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MOLEcafé

Subtile Störungen im Stadtraum

#06 2011 / Barbara Pflanzner

Das Sprawl Festival präsentiert verschiedene Ausdrucksformen von Kunst im öffentlichen Raum.

In einer mittelalterlichen Stadt wie Innsbruck sticht dem Besucher oder der Besucherin meist ein Haufen Denkmäler ins Auge. Repräsentative Monumente wie der Leopoldbrunnen vor dem Landestheater, die Andreas-Hofer-Statue am Bergisel, die Triumphpforte oder die Annasäule in der Maria-Theresien-Straße prägen als eine frühe Form von Kunst im öffentlichen Raum das Stadtbild. Längst haben sich neue, jüngere Arbeiten dazugesellt, etwa Lois Weinbergers Käfig vor der SoWi (wie auch sein durch den Umbau bereits wieder zerstörter Gras-Streifen vor der GeiWi), der Schriftzug an der alten Nordkettenbahn-Trasse von Christoph Hinterhuber oder die Lichtinstallation in der Sparkassenpassage von Peter Sandbichler.

Im Laufe der Zeit hat sich die Aufgabe, aber auch die Wahrnehmung der Kunst im öffentlichen Raum verändert. Nicht mehr repräsentativer oder ästhetischer Schmuck eines Auftraggebers oder einer Auftraggeberin steht im Vordergrund, die Intentionen und Konzepte der Arbeiten sind komplexer und vielfältiger geworden. Interaktiv, kritisch, reflektierend und intermedial sind nur einige Schlagworte, mit denen Kunst im öffentlichen Raum heute operiert. Der öffentliche Raum wird zum Handlungsraum erklärt, in den Kunst nun auch in zeitlich begrenzter Weise eingreift, um ihn nach einer bestimmten Dauer und Präsenz wieder zu verlassen. Das Ziel ist dabei stets ein Ähnliches: sich den grauen Stadtraum künstlerisch anzueignen, vielleicht bestimmte Fragen aufzuwerfen, jedenfalls immer auf ein breites Publikum zu wirken, es zum Mitdenken oder Handeln aufzufordern.

Diesen Anspruch verfolgt auch das Sprawl Festival, das knapp zwei Monate lang den Stadt- und Landraum in und um Innsbruck bespielt. Kuratiert von Doris Prlić und Lukas Norer, beide selbst bildende KünstlerInnen und als freie KuratorInnen tätig, lotet das Projekt verschiedene Möglichkeiten in der Präsentation wie auch der Rezeption von Kunst im öffentlichen Raum aus. Diesen eignen sich due sechs eingeladenen KünstlerInnen in ganz unterschiedlicher Weise an – in Bezug auf die benutzten Medien ebenso wie in der Form, die ihren Ausdruck in Performances, Installationen und Interventionen findet. Das Festival besteht überdies aus mehreren Ebenen, die sich im verbindenden Element einer Ausstellung im Kulturzentrum Die Bäckerei zusammenfinden. So gibt es neben den Installationen im öffentlichen Raum auch Dokumentationen von Projekten, die im Rahmen des Festivals bereits als Aktionen ebendort stattgefunden haben und die gewissermaßen als neue Arbeiten in den Ausstellungskontext rückgeführt werden.

Analog zum englischen Vokabel „sprawl“, das etwa mit „ausbreiten“, erstrecken“ oder „wuchern“ übersetzt werden kann, versteht sich auch das Projekt als temporär „wuchernd“. Die einzelnen Arbeiten sind dabei nicht allein an einen konkreten Ort gebunden. Sie greifen vielmehr die Idee einer globalen, übergreifenden Sprache auf. Den lokalen Raum mit einer Kartographie internationaler Großstädte vernetzt denn auch Nikolaus Gansterer in seiner Arbeit Urban Alphabet. Gansterer zeichnete 26 Stadtbilder mit Kreide an die Wand oberhalb der GeiWi-Bibliothek, die je einem Buchstaben des Alphabets entsprechen. Sind die jeweiligen Stadt-Strukturen entschlüsselt, lässt sich die Anordnung des Alphabets nachkonstruieren. Mit der Vorstellung des global Verbindenden beschäftigt sich auch Marlene Hausegger in der Arbeit Flagge an den Innsbrucker Stadtsälen. Anstelle der dort eigentlich angebrachten Flaggen spannt die Künstlerin verschiedenfarbige Klebebänder zwischen die Fahnenmasten – als verbindendes Element, statt der originär trennenden Länderfahnen.

Der öffentliche Raum wird beim Sprawl Festival auch hinsichtlich der Beteiligung und Diskussion von Seiten des Publikums untersucht. „Wir versuchen Kunst im öffentlichen Raum zu zeigen, die nicht ganz so einfach zu entschlüsseln ist. Meistens sind es ja Denkmäler, die in einem klaren Zusammenhang mit einem Ort stehen und einen geschichtlichen Bezug haben. Mit dem Festival wollten wir auch andere Themen ansprechen“, erklärt Kurator Lukas Norer. Daher werden die ausgewählten Orte durch den performativen Eingriff der KünstlerInnen auch auf ihr Umnutzungspotenzial hin untersucht. Als kleine Irritationen wirken beispielsweise die Türklingeln aus Pappe von Marianne Lang, die an verschiedenen Stellen in der Stadt angebracht sind. Sie loten die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum ebenso aus wie die Kreidezeichnung eines Grundrisses vor Der Bäckerei, die zwischenzeitlich vom Regen wieder weggewaschen wurde. Tao Vrhovec Sambolec intervenierte in den öffentlichen Raum mit seinem Reality Soundtrack. Eine Gruppe von TeilnehmerInnen wurde mit je einem Radio ausgestattet, über den eine elektronische Komposition zu hören war. Auf einer Tour durch die Stadt wurde mit einer Klangwolke in ebendiese eingegriffen. Eher politischer Natur ist Matthias Klos Arbeit Schilder. Er nutzte den öffentlichen Raum als Bühne für kritische Reflexion. An ausgewählten Orten der Stadt hielt der Künstler Texttafeln hoch. Die darauf geschriebenen Parolen wurden aber nicht laut ausgerufen, sondern sollten auf einer unterschwelligeren Ebene provozieren. Auch beim Duo Sylvia Winkler und Stephan Köperl bildet sozialpolitische Reflexion den Subtext ihrer Performance. Mit ihrem Song STOP PPP!, der die Finanzierungsform von Public-Private-Partnerships zum Inhalt hat, stellten die Künstler die Koexistenz von öffentlichem Bildungsauftrag und wirtschaftlichem Konsumstreben im neugebauten Gymnasium/Shoppingmall West in Frage – was prompt den Einsatz von Securitys zur Folge hatte.

Übrigens war es das erste Mal, dass ein kuratiertes Projekt mit den Mitteln des Landes Tirol gefördert wurde. Bis dato wurden immer nur einzelne künstlerische Arbeiten im öffentlichen Raum finanziell unterstützt. Bleibt zu wünschen, dass die alten wie die neueren Denkmäler im öffentlichen Stadtraum auch weiterhin gute Gesellschaft von solch kleinen Störungen bekommen.