Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Innsbruck als temporäre Metropole

#06 2011 / René Nuderscher

Heart of Noise machte Lärm in Innsbruck

Innsbruck ist bekanntlich nicht gerade das Mekka der experimentellen Musik. Alle, die ein wenig Augenmerk und Interesse in Sachen Klangkunst an den Tag legen und denen auch Elektro und Afro zu wenig ist, bleiben, sollten sie einmal das Gelüst verspüren, keine Partynacht in den unzähligen Dance-Clubs zu verbringen, ziemlich im Regen stehen. Das Heart of Noise Festival, welches im Juni tatsächlich hier in Innsbruck, im p.m.k. stattgefunden hat, stellt eine der wenigen Ausnahmen dar.

Zwei Tage lang hochkarätige Musiker aus dem Avant-Bereich, die sonst nur in New York, Berlin etc. auftreten, gaben sich in Innsbruck quasi die Klinke in die Hand. Der Fokus des Festivals lag, wie der Name evoziert, auf Noise-Musik, wobei viele die Bezeichnung „Musik“ – jedenfalls im herkömmlichen Sinne – nicht auf ihre Kunst angewendet haben wollen.

Noise operiert an den Grenzen von strukturiertem und harmonisch aufgebautem Klangwerk und seiner Kehrseite, dem anarchistischen Lärm. Dazwischen gibt es unzählige Formen auf dem Feld des Experiments, die beackert werden wollen. Eine dieser Spielformen ist der sogenannte Drone, welcher sich negativer Weise schon zu einem ganzen Genre und Label, vor allem als Subkategorie des Metals, einzementiert hat. Dabei geht es bei Drone in erster Linie um ein Feiern des Klanges ohne Schemen- und Schablonendenken, jedenfalls in den repräsentativen Ausprägungen. Gitarren werden dabei mit Monsterverstärkern an ihre Grenzen gebracht, wenn Akkorde angeschlagen werden und die körperlich spürbare Masse des Klanges, ohne das Stoppen des selbigen, sich selber überlassen wird. Den Akkorden wird Raum zugebilligt in denkbar exzessivster Weise.

Zugegebenermaßen funktioniert diese Form von „Musik“ auf Platte nicht annähernd so wie als Live-Erlebnis. Die körperliche Eingebundenheit in das Geschehen kann fast als meditativer Zustand beschrieben werden. Jeder Akkord wird dort zu einer Druckwelle, dass einem Hören und Sehen vergeht – Beinkleider werden zum Schlottern gebracht, wie durch einen mittelschweren Tornado.

Wichtigstes Aushängeschild dieser Strömung der Gitarrenbearbeitung ist wohl Steve O’Malley, seines Zeichens Obmann und Gründungsmitglied von Sunn (((O))). Tatsächlich konnte die p.m.k.-Riege diesen umtriebigen Herren, der mit unzähligen Größen aus der Experimentalmusik zusammengearbeitet hat, für das Heart of Noise Festival gewinnen.

Sunn (((O))), die zuerst angetreten waren, die Drone-Pioniere Earth nachzumachen, haben diese Anfangsphase längst transzendiert. Spätestens mit dem Album Monoliths and Dimensions zeigten sie, wer der Herr im Hause Drone ist. Mit ihrem Mix aus gigantischen Gitarrenwänden und einer düsteren pseudoreligiösen Inszenierungsstrategie, die ans Theaterhafte grenzt, spielten sie sich in die schwarzen Herzen der Kunstszene. Das hermetisch abgeriegelte Terrain des konventionellen Metal wurde gesprengt zugunsten eines nach Hunter Hunt Hendrix „Transcendental Blackmetal“. Metal hatte durch Sunn (((O))) eine Horizontverschiebung erfahren, wie das zuvor vermutlich nur Slayer für sich verbuchen konnten.

Im heimeligen p.m.k. demonstrierte Steve O’Malley mit K.T.L ‒ einem seiner vielen Projekte, zu dem auch der Wiener Tonkünstler Peter Rehberg seinen Beitrag leistet, ‒, wie man aus dem konventionellen Instrument Gitarre eine akustische Dampfwalze erzeugt, dass einem der Atem wegbleibt. Mit Holzfällerhemd bekleidet, die langen Haare im Gesicht, wie man es von Schweinerockern à la Slash von Guns N’ Roses kennt, löschte dieser Herr mit seinen Doom-Riffs für kurze Zeit alle Lichter im Universum aus.

Der zweite ganz große Künstler beim Festival, den man auch schon lange davor mochte, war Christian Fennesz. Den meisten wohl komplett unbekannt, ist der gebürtige Wiener auf dem internationalen Parkett der E-meets-U-Musik ein gefeierter Star. Die Liste derjenigen Musiker mit denen er bereits zusammengearbeitet hat, ist lang und exquisit. Seien es Mike Patton, Trent Reznor, Ryuichi Sakamoto oder Jim O’Rourke, um nur einige zu nennen und Namedropping der musikalischen Aufklärung wegen zu betreiben. Im großen Rahmen auf meinungsbildenden Musikplattformen wie Pitchfork.com oder The Quietus mit Lob überhäuft, schaffte er es auch auf heimischem Boden bei FM4 mit seiner LP Endless Summer zum Tonträger der Woche.

Sein wohlgemerkt erstes Konzert in Innsbruck fand dann aber nicht in der p.m.k. selber statt, sondern wurde ausgelagert in den Cinematograph. So konnte man wunderbar sitzend dem melancholischen Klangkosmos seiner bis ins letzte Detail durchkomponierten Stücke lauschen. Die Soundcollagen mit den vielen Schichtungen und Harmonien ‒ stark vom Pop der 1960er, 70er und 80er Jahre beeinflusst, dem sich Fennesz auch verplichtet fühlt ‒ entfalteten in dieser Location ihre volle Wirkung. Es verwundert nicht, dass er sich selbst als Inspirationsquelle für die abstrakte Musik sieht. Was bei ihm herauskomme, sei „interessant für viele Genres, weil es eben an vieles anknüpft, wie Noise, experimentelle Elektronik usw ...“

Man konnte als bedächtiger Hörer oder bedächtige Hörerin in den Sessel gedrückt, dem bekennenden Beach-Boys-Fan Fennesz auf seinen Wegen durch Ambient, Noise, Drone folgen. Für die visuelle Untermalung, die manchmal zu plakativ naturlyrisch daherkam und dem Sound das inhärente Phantasiepotential raubte, sorgte sein eigener VJ. Alles in allem verließ man aber nach gut einstündigem Set, glücklich benommen und mit der Welt zufrieden, den Cinematograph ‒ beeindruckt und voller Ehrfurcht auch vor Christian Fennesz’ Perfektionismus, der schon fast theologische Züge aufweist. „Mir geht es sozusagen um die Vision des perfekten Stücks. Ich bin immer auf der Suche danach und die wird auch nie aufhören, obwohl ich schon nahe dran war.“ Wir wünschen Christian Fennesz viel Glück auf seiner Suche und für Innsbruck bitte mehr solche Veranstaltungen.