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MOLEcafé

„MEINE ARBEIT HAB’ ICH FÜR MICH.“

#06 2011 / David Schreyer

Heinz Tesar ist einer der bekanntesten österreichischen Architekten und wurde im Juli 2011 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Bildende Kunst ausgezeichnet.

Er wurde 1939 in Innsbruck geboren und wuchs in der Schaftenau, einem Ortsteil der Tiroler Gemeinde Langkampfen, auf. Zwischen 1961 und 1965 studierte Tesar in der Klasse von Prof. Roland Rainer an der Akademie der bildenden Künste Wien Architektur und Städtebau. Seit 1973 betreibt er ein eigenes Atelier in Wien, seit 1980 lehrt er regelmäßig an verschiedenen Universitäten in Europa und Amerika. Zu den wichtigsten realisierten Bauten zählen der Umbau des Berliner Bode-Museums und das BTV Stadtforum Innsbruck.

David Schreyer sprach mit Heinz Tesar über Klischees, Ärger, Baukultur und Bildung.

Herr Tesar, gibt es heute noch so etwas wie Baukultur?
Heinz Tesar: Ich hoffe, dass die nie ausstirbt und man kann nur daran arbeiten. Ich habe es mir abgewöhnt, „schade“ zu sagen, über die Hässlichkeit jammere ich nicht. Weil ich bemerkt habe, dass das nichts bringt. Man kann nur das, was man selbst macht, besser machen. Und wenn einem das gelingt, dann hat man etwas beigetragen.

Haben Sie etwas gegen Dinge, die es oft gibt?
Nein. Ich versuche in meiner Architektur auch Elemente zu verwenden, die man kennt. Ich will einfach keine Klischees, wenn sich Sachen so festgefahren haben, dass alle sagen, dass etwas so richtig ist. Und man ganz genau weiß, dass es eben nicht richtig ist. Ich mag keine Klischees und für mich, nur als Beispiel, ist das rote Ziegeldach ein Klischee.

Wird man als Architekt, als Mensch, im Laufe der Jahre härter?
Man könnte sagen, dass man mit zunehmendem Alter milder wird, aber das stimmt nicht ganz. Im Werturteil wird man nicht milder. Manche Fragen hätte ich vor 20 Jahren bissiger oder freundlicher beantwortet. Es ist eine Tatsache, dass man sich entwickelt. Und nicht nur in seinem Fach, man hat ein Leben. Dabei ist es wichtig, dass man für sich selber strenge Regeln hat. Es geht nicht, dass man für sich selbst nicht weiß, was man will.

Ärgern Sie sich oft?
Der Politiker sagt das, der Fachmann das, Alle sagen einem etwas und keinem passt, was man tut. Da wird man allein gelassen in seinem Kabinett, um seine Arbeit zu machen, kann nur hoffen, dass diese dann jemandem zusagt. Das ist die heutige Wettbewerbssituation, sehr viele bemühen sich um eine Arbeit. Man kann es sich nicht leisten, sich ein Leben lang, jedes Mal wieder, zu Tode zu ärgern. Ich habe das unzählige Male erlebt. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, dass ich meine Arbeit für mich habe. Und wenn sie in die Wirklichkeit kommen kann: wunderbar. Und wenn nicht, dann muss das Projekt trotzdem so gut sein, dass ich dazu stehen kann. Mein Thema ist, dass ich im Laufe meines Lebens einen Werkblock produziere, der in sich stimmig ist.

Sehen sie, wie der ebenfalls in Tirol aufgewachsene Erbauer des Austrian Cultural Forum New York, Raimund Abraham, das Bauen als Einschränkung Ihrer kreativen Arbeit?
Ich bin ein bisschen tiefer ins Bauen eingestiegen als er. Wir haben uns ja auch gekannt, nicht sehr gut zwar, aber doch. Und ich schätze auch seine Arbeit sehr. Ich habe aber aus dem Leben heraus schon eine ganz andere Grundkonfiguration gehabt als er. Ich habe von Anfang an schauen müssen, dass ich von der Arbeit leben kann, auch weil ich früh Familie hatte ‒ und dann nicht alles zu machen, was herankommt, dazu ist ein gewisses Bewusstsein nötig. Ich kenne mich im Bauen aus und trotzdem baue ich nicht alles. Das leiste ich mir, weil ich mich dann gesünder fühle. Ich mache etwas nur dann, wenn ich überzeugt bin, dass es Sinn macht. Und es gibt so viele Bauten, die absolut keinen Sinn machen, die so nur Geldumwälzungsmaschinen sind. Das Bauen selbst sehe ich heute nicht als Einschränkung meiner kreativen Arbeit.

