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MOLEcafé

„Das stumpfsinnige Geschwätz dieser Sippschaft, die du deine Freunde nennst“

#06 2011 / Martin Fritz

In Sozialen Netzwerken schreiben alle nur, was sie gefrühstückt haben und veröffentlichen arglos ihre peinlichsten Partyfotos – oder ist es doch nicht so einfach?

Das Phänomen ist nicht neu und bekannt von Pausenhof, Kleintierzucht-Stammtisch, Burschenschaft oder WG-Küche: Menschen rotten sich gerne und häufig zusammen und bereden dann die merkwürdigsten Dinge – auch ohne für Außenstehende nachvollziehbare Gründe, Anlässe oder Regelmäßigkeiten. Im Internet sind daraus die auf Deutsch etwas ungelenk übersetzten „Sozialen Netzwerke“ geworden (denn das Englische social bedeutet ja anders als das nach Licht ins Dunkel riechende „sozial“ eher „gesellig“), von denen im Laufe der letzten Jahre viele kamen und gingen (erinnert sich noch jemand an Friendster, Orkut, StudiVZ oder MySpace?), bis sich die heutige Situation mit Platzhirsch Facebook, Zaunspecht Twitter und den jungen Hasen Google+ und Diaspora eingependelt hat.

Die Vorurteile zu diesen digitalen Zeitfressern sind bekannt und im Lead nachzulesen, die einzelnen Features, Schräubchen und Bewertungs-Knöpfe der einzelnen Netzwerke ändern sich soundso beinahe täglich, während sich die einzelnen Dienste bis auf die Hintergrundfarbe grundsätzlich doch meist sehr ähneln – wie können wir also von einer allgemeineren Ebene aus über Social Networks reden als von der alltäglichen Erfahrung aus, die Social Networks bei den NutzerInnen so beliebt wie bei ihren KritikerInnen verhasst macht? Oder ist das vielleicht erst recht Blödsinn?

Von starken und schwachen Verbindungen – wie Social Networks funktionieren

Wie dem auch sei: Internet hin oder her, der Drang von Menschen, sich mit unterschiedlich ausgeprägten formalen Verbindlichkeiten zu vernetzen, scheint in die Maschine Mensch ab Werk eingebaut zu sein, warum auch immer – vielleicht, weil sie es können oder weil sie es gerne tun. SoziologInnen ließen es dabei nicht bewenden und erforschten mit der so schön naturwissenschaftlich-exakt klingenden Netzwerktheorie menschliche Beziehungen. So fanden sie nicht nur den als Partykonversation hervorragend geeigneten Umstand heraus, dass sich im Grunde alle Menschen über sechs Ecken kennen („Six Degrees of Separation“), sondern unterschieden auch zwei Arten von Verbindungen zwischen Menschen: Auf der einen Seite die so genannten Strong Ties, also Verbindungen innerhalb einer begrenzten Gruppe von Menschen, die sich alle gegenseitig gut kennen (z.B. eine Kegelrunde), und auf der anderen Seite Weak Ties. Ein Weak Tie ist nun z.B. eine Verbindung zwischen einem Menschen vom Kegelclub zu einer Außenseiterin in der Kegelszene, die dafür aber gute Verbindungen zu einem Menschen vom Kleintierzucht-Verein hat. Es liegt auf der Hand, dass diese Weak Ties besonders wertvoll sind, z.B. wenn jemand beim Kegeln erzählt, er würde sich gerne ein Meerschweinchen kaufen.

Social-Network-Plattformen im Internet schließen genau hier an: Dadurch, dass sie alle Beziehungen ihrer Mitglieder (zumindest weitgehend) transparent machen, machen sie auch das Zustandekommen dieser an sich eher unwahrscheinlichen Weak Ties wahrscheinlicher. Wenn unser Kegelfreund auf seinem Facebook-Profil „Suche Meerschweinchen, wenn geht, süß“ schreibt, sehen das tendenziell mehr FreundInnen seiner FreundInnen als wenn er es nur beim Kugelschieben loswird. Und so sorgen die Sozialen Netzwerke nicht nur für die Querverbindungen zwischen PräzisionssportlerInnen und Nagetierfans, sondern mit demselben Prinzip im größeren Maßstab auch für die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit den jeweils neuesten Katzenvideos bzw. die Koordination von Demokratiebewegungen, Volksaufständen und sonstigen Riots – indem all diese Neuigkeiten nicht nur in den per Strong Ties vernetzten FreundInnenkreisen zirkulieren, sondern per internetgestützten Weak Ties sich über diese hinaus weiterverbreiten.

Neben der Unterscheidung zwischen Strong Ties/Weak Ties gibt es noch eine zweite Unterscheidung von Beziehungsarten (und eine, die nur im digitalen Raum Sinn macht), die zwischen bidirektionalen und monodirektionalen Verbindungen – letztere sind in der physischen Welt selten herzustellen, sieht man mal von Popstars ab, die sich für ihre AutogrammjägerInnen für gewöhnlich nicht so interessieren wie umgekehrt diese für sie. Das Konzept Friend bei Facebook ließ (zumindest bis vor Kurzem) nur reziproke Verknüpfungen zu, bei denen die so Verbandelten auf Gedeih und Verderb gegenseitig lesen mussten, was sie eben ins Facebook hineinschrieben. Das von Twitter verfolgte Follow-Prinzip ermöglicht hingegen, dass ein an Nagetieren interessierter Sportsmann Kleintiere betreffende News direkt von den Fachleuten zu diesem Thema beziehen kann, ohne die MeerschweinchenzüchterInnen im Gegenzug mit für sie irrelevanten Kegelergebnissen nerven zu müssen.

