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Wohnen wie ein Mönch

Alljährlich vergibt die Stadt Schwaz ein Stadtschreiberstipendium. Der/die Ausgezeichnete darf zwei Monate in Schwaz wohnen – und zwar im Kloster.

Gerade einmal acht Patres  beherbergt das alt erwürdige Franziskanerkloster in Schwaz derzeit. Acht Patres, die sich neben der Seelsorge um das hauseigene Archiv, Verwaltung, Gärtnerei, die Bibliothek – und gelegentlich auch um Gäste kümmern. Gäste, die etwa Thomas Lang, Michael Orths, Peter Truschner, Radek Knapp oder Martin Amanshauser heißen und die Literaturinteressierten wohl bestens bekannt sein dürften als renommierte deutschsprachige Autoren, die in großen Verlagshäusern publizieren und mehrfach bepreist worden sind. Sie alle haben schon einmal im Franziskanerkloster Schwaz Quartier genommen – als Stadtschreiber.

Der ursprünglichen Wortbedeutung nach bezeichnet Stadtschreiber ja einen Chronisten, der die Geschichte einer Stadt aufzeichnet. Wird heute jemand Stadtschreiber, verbirgt sich dahinter jedoch ein literarisches Aufenthaltsstipendium in einer bestimmten Stadt. Literarische Stadtschreiber zeichnen also keine Geschichte mehr auf, sondern schreiben Geschichten. Sie leben für eine bestimmte Zeit in der betreffenden Stadt und können dort bei freier Kost und Logis ihrer Arbeit ungestört nachgehen. Erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt es derartige literarische Aufenthaltsstipendien im deutschsprachigen Raum, am renommiertesten ist vielleicht der Posten des Mainzer Stadtschreibers, der einen einjährigen Aufenthalt in der Stadtschreiberwohnung im Renaissanceflügel des Gutenberg-Museums und zusätzlich auch ein stattliches Preisgeld umfasst. Daneben gibt es inzwischen auch Turmschreiber (München), Inselschreiber (Sylt), Seeschreiber (Wolfgangsee), Dorfschreiber (Aich/Stmk) oder Bergschreiber (Hochzillertal).
Das Besondere am Schwazer Stadtschreiber-Stipendium, das alljährlich von der Stadt Schwaz vergeben wird, ist mit Sicherheit die Unterbringung des Gastes: Autorinnen wohnen im Fuggerhaus bei den Tertiar-Schulschwestern, Autoren eben bei den Mönchen des Franziskanerklosters. Man wohnt also im Kloster, in völliger Ruhe und Abgeschiedenheit, isst mit Geistlichen und lernt deren tägliche Routine kennen. So seltsam sich das anhören mag, hinter dieser besonderen Art der Unterbringung verbirgt sich ein nur allzu logischer Gedanke: Für SchriftstellerInnen ist die klösterliche Einsamkeit an sich die ideale Voraussetzung, um ihrer Arbeit – dem Schreiben – ungestört nachgehen zu können. Denn was ein/e AutorIn vor allem braucht, ist Ruhe. Und davon gibt es im Kloster mehr als genug.
Wer mit dem Literaturstipendium der Stadt Schwaz, wie das Aufenthaltsstipendium des Stadtschreiberpostens vollständig heißt, ausgezeichnet wird und somit zwei Monate lang bei Nonnen oder Mönchen lebt und zusätzlich noch monatlich 1000€ „Taschengeld“ erhält, entscheidet das Literaturforum Schwaz, das 1995 von Obmann Hannes Köchl und Sigrid Resch neu gegründet wurde. Dass die derzeit sechs Vereinsmitglieder ein ausgezeichnetes Gespür für „gute Literatur“ haben, beweist die Liste der bisherigen Stadtschreiber, in der sich auch ein späterer Bachmannpreisträger findet: Thomas Lang, 2004 in Schwaz Stadtschreiber, 2005 Sieger in Klagenfurt. Das damit verbundene wachsende Renommee des Stipendiums dürfte auch der Grund dafür sein, warum die Zahl der BewerberInnen von Jahr zu Jahr steigt, inzwischen sind es weit über 100 AutorInnen, die Texte einreichen. Alle Einsendungen werden sorgfältig gelesen, die besten in die zweite Runde geschickt, in der mittels Punktevergabe per Mehrheitsentscheid bestimmt wird, wer der/die nächste StadtschreiberIn wird und die klösterliche Stille genießen darf.
Eine derartige Erfahrung ist allerdings selbst unter SchriftstellerInnen nicht jedermanns bzw. „jederfraus“ Sache. Nina Jäckle, Stadtschreiberin 2008, hat ihren Aufenthalt bei den Nonnen erheblich verkürzt, weiß Obmann Köchl zu berichten. Andere, wie die letztjährige Stadtschreiberin, die junge deutsche Dramatikerin Susanna Mewe, fügen sich gut in das Klosterleben ein. Viele bleiben der Stadt und dem Literaturforum Schwaz jahrelang in Freundschaft verbunden, davon zeugen Lesungen, die ehemalige Stadtschreiber immer wieder in Schwaz zu geben bereit sind, auch wenn sie, wie Thomas Lang, es sich inzwischen leisten können, bei Lesungen wählerisch zu sein.
Neben der Vergabe des Schwazer Stadtschreiber-Stipendiums ist es die Veranstaltung von Lesungen, die das zweite Anliegen des Vereins darstellt. Das ganze Jahr über, vor allem aber im Herbst im Rahmen der Schwazer Herbstlese, kommt Schwaz durch das ehrenamtliche Engagement der Literaturbegeisterten so in den Genuss literarischer Lesungen und kabarettistischer Kleinkunst höchster Qualität. Den passenden Rahmen für die Veranstaltungen, die von einem treuen Stammpublikum regelmäßig gut besucht werden, bilden das Haus der Völker und das legendäre Kulturrestaurant Eremitage. Auch bei der Auswahl der AutorInnen für die Herbstlese beweist das Literaturforum oft genug ein glückliches Händchen: Die erste Lesung nach dem deutschen Buchpreis für Es geht uns gut gab Arno Geiger nirgendwo anders als in der 12.000-Einwohner-Stadt Schwaz. – Er war gebucht worden, bevor er die Auszeichnung erhielt und über Nacht zum Shootingstar der Literaturszene avancierte. Auch Christoph Ransmayr, Norbert Gstrein, Alois Hotschnig und Büchnerpreisträger Josef Winkler waren bereits in Schwaz zu hören, ebenso wie Franz Schuh und Konrad Paul Liessmann. Entsprechend hochkarätig ist auch das Programm der kommenden Schwazer Herbstlese 2011: Sabine Gruber, Raoul Schrott, Angelika Reitzer, Robert Schindel und Michael Stavaricˇ bestreiten heuer die Lesungen, verrät Köchl.
Nur wer Schwazer Stadtschreiber 2011 wird und als solcher das Programm der Herbstlese ergänzen wird, war bis Redaktionsschluss noch offen. Man darf also gespannt sein, wer im kommenden Herbst in Schwaz „in Klausur“ gehen wird. Denn wer es am Ende auch wird, man sollte sich den Namen auf jeden Fall merken. Vielleicht wird man ihn schon im nächsten Jahr beim Bachmannpreis entdecken ...