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MOLEcafé

„Ich mach’ was mit Herbarien“

#06 2011 / Evelin Stark

Hans Schernthaner restauriert Pflanzen von Beruf. Genauer gesagt Herbarien. „Was ist das?“, fragt man sich. „Das ist schnell erklärt“, sagt er.

„Ich hab mir nie selbst einen Job gesucht. Immer kannte ich jemanden, der jemanden kannte, und so hatte ich immer Arbeit“, schmunzelt Schernthaner. Seit 24 Jahren arbeitet er bei den naturwissenschaftlichen Sammlungen des Ferdinandeums als Herbarrestaurator, und das sichtlich mit Freude und Hingabe. Die Sammlungen befinden sich in einem Bürogebäude im Innsbrucker Stadtteil Wilten, umgeben von Lärm, Zügen und Industrie – nicht unbedingt die Lage, in der man zarte Pflänzchen erwartet, aber definitiv einen Besuch wert. Und Pflänzchen nämlich sind des Rätsels Lösung: ein Herbarium ist eine wissenschaftliche Sammlung von getrockneten und gepressten Pflanzen bzw. Pflanzenteilen. Wieder was dazu gelernt. Aber nun weiter im Text.

„1986 gab es ein Hochwasser in Innsbruck und der Keller des Zeughauses wurde von der Sill überschwemmt“, so beginnt er seine Geschichte. Die dort gelagerte naturwissenschaftliche Sammlung des Ferdinandeums war zerstört, und da wurden dann „geschickte Leute“ gesucht, die sich um die Restaurierung des Archivs kümmerten. Da kam dann also er ins Spiel. „Die ersten drei Jahre hab ich Bücher restauriert“, erinnert er sich, „dann Dokumente und Landkarten. Irgendwann waren es dann aber nur noch die Herbarien.“

Mehr als 200.000 Herbarien wurden bei der großen Überschwemmung zerstört, bis zu 8.000 Stück pro Jahr schaffen Schernthaner und seine MitarbeiterInnen, darunter auch StudentInnen, zu restaurieren. Eine anständige Menge, wenn man bedenkt, dass an jedem Stück mit größter Sorgfalt gearbeitet wird. „Am Anfang habe ich mich ja nicht richtig getraut. Der verrückte Professor, der damals unsere Abteilung leitete, wollte, dass ich jedes Stück nur mit dem Pinsel bearbeite. Das war eine endlose Prozedur. Irgendwann hab ich es dann mit Spülen versucht – und es hat funktioniert!“, so Schernthaner.

Der Restaurierungsprozess ist schnell erklärt: Die zerstörten Herbarien wurden nach der Überschwemmung gefriergetrocknet, um sicherzustellen, dass ihr Zustand sich nicht noch mehr verschlechtert. „Sie werden als erstes vorsichtig vom Papier gelöst, mit Wasser gewaschen und kommen dann zwischen Filzschichten in eine Presse zum Trocknen“, erklärt er, während er an einem Stück arbeitet. Sind sie getrocknet, werden sie mit größter Sorgfalt gemeinsam mit ihrer Originaletikette, auf der Name und Fundort stehen, auf ein neues Blatt Papier geklebt, um dann erneut gepresst zu werden und schlussendlich in das etwa eine halbe Million Pflanzen umfassende Herbarienarchiv zu kommen – eine fast 200 Jahre alte Sammlung von Pflanzen aus der Region, ausgestorben oder nicht, gefunden und bestimmt von BotanikerInnen und PflanzenliebhaberInnen aus aller Welt. Und ständig kommen neue Exemplare dazu: „Wir bekommen regelmäßig neu gefundene Pflanzen für unsere Sammlung“, so Schernthaner. Diese werden bestimmt und dann kommen sie wie die anderen Herbarien in das Archiv.

Und was geschieht dann? Er lacht: „Dann wird gewartet, bis sie jemand braucht. Was aber nicht oft geschieht.“