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MOLEcafé

Der letzte Leser

#06 2011 / Bernd Schuchter

Über das Buchhandelssterben. Eine Bestandsaufnahme.

Eigentlich wollte ich für diesen Beitrag eine gewisse kleine Tiroler Buchhandlung porträtieren. Es gibt sie leider nicht mehr – immerhin Anlass genug, der momentanen Krise des Buchhandels einen Text zu widmen.

Ein Gespenst geht um in Europa – die Mär vom letzten Leser. Aber ebenso wie den Kommunismus scheint es nach wie vor Menschen zu geben, die Bücher kaufen. Auch AutorInnen, Verlage und Buchhandlungen, die die Bücher unters Volk bringen, existieren allen Unkenrufen zum Trotz noch. Dennoch lamentieren die Buchmenschen über sinkende Umsätze und schwindende Leserzahlen. Aber tun sie das nicht seit Jahren? Gehört das in der Branche nicht zum guten Ton?

Ein Indiz für diese Krise mag das Sterben kleiner, inhabergeführter Buchhandlungen sein. Wie sieht so eine kleine Buchhandlung aus, deren Fehlen so sehr beklagt wird? Die kleine Buchhandlung wird von idealistischen Buchmenschen geführt, in erster Linie LeserInnen, die die Bücher tatsächlich kennen, die sie empfehlen. Sie sind keine Key-Account-Manager am Point of Sale, die die Drehzahlen des einzelnen Titels im Kopf haben, sondern sie wissen um die Lesewünsche der KundInnen und pflegen ein gut sortiertes Programm, kennen die kleineren Verlage, sind lokalen AutorInnen freundschaftlich verbunden und haben Samstagnachmittag schon mal geschlossen. So weit das Idyll.

Natürlich leben auch kleinere Buchhandlungen zu einem nicht unbeträchtlichen Teil von den Bestsellern, die es in jeder Buchhandlung von Innsbruck bis Buxtehude gibt, vom Schulbuchgeschäft, vom fixen Verkauf an Büchereien. Das machen die großen Buchhandlungen nicht unbedingt anders. Es braucht schließlich keine Literaturwissenschaftlerin/keinen Literaturwissenschaftler hinter der Ladentheke, um im Computer nach den Büchern von Charlotte Roche oder Dan Brown zu suchen. Besucht man auf Reisen – egal wo – in Darmstadt, Berlin, Zürich oder Reutte eine Buchhandlung, hat man den Eindruck, dass ohnehin alle Läden die gleichen Bücher zur selben Zeit verkaufen.

Noch gibt es einige Buchhandlungen, die aktuelle Titel eines lokalen Verlages (sehr zu dessen Freude), eines noch nicht so bekannten Autors einkaufen, die aus persönlicher Begeisterung auch einmal ein Risiko eingehen – sie sind sozusagen die literarische Nahversorgung, sie, beziehungsweise ihr Sortiment, sehen in Tirol anders aus als in Sachsen. LeserInnen, die sich beraten lassen wollen, kaufen hier ein.

Was macht diesen Buchhandlungen eigentlich zu schaffen? Es gibt doch die Buchpreisbindung, nicht wahr? Die Buchpreisbindung besagt, dass ein Buch nur zu einem (vom Verlag) festgesetzten Preis verkauft werden darf, und das überall. Bücher kosten demnach überall gleich viel, weder Amazon noch Weltbild sind da günstiger, sie dürfen es auch nicht sein. So weit zum Verständnis. Die Buchpreisbindung soll schlicht dazu dienen, dass es zu keinem unfairen Preiskampf kommt, den Buchhandelsketten und große Verlage immer gewinnen und kleine Buchhandlungen und kleinere Verlage wegen geringerer Auflagen immer verlieren würden. In Wirklichkeit kann natürlich die Buchhandelskette den kleinen Verlag trotzdem zu ganz anderen Rabatten zwingen, die eine kleine Buchhandlung niemals bekommt. Dennoch: Lang lebe die Buchpreisbindung. Was nach ihrem Fall passiert, kann man gegenwärtig in Echtzeit in der Schweiz beobachten. Gegen so ein Buchhandelssterben sind die momentanen Entwicklungen in Österreich wirklich nur Gewohnheitsgejammer. Ein paar Jahre früher gab es die gleiche Entwicklung in England, davor in den USA. Da kann es schon einmal vorkommen, dass eine Provinzstadt mit einer halben Million Einwohner keine einzige Buchhandlung mehr besitzt.

Das ist tragisch, sicher. Aber warum? Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass es gar keinen Bedarf für „echte“ Buchhandlungen gibt. Nicht nur, weil es ja Amazon gibt (hier kann ja nur bestellen, wer schon weiß, was er will – die Empfehlungen des Programms liegen lächerlich weit daneben). Vielleicht ist es ja eher so, dass die Buchhandlungen immer weniger werden, weil die LeserInnen immer weniger werden, beziehungsweise, weil die LeserInnen gleich viele wie immer sind, aber viel weniger verschiedene Bücher lesen. Erfahrene VerlegerInnen wissen zu berichten, dass etwa Rezensionen in der FAZ oder der Neuen Zürcher Zeitung vor 15 Jahren noch einen sofortigen zusätzlichen Buchverkauf von bis zu 1.000 Stück nach sich zogen, heute verkauft man vielleicht 50 Stück mehr – wenn überhaupt. Ebenso gingen in den letzten zehn Jahren die Auflagenzahlen der meisten literarischen Bücher rapide nach unten. Bekannte AutorInnen, die vor ein paar Jahren noch Auflagen von 20.000 Stück hatten, verkaufen heute nur mehr zwei- bis dreitausend Stück. Davon kann niemand mehr leben. Viele AutorInnen verdingen sich in Schreibkursen und Literaturseminaren. Dafür gehen die Verkaufszahlen der Bestseller nach oben in Höhen, die vor wenigen Jahrzehnten nur die Bibel erreichte.

Der Massengeschmack braucht anscheinend wenig Abwechslung. Jeder Leser und jede Leserin bekommt die Buchhandlung, die er oder sie verdient. Es scheint so, als gäbe es nicht ein Buchhandelssterben, sondern ein Sterben des Literatur-Lesers und der Literatur-Leserin, für die die Idyllen-Buchhandlung zuständig wäre. Ohne LeserIn keine Buchhandlungen, das ist eine einfache Rechnung.

Es gibt übrigens auch einen gegenläufigen Trend. Spaziert man etwa durch Konstanz oder die Altstadt in Zürich, so kommt man an zahllosen Antiquariaten vorbei. Alte Bücher, das ist der Trend. Vielleicht interessieren sich die LeserInnen vermehrt für alte Bücher, weil das Sortiment in Antiquariaten nicht von Marketingabteilungen großer Verlage oder Literaturpäpsten zusammengestellt wird, sondern sich aus Nachlässen echter, verstorbener LeserInnen speist. Hoffentlich war keiner von ihnen der letzte Leser.