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Anonymous – zwischen kollektiver Identität und konkreter Aktion

#06 2011 / Simon Welebil

Die Medienwissenschafterin Jana Herwig forscht schon seit knapp zwei Jahren über Anonymous. Im Interview mit Simon Welebil spricht sie über die Schwierigkeiten Anonymous begrifflich zu fassen, die Kommunikationscodes von Anonymous, ihr Verständnis als Avantgarde und ihr revolutionäres Potenzial.

Nachdem in den Medien für Anonymous lange die Begriffe Hacker-Kollektiv, Cyber-Terroristen oder Hacker-Organisation reserviert waren, hat sich in letzter Zeit der Begriff Internet-Aktivisten durchgesetzt. Wie würdest du Anonymous charakterisieren?
Jana Herwig: Anonymous ist nicht für eine einzelne Beschreibungsweise einnehmbar – und damit beginnt schon die Herausforderung in der Auseinandersetzung damit. Ich halte es für hilfreich, zwei Ebenen zu unterscheiden: Einerseits haben wir Anonymous als kollektive Identität, andererseits die konkrete Aktion. Als kollektive Identität ist Anonymous die Imagination einer Vielheit, die strafend und allmächtig auftritt. Diese kollektive Identität wird z.B. in Anonymous’ Wahlspruch beschworen: „We are Anonymous.
We Are Legion. We Do Not Forgive. We Do Not Forget. Expect Us.“ Obendrein inszeniert sich Anonymous als rachsüchtig und unversöhnlich, als drohende Gefahr: Rechnet mit uns. Auch visuelle Codes zur Verwendung dieser kollektiven Identität wurden mit ihr generiert, etwa: die sogenannten Guy-Fawkes-Masken oder das Anonymous-Logo (kopfloser Anzugträger in Lorbeerkranz). Zur österreichischen Spielart gehört obendrein die Abbildung eines Ponys bzw. Pwnies.

Das Beispiel Österreich zeigt dann auch gleich, wie diese kollektive Identität in einer konkreten Aktion umgesetzt werden kann: Die kollektive Identität ist ja nicht festgeschrieben, sie ändert sich mit den Aktionen, die von Anonymous-TeilnehmerInnen – was eine geeignetere Darstellung ist als „Mitglieder“, da Mitgliedschaft einen formalen Beiklang hat – gesetzt werden. Da diese kollektive Identität niemandem gehört, dient zwar einerseits die Konzeption dieser Identität sowie die Historie ihrer Aktionen als handlungsanweisend, Konflikte sind damit aber vorprogrammiert. Auch in Österreich haben wir Anonymous-Splittergruppen: Neben einer Gruppierung, die über das Twitter-Account @AnonAustria mit der Öffentlichkeit kommuniziert, gibt es eine weitere namens „die Anderen“ (Twitter-Account @_die_anderen_), die einen verwenden ein blaues, die anderen ein rosa Pwnie. Ob es bei diesen beiden Gruppen bleiben wird, wird sich zeigen.

Ist Anonymous eine globale, omnipotente Bewegung?
Der Eindruck wird durch das ähnliche bis identische Auftreten erweckt, was aber stattfindet, ist, dass lokale Formationen von Personen die kollektive Identität verwenden, um damit ihre Anliegen zu vertreten: also eine Lokalisierung des Globalen. Manche Aktionen hatten freilich global Aufmerksamkeit erregt, etwa die Attacken gegen die Webseiten von Visa oder Mastercard. Aktionen gegen globale Marken werden auch eher global wahrgenommen, im Unterschied zu einem temporären Ausfall der Website der FPÖ. 

Wie wird man zum Anonymous Aktivisten, zur Aktivistin?
Zur Motivation einzelner Personen kann ich nichts sagen, da ich mich in erster Linie mit den medialen Manifestationen von Anonymous auseinandersetze. Es ist jedenfalls nicht so, dass Anonymous eine okkulte Untergrundbewegung wäre, an die nur Personen mit soliden Hacking-Fähigkeiten herankommen. Im Gegenteil: Die Kommunikationsinfrastruktur, die Anonymous z.B. während „Operation Payback“ benutzt hat, Internet Relay Chat, ist allen zugänglich – freilich allen, die den Weg dorthin finden. Die Fähigkeiten sind zwar nicht schwierig zu erwerben, laufen der intuitiven Nutzung von heutigen Betriebssystemen oder Browsern aber entgegen, u.a., da sie auf rein textbasierte Kommunikation und die Eingabe von Befehlen setzen. Das Rekrutieren neuer TeilnehmerInnen ist im Übrigen eine eigene Operation von Anonymous: Operation Newblood, eine Anleitung zum Lösen eben dieser Frage: Wie werde ich eine Anonymous Aktivistin?