Welchen Einfluss hat die Globalisierung auf die Architektur?
1973 war die Ölkrise. Von da an hat sich die utopische Architektur verabschiedet, weil es nicht mehr möglich war, so zu bauen. Seit 2002 kenne ich die asiatischen Länder, habe Städte dort gesehen. Vor allem den Kontrast zwischen Spekulationsstädten und gewachsenen Städten. Dieser zeigt, dass Architektur als Spekulation nicht erlaubt ist. Das klingt zwar blöd und natürlich kann ich das auch niemandem verbieten. Aber Architektur als Spekulationsobjekt führt zur Krise! Nur die Regeln von Geld und Spekulation sind kein Ausgangspunkt für das Bauen. Bauen muss gesamtgesellschaftlich vernünftig und sinnvoll sein. Wenn man das erkennt, dann macht man aus einem Einfamilienhaus keinen Ferrari. Wozu? Einen Palast für ein Auto? Das ist zu wenig!
Globalisierung bedeutet für mich außerdem, mit offenen Augen zu sehen wie viele Menschen auf der Welt sind. Ich habe das für mich mit dem Begriff „Siamo Milliardi“ benannt. Ich glaube, dass dieses Bewusstsein tatsächlich der Ausgangspunkt für eine angemessenere und möglichere Architekturauffassung und Kulturhaltung ist. Ich begrüße, dass wir so viel über so viele Menschen wissen. Weil uns das bewusst macht, dass wir auf einer gewissen Ebene nicht so unterschiedlich sind. Wir haben organisch gesehen die gleichen Rahmenbedingungen.

Früher waren die wichtigen Bauaufgaben Sakralbauten, heute sind es Konsumbauten.
Ja. Das ist schade, aber es ist die Entwicklung. Als Europa ausgerufen wurde, hat man gleichzeitig festgestellt, dass das Verhalten der christlichen Gemeinschaften nicht nur positiv war. Auch dadurch wird diese Bauaufgabe heute anders eingeschätzt. Es ist aber trotzdem interessanter, eine Kirche zu bauen als einen Konsumtempel. Weil es eben im Konsumtempel nie um geistige Werte geht, bei einem Sakralbau hingegen geht es immer um geistige Werte. Und es wird auch immer um diese gehen. Geistlose Architektur ist nicht sehr interessant, weil die Architektur ein Gedankengebäude ist. Und wenn dieses zum Inhalt nur noch den Konsum hat, wo bleibt dann die Auseinandersetzung?

Ist es eine Frage der Bildung, dass viel Qualitätsloses gebaut wird?
Schlechte Architektur kommt einerseits aus Bildungsdefiziten. Ich gehe davon aus, dass ein Architekt und ein Bauherr umfassend gebildet sind, das muss sein. Was an den allgemeinbildenden Schulen fehlt, ist ein spezifischer Architekturunterricht. Dann kommt noch dazu, dass generell eine sehr materialistische und konsumistische Weltsicht herrscht. Hier vor meinem Büro kann ich jeden Tag woanders essen. Wenn das nur noch Essen und Straße ist, dann ist es auch nicht mehr besonders interessant. Das ist doch traurig, wenn man sich nur noch als der konsumierende Aussuchende erkennt.

Gibt es heute Bauaufgaben, die sie keinesfalls und welche, die sie sehr gerne bewältigen würden?
Ich hätte einmal ein Gefängnis planen sollen, da habe ich Nein gesagt. Weil ich nicht daran glaube, dass ein Gefängnis mehr oder weniger human sein kann. Ein Gefängnis ist ein Gefängnis. Und ich will nicht zu kleine Räume für Menschen planen. Ich möchte, dass sich Menschen in meinen Räumen locker bewegen können und das Gefühl haben, dass das hier eine gute Atmosphäre ist. Einen Friedhof hingegen würde ich sehr gerne bauen. Weil ein Friedhof ein architektonisches Thema von enormer Qualität ist. Die Architektur an sich hat sehr viel mit dem Versteinern zu tun, was wir Architekten machen, das ist alles gegossene Materie. Und ein Friedhof fasst das alles zusammen, kann so Ausgangspunkt für spannende Bauten sein, die eben über das hinausweisen, dass wir nur essen, trinken und alles lustig finden auf dieser Welt. Es ist einfach nicht alles so lustig.

