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MOLEcafé

(K)ein Jubiläum

#06 2011 / Christine Frei

Die Tiroler Volksschauspiele feierten in diesem Sommer ihren 30er und ließen die drei jungen Neuen im Vorstand ran.

Krachen wolle sie es lassen, sagte Susi Weber, als sie vergangenen Sommer gemeinsam mit Guntram Brattia und Markus Plattner in den hehren Vorstand jener Institution einzog, die sich schon rund um ihr letztes Jubiläum vor fünf Jahren immer mal wieder die Frage nach dem Ablaufdatum gefallen lassen musste. Selbst Felix Mitterer, der wie kaum ein anderer zeitgenössischer und vor allem Tiroler Autor auf den Begriff des Volkstheaters gebucht und den Volksschauspielen seit ihren Anfängen als Wegbegleiter und Mitgestalter verbunden ist, meinte noch im Sommer, dass die Volksschauspiele dann am Ende seien, „wenn wir nicht mehr aufregend sind, die Spiele zur Routine und Pflichtübung werden und ihre Zielsetzung vergessen.“ Das, fügte er dann noch hinzu, sei ein paar Mal fast schon der Fall gewesen. Mitterer war daher ebenso wie Markus Völlenklee, der das Obmann-Zepter der Volksschauspiele direkt von Ahnfrau Ruth Drexel erhalten hat und dem Vorstand nun seit drei Jahren vorsteht, ein großer Befürworter der Verjüngung und Aufstockung.

Dabei sind die drei Neuen, die nunmehr als ProgrammgestalterInnen mitwirken dürfen, alles andere als Neulinge, sie entstammen allesamt mehr oder weniger dem Dunstkreis der Volksschauspiele. Am meisten zweifellos Susi Weber, die nach ihrer ersten Regieassistenz bei Ruth Drexel am Volkstheater München gleich nach Telfs mitgenommen wurde. „Ich habe zwölf Jahre mit ihr zusammengearbeitet. Sie hat mich natürlich am meisten geprägt.“ Markus Plattner wiederum hat nicht zuletzt durch etliche sehr erfolgreiche Inszenierungen von Mitterer-Stücken eine besondere Nähe zum eben erst von Irland nach Niederösterreich übersiedelten Tiroler Erfolgsautor. Im Vorjahr etwa wagte er sich in der Arena des Schwazer Silberwaldes an jenes denkwürdige Mitterer-Stück, das den Volksschauspielen mit einem Schlag überregionale Bekanntheit und in weiterer Folge einen neuen Austragungsort bescherte: Stigma. Der Schauspieler und Regisseur Guntram Brattia verkörpert indes jenen Typus ‚Vorstandmitglied‘, den Volksschauspiele-Urvater Kurt Weinzierl ursprünglich im Auge hatte. Weinzierl wollte damals, Anfang der 1980er-Jahre, heimische SchauspielerInnen, BühnenbildnerInnen und KomponistInnen, die es an die großen Bühnen und ins Fernsehen geschafft hatten, zurück nach Tirol holen, um in der Zusammenarbeit mit Laien und in Tirol lebenden KünstlerInnen das Volkstheater wieder neu zu beleben. Brattia bringt ähnlich wie Markus Völlenklee, der nach seiner Ausbildung am Reinhardseminar in Wien sofort ans Schauspielhaus in Düsseldorf engagiert wurde und dort schon wenig später Ruth Drexel und Hans Brenner begegnen sollte, den direkten Konnex zur bundesdeutschen Theaterlandschaft ein, die Erfahrung von großen Bühnen und die Zusammenarbeit mit bedeutenden Regisseuren und Theatermachern wie bei Völlenklee etwa Jürgen Flimm und bei Brattia etwa Leander Haußmann und Jürgen Gosch. Dies spiegelt sich auch in Brattias Einstand als Regisseur und Vorstand bei den diesjährigen Volksschauspielen wieder: er präsentierte mit Ambrosia von Roland Schimmelpfennig einen der meistgespielten deutschen Gegenwartsdramatiker, der tatsächlich bis dato noch nie in Tirol zu sehen war, und zudem ein Werk, bei dessen Uraufführung 2005 am Schauspiel Essen er selber als Schauspieler mitgewirkt hatte. Ein Stück, das es freilich nur deshalb ins Programm der Volksschauspiele geschafft hat, weil Völlenklee mit der von Katharina Thalbach inszenierten oulevardkomödie Der Raub der Sabinerinnen im Gegenzug eine fixfertige Gastproduktion aus Berlin einladen konnte, bei der er selber als Hauptdarsteller mitspielte.

