Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Literatur

Im Hotelzimmer

Im Hotelzimmer lagen ein Mann und eine Frau, beide völlig nackt. In einem Anflug von Zärtlichkeit hatte er eben ihren Kopf zu sich herangezogen, mit beiden Händen hielt er ihn jetzt, ihre Ohren zwischen Zeige- und Mittelfinger eingeklemmt, als das Telefon am Nachtkästchen kurz klingelte, nicht öfter als zwei- oder dreimal, lang genug jedoch, um ihn aus seinem Tagtraum zu reißen, dem er sich, wie er erst jetzt erkannte, bis weit über Einbruch der Dämmerung hinaus hingegeben hatte. Es war ein grünes Tastentelefon, ein Aufkleber verwies in mehreren Sprachen auf die Kurzwahlnummern: Wählen Sie 0 für den Zimmerservice stand dort. In einem leeren Aschenbecher daneben lag der riesige Zimmerschlüssel des Mannes.

Sein Blick fiel nun durch die geschlossene Balkontür nach draußen auf die nackten roten Felsen, über denen die Möwen gegen den Wind kämpften, er hörte das Kreischen von Kindern am Strand, erregte Stimmen von Müttern. Warum musste ich hierher fahren?, fragte er sich plötzlich, während sein Blick langsam über die geschlossene Balkontür zurück auf die geschlossenen Augen der jungen Frau in seinem Bett wanderte. Der Ausdruck in ihrem Gesicht erschien ihm nun vielmehr unverbindlich als liebevoll, ein Lächeln wie es Zimmermädchen hatten, wenn sie in Anwesenheit des Gastes die Decke glatt strichen, eines, nach dem man wie selbstverständlich die Hand ausstreckte, das aber auch jedem anderen zur Verfügung stehen musste. Wäre er nur nie hierher gefahren, sagte er sich, und strich nun über ihre leicht geöffneten, feuchten Lippen, deren Ausdruck ihm fremd und unverständlich erschien. Er beugte sich zu ihr hinab, als er plötzlich erkannte, dass sie eine unnatürliche Körperhaltung eingenommen hatte. Ihr linkes Bein lag grotesk abgewinkelt auf dem Leintuch, der Kopf überstreckt, sodass das Kinn emporragte. Wenn jemand käme!, dachte er und ließ sich von diesem Gedanken aus dem Bett treiben.

Er trat an die Balkontür und spürte den warmen Stoff ihrer Kleider an seinen Fußsohlen. Wieder hörte er die Markise knattern, draußen Stimmen auf Spanisch zwischen dem Kreischen der Möwen, sodass er kurz nicht wusste, was Mensch, was Tier war.

Beim Öffnen der Balkontür fielen Sandkrümel ins Zimmer, ein Muster, das der Passatwind auf dem Parkettboden warf. Wie sah das aus? Wie ein Blitz, der aus ihrem Kleid herausschoss! Salzige Meeresluft strömte nun ins Zimmer, von Ferne hörte er nun auch das dumpfe Gröhlen der betrunkenen Karnevalstouristen. Wie Fackeln einer wütenden Menge reflektierten die Lichter auf den nackten roten Felsen vor ihm, immer lauter wurden die Stimmen, sodass er nicht mehr zwischen Zorn und Freude unterschied, denn alles außerhalb seines Zimmers schien ihm nun in jener Ausgelassenheit, die in einem Moment noch umarmte, nur um im nächsten schon zerfleischend über ihn herzufallen. Mit vor Kälte zitternden Händen schloss er die Balkontür und ließ sich über die Frauenkleider ins Bett zurücktaumeln, und weiter von ihren unsichtbaren Handbewegungen auf sie ziehen. Wie warm und weich ihr Körper war, dachte er. Wieder drückte er seine Lippen an ihre. Wie jung sie aussah, dachte er, sich selbst im Spiegel neben der Balkontür betrachtend, wie lächerlich aber er, stellte er fest, wenn er sich zu ihr hinabbeugte und die Augen weit in den Höhlen hinaufdrehen musste, um sich selbst zu sehen!

Lange hielt er inne. Dann stand er auf und trat so dicht an den Spiegel, bis der Hauch aus seinem Mund das Glas trübte. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal geweint hatte.

Er hörte das Gröhlen der Menge draußen, das Kreischen der Möwen.

Das Telefon klingelte nun wieder. Er hörte Stimmen auf dem Gang, ein plötzliches Pochen an der Tür ließ ihn zusammenzucken. Für einige Augenblicke schloss er die Augen in der Hoffnung, es würde aufhören, aber man rief nach ihm, er erkannte die Stimme des Rezeptionisten, dazwischen auch die von Betrunkenen, das dumpfe Schlagen der Trommeln.

Er hörte seinen Namen. Er nahm seine Kleidung von der Stuhllehne, ihre hingegen, die von Sand bedeckt war, fegte er mit Fußbewegungen unter das Bett. Wieder pochte jemand gegen die Tür, die Stimmen draußen auf Spanisch, das betrunkene Lachen verschiedener Hotelgäste. Im Spiegel band er seine Krawatte und beugte sich, bereits vollständig gekleidet, noch einmal zur Frau hinab, bis das Ende seiner Krawatte ihren Kehlkopf berührte und ihn ein plötzlicher Ekel völlig aus dem Bett stieß.

Er nahm den Zimmerschlüssel aus dem Aschenbecher, er hatte ihn schon ins Schloss gedrückt, als er sich noch einmal nach der Frau umwandte, aber nur noch Ekel empfand er für diesen fremden Körper. Er fasste die Decke vom Boden und warf sie über sie, mit beiden Händen klopfte er den Stoff gerade und ging dann von Ecke zu Ecke des Bettes, um sie zu einer völlig glatten Fläche zu streichen.