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MOLEcafé

Theaterfrühling

#06 2011 / Christine Frei

Der junge Theaterverein tON/NOt will es interdisziplinär angehen. Das Theater Clubbing Radio Noir ist sein erstes Projekt.

Wie erkenne ich euch denn, hatte ich Katrin Jud und Michaela Senn, die beiden tON/NOt-Begründerinnen, vor unserer ersten Begegnung gefragt. Die Antwort war einigermaßen erhellend: Wir sind beide 25. Erkannt habe ich sie sofort an den zwei großen Laptops, die Rücken an Rücken am Bistrotisch vor den beiden jungen Frauen aufgeschlagen waren. Ein paar Minuten später stecke ich meine Ohrstöpsel an Senns Laptop, sie schneidet gerade ihre zweite Radiosendung für Freirad. Ich höre rein: groovender DJ-Sound, ihre Stimme und der Text jener Figur, die sie bei ihrem ersten Theaterprojekt Radio Noir spielen wird: Parthenope, die sirenenhafte Radio-Night-Talkerin und beängstigende Antithese zu Dieter Moor und seinem Talk Radio von anno dazumal.

Nicht genug also, dass die beiden Albert Ostermaiers Text gemeinsam mit ihrem Projektteam ‒ neben den beiden Musikern Michele Sterchele und Marco Opoku wirken MOLE-Redakteur Robert Gander und Tobias Pichler noch als Filmer mit ‒ zu einem abendfüllenden Theater Clubbing verdichten, die beiden produzieren zusätzlich auch noch ein Rahmenprogramm mit einer eigenen vierteiligen Sendereihe auf Freirad und bedienen außerdem noch ihre Facebook-Seite und einen Youtube-Channel. Interdisziplinär wollen sie arbeiten, so die beiden Frauen, jungen theaterinteressierten Menschen, Autoren, Regisseuren eine Plattform bieten. Sich selber eine sein. Denn nach abgeschlossener Schauspielausbildung setzte es für Senn erst mal die Realitätswatsche, wie sie erklärt. „Du kriegst ja nicht mal die Chance, irgendwo vorzusprechen.“ Und auch für Jud, die studierte Komparatistin, gab es vorderhand kein konkretes Berufsbild, auch wenn sie schon als Regieassistentin gearbeitet hatte. Also sind sie aktiv geworden, haben gemeinsam den Verein tON/NOt gegründet. Sich Radio Noir als Erstlingsprojekt vorgenommen.

Senn kennt den Text von ihrer Ausbildung, hat ihn auf die Abschlussprüfung gelernt. Er sei wie für sie geschrieben, schwärmt sie. „Auch wenn das jetzt vielleicht größenwahnsinnig klingen mag.“ Radio Noir ist eines von Ostermaiers ersten Theaterstücken, ein Sirenengesang, getextet als atemlose, beschwörend-metaphorische Endlosschleife, die noch ganz auf den Lyriker verweist. Für die Regie haben sie sich Senns früheren Lehrer Thomas Gassner geholt, der den Text auf eine knackige Stunde eingedampft und mit Aussteigertexten u.a. von Baudelaire und Ginsberg versehen hat. Das Projekt sei auch für ihn eine ganz neue Erfahrung. „Ich denk bei Theater halt zunächst an Menschen und Bühne. Und dann kam ich in einen Raum voller Laptops und Kabel. Natürlich hab ich sofort einen umgeschmissen.“ So wird Radio Noir nicht nur ein interdisziplinäres, sondern ein Stück weit auch ein generationenübergreifendes Projekt. „Sehr spannend“, wie Gassner betont. „Die jungen Leute sind kritisch und hinterfragen, was ich mache.“ Kritik im landläufigen Theaterbetrieb sei ja häufig von Neid und Eitelkeiten befeuert. „Das ist hier anders.“ „Wir wollten ein Projekt machen, hinter dem alle stehen, wo jeder Verantwortung übernimmt und sein Bestes gibt“, so die beiden Frauen. Damit wäre der Frühling dann wenigstens im Theater angekommen.