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The revolution will be televised, aber zuerst steht sie auf Twitter.

#06 2011 / Simon Welebil

Ein Mausklick und ich habe der ganzen Welt gezeigt, dass ich einen Ziegelstein sympathischer finde als HC-Strache, dass ich Atomkraftgegner bin oder dass ich Studiengebühren ablehne. Noch nie war es einfacher, seinen Protest kundzutun als im Web 2.0 und seinen Social-Media-Anwendungen. Nie war Protest aber auch so unverbindlich, und so wundert es nicht, dass sich soziale Bewegungen im Web wieder verlaufen, bevor sie ins Gehen gekommen sind.

Dass Web-2.0-Anwendungen allerdings soziale Proteste befeuern können, haben nicht nur die Revolutionen in Tunesien und Ägypten gezeigt, bei denen Facebook oder Twitter eine bedeutende Rolle gespielt haben, auch hierzulande gibt es genügend Beispiele für einen gelungenen Einsatz des Mitmachwebs für zivilgesellschaftliches Engagement. Die beiden Soziologen Hans Christian Voigt und Thomas Kreiml haben sie zusammengetragen und als Anleitung publiziert: Soziale Bewegungen und Social Media. Handbuch für den Einsatz von Web 2.0 (im Folgenden #sbsm).
Die beiden Herausgeber wollen ihr Handbuch von Ratgeberliteratur abgrenzen, die Social Media für Unternehmen, deren Verkäufe und Marketingzwecke erklären. Die gäbe es ohnehin so häufig wie Freundschaftsanfragen auf Facebook. Sie hätten mit dem Handbuch auch weniger auf etablierte Organisationen abgezielt, sondern auf ehrenamtliche AktivistInnen, ihr Hauptaugenmerk liege „mehr beim Engagement, das sich unter prekären Bedingungen selbst organisieren muss, als bei den Organisationsaufgaben etablierter Vereine.“ Die meisten AutorInnen des Handbuchs sind solche AktivistInnen, die versuchen, Gegenöffentlichkeit herzustellen.

Der erste Teil von #sbsm liefert Fallbeispiele der Social-Media-Nutzung aus politischer Arbeit und unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzungen, von #unibrennt, über die Proteste gegen Stuttgart 21 bis zu Betriebsräten oder der Katholischen Aktion Oberösterreich. Jedes Fallbeispiel hat dabei seinen eigenen Schwerpunkt in Bezug auf Web-2.0-Anwendungen. Blogs, Foto- und Videoportale, Live-Streams, Wikis und Social-Media-Services wie Twitter, Facebook und StudiVZ werden im konkreten Einsatz beschrieben. Die Schilderungen der AktivistInnen sind nicht nur spannend zu lesen und unterhaltsam, sie enthalten auch nützliche Vorschläge. Am Ende der Beiträge fassen die AutorInnen jeweils die positiven und negativen Erfahrungen ihres Engagements in praktischen Dos und Don’ts zusammen.

Nach den exemplarischen Beispielen folgen im zweiten Abschnitt konkrete Anleitungen für den Einsatz von Web 2.0 für die eigene Bewegung, vom Aufbau eigener Informationsarchitektur, dem Füttern dieser mit Inhalten und einem verantwortungsvollen Umgang mit den aufgebauten Strukturen. Dabei werden die Fallbeispiele aus dem ersten Teil erklärt und systematisch ergänzt. Zu allen Diensten und Tools gibt es Hintergrundinfos und Tipps, wie man sie am wirksamsten für die eigene Sache einsetzt. Auch rechtliche Fragen, formale Kriterien und Verhaltensregeln im Netz werden erörtert und die LeserInnen auf Datenschutz sensibilisiert.

Die beiden letzten Teile von #sbsm bieten weitere Fallbeispiele, wobei es beim dritten mehr um transnationales Engagement und um globale Auseinandersetzungen geht, im vierten um „Visionen“, die sich aber nicht sonderlich von der Gegenwart zivilgesellschaftlichen Protests unterscheiden. Dass insgesamt Betriebsrats- und Gewerkschaftsthemen überrepräsentiert sind, verwundert nicht bei einer Publikation, die im ÖGB-Verlag erscheint, der somit auch ein wenig auf seine ureigene Klientel abzielt.

