Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Wie das Essen unters Volk kommt, und was davon übrig bleibt

#05 2011 / Evelin Stark

Im August 2011 wird der öffentliche Raum zur öffentlichen Küche: Die Arbeitsgemeinschaft fleisch is mei gmias versucht sich gemeinsam mit Ines Aubert und Ruben Jodar von der Stiftung Freizeit an einer Form performativer Kunst, bei der gekocht, gegessen und (aus)getauscht wird.

„In Berlin brodelt’s an jeder Ecke“, sagt der gebürtige Tiroler Architekt Markus Blösl, der seit mittlerweile sieben Jahren in der deutschen Metropole wohnt. Der Mitinitiator der Volksküche kehrt aber immer wieder zurück in seine Heimat, um es auch hier ein bisschen brodeln zu lassen. Der öffentliche Raum ist das, womit fleisch is mei gmias sich seit Jahren beschäftigt, sei es mit einem trojanischen Wohnwagen an Dorfplätzen, der mit einer „Einladung zum experimentellen Brauchtum“ weg von der Platzkonzertkultur und zurück zu seiner ursprünglichen Nutzung als wichtigsten gesellschaftlichen Treffpunkt eines Dorfes lenkte, Architekturvermittlung an Schulen oder eben der Volksküche. Es geht um die Bewusstseinsbildung, dass der öffentliche Raum dafür da ist, dass jede/r seine/ihre Meinung offen ausdrücken kann. „Man ist selber Öffentlichkeit“, sagt Blösl, „und jeder hat das Recht, öffentliche Räume mitzugestalten.“
An dieser Stelle setzt die Volksküche an. Das von den stadt_potenzialen geförderte Projekt soll an mehreren Orten Innsbrucks in der zweiten Augusthälfte dieses Jahres stattfinden. Es ist Kochinstallation und Tauschperformance in einem und soll den öffentlichen Diskurs über den Wert von Kunst anregen: „Die Küche hat seit jeher als sozialer Treffpunkt etwas Einladendes. Wir setzen die Hemmschwelle absichtlich weit nach unten und nehmen das Essen als Einstieg in den Diskurs mit dem Laufpublikum“, so Blösl. Dem Publikum wird frisch zubereitetes Essen angeboten, wofür im Gegenzug ein Tauschobjekt gegeben werden soll. Statt des üblichen Zahlungsverkehrs erprobt dieser Tauschandel ein anderes Wertemodell.
Das kreative Denken wird angeregt und zu allen Tauschobjekten wird es individuelle Geschichten geben. So entsteht eine Sammlung von Objekten, die gleichzeitig zu einer Sammlung von unterschiedlichen Werten wird.
„Die Sammlung von persönlichen Gegenständen führt zu einem gewissen Mehrwert“, meint Blösl, „der einzelne Wert wird zum gemeinsamen und somit gesellschaftlichen Wert.
Die Koch-Kunst ist als öffentlicher Diskurs über das Arbeiten zu verstehen und rückt die Gesellschaft in den Mittelpunkt, in der Kultur zur Ware wird und um Konsumenten zu gefallen alles mit einer gleichmäßigen Soße übergossen wird.“ Die ProjektbetreiberInnen wollen mit ihrer Aktion auf die immer stärker werdende Selbstausbeutung im künstlerischen Arbeiten und die Geringschätzung von Kunst aufmerksam machen. Die Sammlung der Tauschobjekte kommt nicht in die Tonne. Sie wird sorgfältig verpackt und versichert und Galerien für Ausstellungen angeboten. Interessierte KäuferInnen können die Sammlung zwar nicht kaufen, aber ein Tauschangebot machen.

Bei einem ersten Vorversuch der Volksküche in Berlin wurde viel Unterschiedliches eingetauscht, doch eines hat sich für Blösl schnell herausgestellt: „Der momentane Gemütszustand des Publikums ist ausschlaggebend dafür, was gegeben wird. Oft steht etwas Kleines für sehr viel.“ Und was würde er als Tauschobjekt geben, würde ihm jemand auf der Straße etwas Leckeres zu essen anbieten? Das, was ihm in diesem Moment am meisten Freude und Entspannung bereitet: zwei Tanzschritte aus dem Swing-Kurs, den er seit einiger Zeit mit Leidenschaft besucht und der ihn immer wieder in eine neue Welt eintauchen lässt.