Auf der anderen Seite scheint vielen Menschen aber die aus dem „echten“ Leben gewohnte gegenseitige Beziehung, die Facebook imitiert, lieber zu sein und so lassen sie sich ihre Timeline eben lieber vom ewiggleichen Schmarrn der Leute füllen, die sie persönlich kennen, als von Interessantem von Unbekannten (und es ist ja schon zur Binsenweisheit unter PR-Fatzken geworden, dass heutzutage schon mehr Leute durch Links auf Facebook zu einer Website stoßen als durch herkömmliche, gezielte Suche mit Suchmaschinen). Die Web-Affinen wiederum rümpfen darüber die Nase und kontern mit dem Kathrin-Passig'schen Axiom „Deine FreundInnen sind nicht deine GeschmacknachbarInnen“ – und vielleicht hat ja auch unser Kegler schon einmal den Kopf geschüttelt über den Musikgeschmack seiner VereinskollegInnen.

Selbstentblößung und -darstellung – was dagegen spricht

Eine weitere und mit der Möglichkeit zum personen- bzw. themenorientierten Filtern zusammenhängende Unterscheidung ist die, ob ein Netzwerk seinen NutzerInnen per Voreinstellung eher nahelegt, ihre Inhalte möglichst öffentlich anzulegen (was naturgemäß Vorbedingung für ein themenbasiertes Follow-Verhalten ist) oder möglichst geheim – oder wie es auf Englisch heißt: private. Und dass private nicht in erster Linie „privat“ meint, dürfte für einen Gutteil der Missverständnisse verantwortlich sein, die im deutschsprachigen Raum in diesem Zusammenhang aufgekommen sind: jenes um eine angeblich bedrohte Privatsphäre, jenes um eine vorherrschende Tendenz zur Selbstentblößung und jenes um den Zwang zur Selbstdarstellung in Sozialen Netzwerken.

All diese Kritikpunkte lassen sich im Grund auf zwei Argumente reduzieren: Erstens die Befürchtung, die armen NutzerInnen würden ihrer wertvollen, persönlichen Daten beraubt, mit denen irgendwelche Schindluder getrieben würde (z.B. personalisierte Werbung) und zweitens die Behauptung, die dummen NutzerInnen würden nur oberflächliches, dummes, ich-bezogenes Zeug in die Eingabefelder schreiben. Übrig bleibt eine Vorstellung: Es hat negative und nur negative Folgen, wenn man was ins Internet schreibt.

Emisch und etisch – wie man es auch (nicht) sehen kann

Im Großen und Ganzen stimmt all das wahrscheinlich sogar, es ist nur die Beobachtungsperspektive „im Großen und Ganzen“ für Soziale Netzwerke untauglich. Denn natürlich gibt das Kegelclubmitglied seine Leidenschaft fürs Kegeln und was er zum Frühstück gegessen hat preis. Die Welt interessiert das nicht im Geringsten. Facebook interessiert das, um ihm Cerealien und Kegelschuhe zu offerieren, und auch seine VereinskollegInnen interessiert das brennend, weil sie ja wissen, dass es mit so einem schweren Frühstück im Magen nie und nimmer alle Neune umwerfen kann und es drum zum Kegeln überreden.

Die Soziologie hat für diese beiden Perspektiven (wie es die Welt bzw. die FreundInnen sehen) die Begriffe „emisch“ und „etisch“ eingeführt: Die emische Blickrichtung versucht die Innenperspektive von Handlungszusammenhängen anzunehmen, während der etische Blick von draußen auf ein Phänomen schaut. Soziale Netzwerke sind nun ausschließlich emisch zu verstehen: Es gibt schlicht keine privilegierte Sicht von außen, die sinnvolle und objektiv zutreffende Beschreibungen Sozialer Netzwerke zuließe. Vielmehr entsteht Sinn und Unsinn dieser Gebilde nur in der konkreten Interaktion der UserInnen untereinander. Es erlebt ja jede NutzerIn ein anderes Facebook, sobald sie sich einloggt.

Gewissermaßen gibt es also so viele gleichberechtigte Wahrheiten über Soziale Netzwerke wie es NutzerInnen gibt. Dies führt zu einer vielleicht treffenderen Kritik daran: Jede Userin/jeder User begibt sich durch die Auswahl ihrer/seiner FreundInnen in eine Filterblase, in der sie/er nur mehr Links zu den Websites, Meinungen und Darstellungen bekommt, von denen sie/er ohnehin schon überzeugt war und kann sich so die abgefahrensten Radikalisierungen erlauben, ohne es auch nur selbst zu bemerken. Dies trifft natürlich auch auf die sozialen Verbindungen zu, die euch diesen Artikel in die Hände gespielt haben und die seinen Autor dazu gebracht haben, ihn so zu schreiben (und nicht anders). Dieser Artikel und Soziale Netzwerke sind also nur, was wir daraus machen – polykontextural sehen lernen kann dabei kein Schaden sein, also kegeln wir bitte alle nur, wenn wir auch Heimtiere züchten.