Die Aktionen von Anonymous waren anfangs fast nur durch „lulz“, also durch Schadenfreude, motiviert, mittlerweile gibt es immer mehr politische Aktionen, wie erklärst du dir diesen Schwenk?
Zunächst einmal ist es sicher nicht einfach, alle bisherigen Aktivitäten von Anonymous zu überschauen: Die mediale Berichterstattung hebt einzelne Aspekte hervor, was wiederum die Wahrnehmung von Anonymous beeinflusst und auch die Frage, wie es mit Anonymous weiter geht: Es ist anzunehmen, dass das Interesse etlicher neuer TeilnehmerInnen an Anonymous erstmals über die Wikileaks-Berichterstattung geweckt wurde. Der Konflikt um Wikileaks ist ein durch und durch politischer, der auch das Potenzial hatte, die TeilnehmerInnen von Anonymous (weiter) zu politisieren bzw. politisierte TeilnehmerInnen zu generieren.
Die Zunahme von politischen Aktionen kann aber nicht zu dem Schluss führen, dass es sich bei Anonymous nun um ein politisches Netzwerk nach Art von z.B. Attac oder der Electronic Frontier Foundation handle. Anonymous ist weiterhin – nach Maßgabe der kollektiven Identität – offen und daher heterogen und fluktuierend in seiner Zusammensetzung. Eine Vereinnahmung von Anonymous etwa für die eigenen politischen Sympathien ist eher nicht empfehlenswert.
Solches hat man am Fall von AnonAustria allerdings beobachten können. Mit ihrer ersten Aktion, bei der die Webseite der FPÖ im Visier stand, konnte man die Sympathien im eher linken Lager finden. Dass die Webseite der SPÖ und die der Grünen die nächsten Ziele waren, wurde als parteienkritisches Statement toleriert. Mit der Preisgabe der Wohnadressen von 25.000 Personen im österreichischen Polizeidienst schien die Sympathie aber gerade bei netzaffinen Personen enden wollend, wie die Reaktionen auf Twitter zeigen: etwa „Unverständliche Aktion“, „Das geht zu weit!“ und Verweise auf die Hacker-Ethik des Chaos Computer Clubs („Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen“). Sympathien helfen einem allerdings in der Bewertung von Anonymous nicht weiter, und Anonymous ist eben nicht der Chaos Computer Club, auch wenn beide HackerInnen in ihren Reihen haben. Mit dem praktischen Beweis, wie schleißig mit sensiblen Daten etwa bei der Tiroler Gebietskrankenkasse umgegangen wird, hat Anonymous in Österreich sicher Sympathien zurückgewonnen. Die Aktionen eines heterogenen Kollektivs bleiben aber weiter unvorhersehbar.

Ich habe einmal gelesen, dass man sich die Anonymous-Aktionen wie einen „Cyber-Lynchmob“ vorstellen kann, wo einer „Holt ein Seil!“ ruft und es losgeht, wenn genügend Leute mitmachen – was hältst du von diesem Bild? Entsteht so aus einem unorganisierten Chat ein handelndes Subjekt?
Das Bild des Cyber-Lynchmobs bringt eine Wertung mit hinein, die dem Gegenstand nicht unbedingt gerecht wird. Zwei Dinge sind hilfreich, um in einem unorganisierten Chat mit wechselnden TeilnehmerInnen zu einer Art Zielsetzung zu kommen: Einerseits Bewertungsmaßstäbe, über die ein Konsens besteht, sowie andererseits die Häufigkeit, mit der ein Vorschlag wieder aufgenommen wird, gegebenenfalls drittens auch die Frage, wer den Vorschlag einbringt, falls mit fixen Usernamen gearbeitet wird. Ein handelndes Subjekt wird nicht daraus – wenn viele zusammen tätig werden, passiert jedoch immerhin etwas, je mehr, desto eher wird es wahrnehmbar. Freilich hängt dies auch von der Operation ab: AnonAustria setzt vor allem auf „Hacktivismus“, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Da sind dann bei der Umsetzung weniger Teilnehmerzahlen als Fähigkeiten gefragt.

Glaubst du, dass es innerhalb von Anonymous Legitimationsstrukturen oder Macht gibt?
Wer über Technik verfügt, die von anderen benutzt wird, verfügt auch über Macht. Im Unterschied zum Imageboard 4chan, wo Anonymous ihren Ausgang genommen haben, ist auf dem IRC-Netzwerk von Anonops etwa eine Registrierung möglich – wo das möglich ist, da entwickelt sich auch eine Hierarchie. Dass aufgrund von Anonymität keine Distinktions- und Legitimationsprozesse ablaufen, ist unwahrscheinlich. Damit aus Infrastruktur nicht Macht wird, sollten diejenigen, die über die Infrastruktur verfügen, regelmäßig wechseln – so, wie etwa während der #unibrennt-Proteste die SprecherInnen der Bewegung täglich ausgetauscht wurden.

Anonymous tritt mit dem Selbstverständnis auf, die Avantgarde einer künftigen Organisationsform zu sein. Kannst du dem zustimmen?
Ein solches Selbstverständnis ist etlichen Pressemeldungen von Anonymous zu entnehmen, etwa: „We do not believe that a similar movement exists in the world today and as such we have to learn by trial and error“.
Eine Avantgarde ist die Vorhut, die ein bestimmtes Feld als erste begeht, dort mit den verfügbaren Möglichkeiten experimentiert, um den Nachfolgenden einen taktischen Vorteil zu geben. Bei der unbedingten Forderung nach Informationsfreiheit und Transparenz wird gleich ein gesamtgesellschaftlicher Konflikt mit in Stellung gebracht – diejenigen, die sich bereits auskennen mit den neuen Technologien und der Welt unter ihren Bedingungen, gegen die, so der Vorwurf der Avantgarde, die die Welt immer noch nach dem Maßstab der alten Welt bzw. der alten Medien beurteilen. Auch Wikileaks und die Piraten-Parteien verorten sich selbst in diesem Konflikt auf der Seite der Avantgarde.

Was für ein Protestpotential würdest du Anonymous geben?
Hier in Österreich konzentriert sich Anonymous gegenwärtig noch sehr stark auf die Tätigkeiten von AnonAustria – in den USA begleitet Anonymous derzeit eine Protestbewegung, welche Teile der Wall Street besetzt, um auf die Beteiligung der Finanzmärkte an der Finanzkrise hinzuweisen. Wenn etwa AnonAustria vorwiegend mit Hacks und Leaks an die Öffentlichkeit geht, verringert sich das Potenzial, dass viele daran beteiligt werden. Entscheidend für das künftige Potenzial wäre damit die Frage, ob es gelingt, den sogenannten virtuellen Raum mit dem physischen zu vernetzen.