Nach der Lektüre von #sbsm sollten jedem Leser und jeder Leserin allein schon aufgrund der Redundanz mancher Ratschläge zumindest ein paar Sachen klar geworden sein. Transparenz, Authentizität und Kritikfähigkeit sind wichtige Erfolgsfaktoren im Netz. Erfolgreiche Webpräsenzen brauchen viel Geduld. Um viele Leute erreichen zu können, ist man oft auf MultiplikatorInnen angewiesen und trotz der Möglichkeit, eine Botschaft zu pushen, ist eine virale Verbreitung, die Wunschvorstellung von Marketingmenschen, ungefähr so realistisch wie ein Lottogewinn.
Vielfach wird auch darauf hingewiesen, dass sich Bewegungen auch außerhalb des Webs engagieren müssen, um erfolgreich zu sein. Robert Misik etwa formuliert das in seinem Beitrag zum Obama-Wahlkampf folgendermaßen: „Es wäre ein Fehler zu glauben, das Netz könne andere Formen von politischem Aktivismus ersetzen. Mit Netzpräsenz erreiche ich meist nur jene, die mein Anliegen teilen oder ihm zumindest aufgeschlossen gegenüber stehen.“ Und weiter „Der Königsweg ist, Menschen online zu aktivieren, damit sie sich offline engagieren.“

Einen Königsweg zwischen online und offline zu finden hat sich auch der Verlag bemüht, als er #sbsm in Angriff genommen hat. Ein gedrucktes Buch über Dinge zu publizieren, die online geschehen, ist nämlich meistens zum Scheitern verurteilt. Der Verlag wollte dem mit einer sogenannten Crossmedia-Publikation begegnen, die das Handbuch, die Online-Plattform sozialebewegungen.org und ein #sbsm-camp im Oktober umfasst, auf dem die Inhalte des Handbuchs vertieft und diskutiert werden sollen. Ganz haben sie damit das Problem nicht lösen können, trotz der deutlich erkennbaren Reflexionsleistung.
Bei der Produktion der Publikation hat sich der Verlag einige Anregungen aus dem Handbuch genommen, etwa die Aufforderung, Inhalte unter Creative-Commons-Lizenz, also ohne Copyright zu veröffentlichen, oder die Verwendung von Web-2.0-Tools. Die einzelnen Artikel wurden in einem Redaktionswiki geschrieben, sind schon vor dem Druck online erschienen und konnten diskutiert werden. Die Kommentare wurden dann in das Handbuch übernommen, wobei bei einigen Postings der Eindruck entsteht, sie wären gezielt eingeholt worden, etwa bei Laura Rudas, Josef Broukal, Robert Menasse oder Kurt Grünewald.
Optisch gleichen die Beiträge der Printversion den Blogtexten online. Sie sind mit Tags versehen, mit Schlagworten, die die Orientierung erleichtern sollen. Beispiele werden oft mit Bildern dargestellt und mit Verweisen zu Videos. Dazu gibt es analog zu Webtexten „Links“ im Text, gleich drei verschiedene. Manche Begriffe sind gelb hervorgehoben und verweisen zu Glossareinträgen innerhalb des Buches, schwarz markierte kennzeichnen Themen, denen eigene Kapitel gewidmet sind, und schwarz unterstrichene Wörter entsprechen „richtigen“ Links, die man eigentlich anklicken müsste, aber im Buch halt nicht kann – hier heißt es dann den Online-Text nachschlagen bzw. die Links gesammelt über einen QR-Code einzuscannen, was beides Zeit und Nerven kostet. Ein Buch ist eben doch ein lineares Medium, das Abweichungen vom gewohnten Leseverhalten nur bedingt zulässt und so stellt sich die Frage, warum man die Texte nicht im Netz belassen hat.
Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Zum einen gibt es, ökonomisch gesehen, kein funktionierendes Geschäftsmodell für ein Web-only-Projekt in der Größenordnung von #sbsm. Hierzulande gibt es auch noch keine Institutionen, die ein solches Vorhaben finanzieren würde. Bis sich die Einsicht durchsetzt, dass auch Inhalte, die nur online verfügbar stehen, einen Wert haben, wird es wohl noch einige Zeit dauern. Zweitens sind viele LeserInnen von langen Texten im Web bzw. am Screen überfordert, wobei das eine Sache der Gewöhnung ist, die von den technischen Umwälzungen auf dem E-Book-Markt vorangetrieben wird. Drittens aber, und das ist der einzige akzeptable Grund, kann man mit einem HandBUCH ein anderes Publikum erreichen, Menschen, die bisher nicht viel mit dem Netz anfangen konnten und nicht nur die Digital-Natives, die sich ihre Informationen ohnehin selber besorgen und aufbereiten können. Im Angesicht des Schwellenzustands zwischen analoger und digitaler Welt, indem wir uns noch befinden und auch im Hinblick auf den gewerkschaftlichen Hintergrund des Verlags, war seine Entscheidung zu dieser Art der Publikation vielleicht doch richtig.