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MOLEcafé

Nischen-Akustik

#06 2011 / Maria Markt

FREIRAD 105.9 Freies Radio Innsbruck wird zehn Jahre alt. Ein Beispiel dafür, dass Hartnäckigkeit eine Tugend ist.

Während der ORF sich abmühen muss, geeignete Formate für die Zielgruppe „Alle“ – höchstens diversifiziert durch „alle Jungen“ und „alle Alten“ – zu entwickeln, setzen freie Medien auf Vielfalt ohne Quotendruck. 100 kleine, spezialisierte Sendungen erreichen 100 kleine, aber interessierte Zielgruppen. So viele Formate laufen derzeit im Jahresschnitt auf FREIRAD Freies Radio Innsbruck, moderiert in 14 verschiedenen Sprachen, betreut von rund 450 ehrenamtlichen RadiomacherInnen.

Auf der Frequenz 105,9 sendet FREIRAD seit zehn Jahren sein werbefreies 24-Stunden-Programm. Der Weg zur offiziellen Sendelizenz begann allerdings viel früher und war mit dem ein oder anderen Steinchen blockiert ...

PiratInnen mit langem Atem

Ende der 1980er Jahre gab es in Innsbruck drei Gruppen von RadioaktivistInnen, die dem damaligen Angebot im Äther wenig abgewinnen konnten. Die einen waren StudentInnen und forderten mehr politisch-demokratische Themen. Die anderen kamen vom Haus am Haven und suchten auf Ö3 vergeblich den Punk. Die dritten wollten schlicht Radio machen – und durften es nicht, da Österreich, als letztes europäisches Land neben Albanien, keine nichtstaatlichen Radios zuließ. Sie beschlossen, trotzdem auf Sendung zu gehen. Unter „Radio Radiator“ sollte sich jeden Freitag eine dreiviertel Stunde lang die freie Meinungsäußerung per Piraten-Schallwelle ausbreiten. Das war allerdings nur unter Aufbietung kreativster Mittel möglich. Markus Schennach, Geschäftsführer von FREIRAD und Obmann des Verbandes freier Radios Österreich, erinnert sich an die Anfänge: „Die ersten RadiomacherInnen arbeiteten mit einem Mini-Radiosender, so groß wie eine Zündholzschachtel, einem Verstärker, einer Autobatterie und einer Sendeantenne. Sie suchten sich Orte oberhalb Innsbrucks, z.B. die Teufelskanzel, den Achselkopf oder den Butterbichl, und sendeten heimlich von dort aus. Auch das Dach des GeiWi-Turms musste dran glauben.“ Wer frühe Sendungen kennt, hat es bestimmt noch im Ohr, das Knacksen, Scheppern und die Lautstärkenschwankungen, aber trotz der rudimentären Ausstattung – es hat funktioniert.

Radio Maria versus Radiator von der Teufelskanzel

Schwarzsender konnten natürlich geortet werden. Die PiratInnen bezogen ihre Position, begannen zu senden, die behördliche Funküberwachung ortete sie, rückte an, die PiratInnen machten sich aus dem Staub. Wie oft sich dieses Katz- und Mausspiel wiederholte, ist nicht bekannt. Eine gewisse Zähigkeit kann man wohl beiden attestieren. Nachdem die Funküberwachung kein Glück hatte und die RadiomacherInnen gut zu Fuß waren, wurde der Kampf gegen die Äther-Piraterie ver- und überlagert: Die Frequenz von Radio Radiator wurde, kaum ein paar Minuten auf Sendung, laufend mit dem Vatikan-Sender Radio Maria „zugedeckt“. Statt Innsbrucker Frühling hörte man nun Gebete, live aus Rom. Ein Schwenk, der manch Freie-Radio-HörerIn erschreckte. Und der einigen der Innsbrucker RadioaktivistInnen letztendlich die Motivation, weiter zu senden, raubte. Von den drei Gruppen blieb eine bestehen und gründete 1993 den Verein Freies Radio Innsbruck FREIRAD, der im Zusammenschluss mit anderen freien Radios (Pressuregroup Freie Radios) das österreichische Rundfunkmonopol zu Fall bringen wollte – und dafür auch gerichtliche Schritte gegen die Republik Österreich unternahm.

Vom Monopol zum Freien Radio

Der Hartnäckigkeit der Freien Radios österreichweit ist es zu verdanken, dass durch Urteile des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte und des Verfassungsgerichtshofs Österreich zur Aufhebung des Rundfunkmonopols gezwungen wurde. Ab 1998 waren freie Radiolizenzen verfügbar. FREIRAD beantragte eine Frequenz, erhielt aber erst 1999 eine „Ereignisradiolizenz“, eine Probelizenz für zwei Wochen. In diesen 14 Tagen fanden, in einem mit gelber FREIRAD-Flagge geschmückten Container beim Innsbrucker Bierstindl, die „Radiotage“ statt. 140 enthusiastische RadiomacherInnen gestalteten jeden Tag 24 Stunden Programm, das Projekt wurde ein durchschlagender Erfolg. Nach weiteren zwei Jahren des Wartens kam 2001 die endgültige Genehmigung: Obwohl der damalige Bürgermeister Herwig van Staa sich für die Frequenzerteilung an Radio Maria einsetzte, ging die Frequenz 105.9 an FREIRAD.

Die Nischen einer Weltstadt

Heute steht FREIRAD als Informationssender und Kooperationspartner für viele Projekte und Medien auf sicherem Boden. Finanziell hat sich mit dem 2010 eingerichteten Fonds zur Förderung des nichtkommerziellen Rundfunks die Lage verbessert, wobei der Sendebetrieb zum Großteil auf ehrenamtlicher Arbeit beruht. Mit den Themenschwerpunkten Migration, Stadtentwicklung, Zeitgeschichte, lokale Kulturberichterstattung und Gesellschafts- und Medienpolitik übernimmt der Sender manche Aufgabe von öffentlich-rechtlichen Medien. Diese sollen das Kriterium „Public Value“ zwar einhalten, müssen – der Eindruck drängt sich auf – das Kriterium „Quote“ aber priorisieren. Freies Radio muss das nicht. Es hat die Freiheit, Nischen zu bedienen, jede und jeden zu Wort kommen zu lassen und sich dem journalistischen Grundsatz der Objektivität über die Vielfalt des Angebots zu nähern. FREIRAD wird das mit der Lizenzverlängerung bis 16. November 2021 mindestens für weitere zehn Jahre tun.

Markus Schennach muss nicht lange darüber nachdenken, was die Radioarbeit zu seinem Lieblingsjob macht: „Die Themen hören nie auf. Es gibt immer wieder Dinge, die ich zum ersten Mal höre. Und es gibt immer wieder Leute, die diese Dinge mit unglaublich viel Engagement allen anderen zugänglich machen.“ Und noch etwas fällt ihm ein. Innsbruck sei wohl doch eine Weltstadt: hier sind 148 Nationen beheimatet. 14 Sprachen spricht FREIRAD bereits – für ein paar neue findet sich sicher noch ein Sendeplätzchen.

Neue Kultur- und Bildungssendung der FREIRAD-Redaktion:
kulturton
18.30–19.00 Uhr/WH am Folgetag von 8.00–8.30 Uhr

Jubiläumsfest
11.11.2011 ab 19:00
bei FREIRAD, Egger-Lienz-Straße 20
mit der Premiere des Films „Hundertfünfkommaneun“