit den neuen Technologien, die rund um den Computer entstanden. Wie die Roboter-Arbeiten deutlich machen, ging es vor allem auch darum, die neuen Maschinen und die Elektronik für die künstlerische Arbeit zu nutzen, sie umzufunktionieren, um bestimmte Botschaften zu vermitteln. Das Ziel war, wie Veltman formuliert, zu untersuchen, „was man aus der Technologie für die Demokratisierung der Kunst herausholen kann“.  
Rens Veltmans Zeit als Unternehmer kann auch in diesem Zusammenhang gesehen werden. Von 1989 bis 1996 leitete er zusammen mit seinem Bruder die von ihnen gegründete Firma V&V, die sich als erste in Österreich auf Multimedia-Anwendungen und interaktive Informationsvermittlung spezialisierten. Ausgestattet mit einem Video- und Soundstudio entwickelten sie für die Tourismusbranche ebenso wie für IBM oder das Bundesministerium für Unterricht und Kunst CD-Roms, Bücher und andere Präsentationsformen mit Schwerpunkt auf interaktiver Nutzung – und mit dem Anspruch, Information bzw. Werbung künstlerisch produktiv umzusetzen, auch wenn das nicht immer der Wunsch der Kunden war …
Bei aller Affinität für die Nutzung und Hinterfragung von Technik und Elektronik hat sich Rens Veltman bis auf wenige Jahre stets auch mit Malerei und Zeichnung beschäftigt. In vielen seiner Werke geht es gerade auch um das Verhältnis von manueller und technologischer Bildproduktion. So entwickelte er Computerprogramme, die innerhalb bestimmter Parameter zufällige, quasi-gestische Zeichnungen generieren können. In Rndpixels (2002) errechnet ein Computer nach einem bestimmten Algorithmus auf Basis von 21 Millionen Farben und bei einer Auflösung von 1024 x 768 Pixeln eine nahezu unendlich große Zahl von zufallsabhängigen Bildern. Beides sind deutliche Metaphern für die Parallelwelt und das Eigenleben von Maschinen und elektronischen Netzwerken.
In seiner Malerei und Zeichnung setzt sich Veltman neben dem klassischen Format der Naturstudie immer wieder auch mit wahrnehmungspsychologischen Phänomenen auseinander. Das Gemälde Bild für meine rot-grün-blinden Freunde (2010) beschäftigt sich beispielsweise mit der Rot-Grün-Sehschwäche, von der laut dem deutschen Wikipedia-Eintrag etwa 9 Prozent der Männer und etwa 0,8 Prozent der Frauen betroffen sind. Das Gemälde richtet sich an diese Minderheit, denn nur sie sehen das Bild „richtig“ als eine einheitliche Fläche. Ein ähnliches Gemälde hat Veltman auch für Menschen mit einer Gelb-Blau-Sehschwäche entworfen. Das Interesse für Wahrnehmungspsychologie geht bei Veltman auf die frühen 1970er Jahre zurück, als er nach einer kurzen Phase an der Universität für Angewandte Kunst in Wien nach Innsbruck zurückkehrte und sich an den Instituten für Psychologie und Zoophysiologie inskribierte. Nach diesem naturwissenschaftlichen Intermezzo studierte er am Mozarteum in Salzburg Bühnenbild und schließlich für eineinhalb Jahre Kunsterziehung an der neu gegründeten Kunstuniversität in Linz. Erst die Rückkehr nach Wien, in die gerade von Oswald Oberhuber übernommene Klasse, brachte für Veltman die von ihm ersehnte konzeptuelle und experimentelle Praxis, die immer auch mit einer Hinterfragung gesellschaftlicher und kultureller Strukturen verbunden war. Diese grundlegend politische Haltung gegenüber dem gesellschaftlichen Status quo ebenso wie den künstlerischen Ausdrucksformen und den neu entstehenden Technologien ist bis heute das bestimmende Moment seiner künstlerischen Arbeit. Für Ende Juni plant Rens Veltman ein offenes Atelier, bei dem er seine neuesten Arbeiten präsentieren wird.