Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Ist Kultur ein Selbstbedienungsladen?

#06 2011 / Verena Teissl

Die Glosse der TKI

"Kultur" hat Konjunktur, überall ist sie, beim Kulturtourismus, bei der Kulturstadt, in der Privatwirtschaft und auch in jenen NPOs und NGOs, die sich außerhalb des kulturellen Feldes betätigen, ihre Anliegen aber über den „Umweg Kultur“ vermitteln wollen. Eigentlich toll. Was aber hat diese Konjunktur in der Tiefe zu bedeuten und wie verändert sie das kulturelle Angebot? Dort, wo Kultur als „ökonomischer Katalysator“ (Karen van der Berg) für Destinationsmarketing, Imagetransfer und Spendenakquise eingesetzt wird, wird mit ihrem emotionalen Wert sowie den emotionalen Bedürfnissen jener, die Kunst und Kultur suchen, gehandelt wie mit einem beliebigen Produkt. Es ist dabei ein Unterschied, ob professionelle, ohnehin bestehende Angebote genutzt werden, um z.B. in der Tourismuswerbung zeitgemäßer und attraktiver aufzutreten, oder ob in Hobby-Manier „Selbstgeschneidertes“ entworfen wird.
Wo beginnt, wo endet der Respekt vor den professionellen Ansprüchen, die gerade Kunst und Kultur fordern? Inszenatorische Praxis, Kulturvermittlung und Konzeptionierung sind sensible Bereiche, denn Kunst und Kultur berühren das Unsichtbare in uns und in unserer Gesellschaft: Man spricht in der Kulturtheorie von der aktivierenden Kraft der kulturellen Praxis – man kann diese Kraft einsetzen, um Kaufrausch zu verstärken oder Spendentätigkeit zur individuellen Gewissensberuhigung zu erwecken.
Die originären Ziele von Kunst und Kulturarbeit stehen allerdings in Opposition zu einer solchen Instrumentalisierung.  Bis vor wenigen Jahren lag, historisch begründet und gewachsen, die Definitionsmacht des Kulturbegriffs zum einen bei der Kulturpolitik als maßgebliche Förderin, zum anderen bei den KünstlerInnen und den professionellen, gemeinnützigen Kulturbetrieben, die als Schatzhüter von ästhetischen Entwicklungen agieren, mit all der gesellschaftspolitischen Haltung und Kenntnis, die es dafür braucht.
In den jüngsten Entwicklungen aber zeigt sich im kulturpolitischen Selbstverständnis, dass Kultur als finanzielle Last des Staatshaushaltes empfunden wird, nicht als gesellschaftsgestaltende Kraft. Seither sind Phasen eklatanter Schwäche kulturpolitischer Zielsetzungen zu vermerken. Das schwächt den professionellen Kulturbetrieb und öffnet das Feld einer neoliberalen Dynamik. Dabei wären Modelle verstärkter Kooperation und privatwirtschaftlichen Engagements – die „neuen Allianzen“, wie der deutsche Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann schrieb, – eine spannende Herausforderung für die Kulturlandschaft. Aber eine Bereicherung nur dort, wo die Gebote der Professionalität und der Dienst an Kunst und Kultur als dialektische Kraft respektiert werden. Wo die aktivierende und deshalb auch mitunter gefährliche Kraft von Kunst nicht auf den oberflächlichen Nutzwert eines „Events“, eines Bildes, Films usw. reduziert und für Umwegrentabilität beansprucht wird