Ambrosia sei als Stück mit zehn SchauspielerInnen für einen Ort wie den Kranewitter Stadl mit etwa hundert Zuschauerplätzen unter „normalen“ Umständen eigentlich gar nicht finanzierbar, gesteht Völlenklee. Denn nachdem die Subventionen seit Jahren nicht erhöht werden, was angesichts steigender Kosten einer Reduzierung gleichkomme, sei man natürlich auch von den Einnahmen abhängig, so Geschäftsführerin Silvia Wechselberger. Geldbeschaffung und Eigenmittelfinanzierung sei daher für den Vorstand stets ein zentrales Thema. „Das mussten wir den Neuen naturgemäß erst mal vermitteln. Wer an großen Theatern arbeitet, ist damit ja so gut wie nie konfrontiert“, lässt Wechselberger durchblicken. Und Susi Weber gibt ohne Umschweife zu, dass sie dadurch einige ihrer ursprünglichen Vorstellungen und Ideen erst mal ad acta legen musste. Sie hätte es nämlich gerne im Rahmenprogramm krachen lassen und verweist auf ihre euphorische Ankündigung bei der gemeinsamen Antrittspressekonferenz als Neo-Vorstandsmitglieder vor einem Jahr. Das hätte sich dann eben doch nicht gespielt.

Die neue Rolle, so könnte man meinen, hat die drei Neuen also schon nach kurzer Zeit auf den Boden der finanziellen Realitäten und Sachzwänge geholt und ihnen ein klein wenig die Flügel gestutzt. Tatsächlich erwies sich die Entscheidung, den Vorstand mit drei neuen „volksschauspielnahen“ RegisseurInnen zu erweitern und mit deren Produktionen das 30er-Jubiläum zu begehen, als überaus kluger Schachzug. Alle Welt konzentrierte sich auf die im Übrigen durchwegs hervorragend gelungenen Theaterarbeiten der Neuen. Das Medienlob war so einhellig positiv wie schon lang nicht mehr. Und indem man ganz demonstrativ auf ein offizielles Jubiläumsprogramm verzichtete, enthob man sich zudem relativ geschickt der Notwendigkeit, auf die zugegebenermaßen vertrackte Frage nach Relevanz, Daseinsberechtigung und Bedeutung des Volkstheaters für die heutige Zeit eine einigermaßen schlüssige Antwort geben zu müssen.

Eine Frage, die auch im Vorstand immer wieder und nach wie vor lebhaft diskutiert werde. Und längst nicht ausdiskutiert sei, wie Susi Weber erzählt. Für sie sei Volkstheater stückunabhängig zu sehen. Es gehe weniger um das Was als darum, wie etwas erzählt werde. Nämlich direkt und unmittelbar, ohne den großen Bildungsbürgerhintergrund. „Wenn es nicht gelingt, eine Geschichte, ein Thema so rüber zu bringen, dass sie für jede/n, wirklich jede/n verständlich ist, dann haben wir etwas falsch gemacht“, sagt Weber. Für Völlenklee neige die zeitgenössische Theaterästhetik dazu, „Dinge zu vergeheimnissen.“ Dahinter stehe eine Kunstrezeption, die der Auffassung sei, dass etwas, das man verstehe, unmöglich Kunst sein könne. Das Resultat seien dann meist „unglaublich fade Aufführungen, wo ich mich hinterher frage, was feiert sich da eigentlich gerade.“ Theater müsse nicht nur sein Publikum, sondern auch seine eigenen Figuren ernst nehmen und dürfe sich niemals über sie erheben, ist Völlenklee überzeugt. Diese Haltung habe ihn damals als junger Schauspieler bei Ruth Drexel und Hans Brenner besonders beeindruckt. „Es gibt ja eigentlich nur gutes oder schlechtes Theater. Gute Stücke haben etwas zu erzählen, und das Geheimnis fängt dann dahinter an, nicht schon davor.“