Wie würden Sie die Rolle des Architekten im 21. Jahrhundert beschreiben?
Ich glaube, dass der Architekt im 21. Jahrhundert, mehr denn je, ein allumfassend gebildeter Mensch sein muss. Er kann es sich nicht leisten, die Aufgaben, die an ihn herangetragen werden, kritiklos entgegenzunehmen. Er muss, weil er als Subjekt akzeptiert wird, als solches auch zu den Dingen stehen können, die er in die Welt setzt. Wenn er das tut, dann geht es auch gut weiter. Wenn der Architekt sich nur noch als Maschine sieht, als einer, der irgendwelchen Wirkungskreisläufen gefügig folgt, braucht man ihn nicht mehr. Es liegt, meiner Meinung nach, an der nächsten Generation. Und ich glaube, dass man als junger Mensch einfach gut ist. Da ist man für und gegen etwas. Gepaart mit den Möglichkeiten, die man hat, bildet man sich. Und wenn man es sich nicht allzu leicht macht, dann ändert man auch etwas.

Sie glauben, dass Architektur etwas verändern kann?
Ja, das glaube ich. Nicht unbedingt im gesellschaftlichen Sinn, aber für den Einzelnen. Und das hat mit Mode nichts zu tun, sondern mit Atmosphäre. Sie sollten halt nicht für einen Blödsinn etwas Schönes bauen. Machen Sie das trotzdem, dann darf man Sie zu Recht kritisieren.

Welche Rolle spielen Zeichnungen und Bilder in Ihrer Arbeit?
Ich habe ein Werk in die Richtung. Ausgehend von den Eindrücken der etruskischen Grabmalereien, die ich als Jugendlicher sehen durfte, und die mich so fasziniert haben. Dann kommt die Sexualität, die Liebe, ja das ganze Leben dazu. Und ich habe versucht, das so festzustellen. Es ist so, dass ich am meisten Musiker, Maler und Bildhauer schätze. Das sind Menschen, die überhaupt nur noch das darstellen, alles andere wird dabei weniger wichtig. Wie viel der Architekt von diesen Werten in seine Arbeit hineinbringt und nicht nur das Reale so wichtig nimmt, das ist schon eine Frage der Qualität. Der Architekt muss viel vom Unsichtbaren wissen, weil er nur dann etwas Fruchtbares schaffen kann. Wenn er sich nur dem Sichtbaren widmet, dann ist er der Dekorateur der Zeit.

Sie sind im Vergleich zu einigen Ihrer Kollegen doch ein eher ruhiger Zeitgenosse. Warum?
Bob Dylan und die Rolling Stones waren zu ihrer Zeit toll. Aber die Rolling Stones im Alter ... das ist eine Katastrophe. Das ist einfach eine Katastrophe. Was ich damit sagen will: Das hat mit Unreife zu tun. Ich finde übertriebene Selbstgefälligkeit nicht angebracht. Ich schätze Architekten, die ein Werk vorweisen können, wo man merkt, dass sie im Laufe der Zeit kontinuierlich besser geworden sind. Ob einer genial ist oder nicht, Frühwerk oder Spätwerk, das ist irrelevant. Ausschließlich die Entwicklung des Architekten im Laufe seiner Jahre ist wichtig.

Sie bekamen vor kurzem den Großen Österreichischen Staatspreis verliehen. Wie unter anderen der Maler Max Weiler 1960 und der Architekt Roland Rainer 1962 ...
Die Theorien und der soziale Anspruch von Roland Rainer, das hat mir sehr imponiert. Ich habe mich damals bewusst dazu entschieden, seine Klasse zu besuchen. Und was die Malerei angeht, da war mir Weiler der Liebste. In Innsbruck bin ich immer zur Hungerburg hinauf und habe mich zu seinen Fresken hinein gesetzt. Als ich 22 war und meine Mutter fragend Max Weiler meine Aquarelle zeigte, hat er zu ihr gesagt: „Ja, ja, sehr begabt. Wenn er nur nicht narrisch wird!“ Verrückt bin ich offensichtlich nicht geworden.