Beim diesjährigen Programm hat man sich jedenfalls für die Breite entschieden. Wohl auch um zu zeigen, was Volkstheater so alles sein kann: handwerklich erstklassig gemachtes Boulevard wie Der Raub der Sabinerinnen, das in seiner herzerwärmenden Nostalgik deutlich machte, wie sehr sich das Publikum zwischendurch nach unverfänglicher Heiterkeit sehnt; einen nach wie vor hochaktuellen Gewaltschocker wie Wolfgang Bauers Magic Afternoon, den Markus Plattner im Rahmen des Challenge-Programms der Jugendland-KünstlerJugend im vergangenen Winter mit vier jugendlichen SchauspielerInnen erarbeitete und als Gastproduktion nach Telfs mitbrachte. (MOLE 4 berichtete); die gnadenlose Analyse eines an der eigenen Antriebs- und Ziellosigkeit implodierenden Mittelstandes in Roland Schimmelpfennigs Satyrspiel Ambrosia; ein echter Klassiker der deutschen Theaterliteratur wie Schillers Räuber, den Susi Weber als zeitloses Familien- und Generationendrama aufregend neu erzählt hat; zuletzt noch als Referenz an das männliche Kreativpotential im Ort das Public Viewing Mannsbilder, das Völlenklee mit seiner Partnerin, der Autorin Barbara Aschenwald, für den Männergesangsverein und das Ensemble der Musikschule Telfs konzipiert hat. In Summe tatsächlich ein breites Spektrum, wenngleich mit einem eklatanten Männerüberhang. Mit dem Public Viewing wagten sich die beiden zudem auf ein einigermaßen vermintes Gelände, das sie freilich im Großen und Ganzen charmant und gewitzt umsurften. Die „volkstümlichen“ Alltagssexismen und die etwas unbedarfte Romantisierung der Geschlechterrollen relativierte sich glücklicherweise allein schon durch die Tatsache, dass unten im Publikum eine ausgesprochen coole Chorleiterin saß, die den zuweilen nicht ganz koordinierten, aber durchwegs sympathischen Haufen inklusive Conferencier Völlenklee regelrecht durch das Programm schliff.

Das mit dem Männerüberhang sei ihnen tatsächlich passiert, räumen sowohl Völlenklee wie auch Weber mittlerweile entschuldigend ein. Dabei habe gerade Ruth Drexel stets ein wachsames Auge auf die Frauen gehabt, erinnert sich Völlenklee. Doch das Männliche hat sich mit der Ablöse von Chryseldis Hofer-Mitterer als jahrelanger Gestalterin der Volksschauspielplakate durch Anton Christians männliche Dämonenfigur in den letzten beiden Jahren auch symbolisch-visuell in den Vordergrund geschoben. Vielleicht, um sich ein Stück weit von der Urmutter zu befreien, die gerade von den lokalen Medien in ihren letzten Jahren heftig kritisiert wurde. Deren Geist sei schon noch spürbar, sagte Felix Mitterer im Sommer in einem Interview im Hinblick auf die bereits verstorbenen Gründungsväter und -mütter. „Die leibhaftige Anwesenheit wär’ mir aber lieber.“

Bleibt zu hoffen, dass Susi Weber als einzige weibliche Künstlerin in der Vorstandsriege nun dieses offenkundige Vakuum auszufüllen beginnt. An Ehrgeiz und Gestaltungswillen fehlt es ihr sicher nicht. Für ihre Räuber hat sie sich beispielsweise erstmals eine erfahrene Dramaturgin ins Team geholt, zudem hatte sich Weber noch Matineen und Einführungen vor den Stücken gewünscht. „Die sind wirklich blendend gelaufen“, freut sich Weber. „Damit gehen wir auf die Leute zu, machen sie mit unserer Arbeit vertraut.“ Mittlerweile fange ihr die Arbeit im Vorstand an, Spaß zu machen. „Ich finde, wir sind gut unterwegs. Wir haben in diesem ersten Jahr viel gelernt, uns zusammengerauft und eine gute Gesprächskultur entwickelt.“ Entscheidend sei ein gemeinsames Grundverständnis, ist Obmann Völlenklee überzeugt. Man müsse wirklich nicht immer alles gut voneinander finden. Der Quoten- und Erfolgsdruck ist freilich gerade auch im Hinblick auf die öffentlichen und privaten Geldgeber einigermaßen hoch: „Ohne Leute geht es halt nicht.“ Doch Weber glaubt, dass „wir ruhig noch mutiger werden können. Ich bin überzeugt, dass man den Leuten auch gewagtere Texte zumuten kann, vorausgesetzt, sie sind anständig präsentiert.“