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Wer hat Angst vor der Philosophie?

#06 2011 / Norbert Bolz

Im Rahmen des Philosophicums Lech wird alljährlich der Essaypreis tractatus verliehen. Heuer ging er an Norbert Bolz, der sich in seiner Rede als ebenso streitbar und klar entpuppt wie es in der Jurybegründung heißt. Ein verbaler Rundumschlag gegen Bologna-Diktat, Meinungskonformismus und den Philosophie-Killer Political Correctness.

Philosophie ist das einsame und freie Denken. Aber sie war natürlich immer auch schon institutionalisiert, eingebettet in Paradigmen, gebunden an Denkstile. Heute präsentiert sie sich zumeist universitär, d.h. als Sache von Beamten und ein Department der Wissenschaften. Dazu passt die antiphilosophische Signatur unserer Bildungsanstalten, die gar nicht mehr bilden, sondern unterweisen wollen. Studienpläne sanieren den Geist und bringen das Denken in Stromlinienform. Gerade an Universitäten bekommt man den Eindruck, dass Philosophie genau das ist, was die europäischen Strategen der Bildungsproduktion als Flausen aus den Köpfen der Studenten auszutreiben versuchen.

Max Scheler hat Recht behalten: Die heutige Universität ist keine „universitas“ mehr, sondern eine Summe von Fachhochschulen. Sie bietet uns eine Philosophie ohne Geist, eine Psychologie ohne Seele und eine Soziologie ohne Gesellschaft. Einsamkeit und Freiheit – beides wird heute bekämpft. Der Humboldt-Universität macht der Fortschritt den Bologna-Prozess. Ganz selbstverständlich und unverfroren tituliert man die Studentenschaft als „Generation Praktikum“, weil es niemand mehr wagt, die rigorose Berufsbezogenheit des Studiums in Frage zu stellen. […]

Zwei gut gemeinte Utopien haben die europäische Universität zerstört. Da gab es zunächst die erstmals durch die Studentenbewegung vorgetragene Utopie von innen, nämlich die Demokratisierung von Lehre und Forschung durch Mitbestimmung und Gruppenuniversität. Es zeigte sich aber sehr rasch: Mehr Demokratie wagen heißt, mehr Bürokratie in Kauf zu nehmen. In allen Lebensbereichen erzeugt mehr Demokratie mehr Bürokratie, weil sich die Leute über ihre Ansprüche definieren, die der Staat als Rechte schützen soll.

An der Universität zeigen sich diese Probleme der Demokratie in größter Deutlichkeit, und zwar neben der Bürokratie vor allem die Mittelmäßigkeit und die Verlogenheit. Kein Missverständnis, bitte. Im politischen Leben gibt es keine vernünftige Alternative zur Demokratie. Aber an Universitäten sollte anderes gelten. Man könnte es mit Max Weber sagen: Das Studium ist eine geistesaristokratische Angelegenheit. Mehr Demokratie sollte man nur dort wagen, wo sie hingehört.

Die Universität ist heute von dem geprägt, was Franz Ronneberger einmal „die emanzipierte Verwaltung“ genannt hat. Selbstverwaltung hatte das Ziel der Autonomie, aber das Ergebnis der Bürokratie. Dem politischen System ist das durchaus recht. Denn die Ministerialbürokratie hat sich in den Universitäten mit der „Selbstverwaltung“ einen Ansprechpartner geschaffen, mit dem man flüssig kommunizieren kann. Der einzelne Professor mit seinem Eigensinn kann hier nicht mehr störend dazwischenkommen. So wurden aus Dekanaten „Service-Center“. Dabei übersieht man geflissentlich, dass sich der enorme Arbeitsaufwand einer kompetenten Selbstverwaltung nicht mit seriöser theoretischer Arbeit verträgt. Jeder engagierte Dekan kann ein Lied davon singen.

Die zweite gut gemeinte Utopie, die die deutsche Universität zerstört hat, ist eine Utopie von außen und heute an den schönen Namen Bologna geknüpft. Gemeint ist die europanormierte Technisierung von Lehre und Forschung durch Module und Projekte. An der Idee Humboldts gemessen handelt es sich hier ganz schlicht um eine Verstaatlichung des Geistes. Und da sich die Forschung zumal eines Geisteswissenschaftlers nicht so gut organisieren und überwachen lässt wie die Lehre, erklingt überall die Einschüchterungsvokabel „Drittmittel“. In der Tat verwandelt sich die Universität immer deutlicher in eine Welt der Drittmittel und der Gefälligkeitsgutachten. Wie heißt es doch in Ernst Jüngers Roman Heliopolis: „Den Professoren wird das Apportieren beigebracht.“

Von den verantwortlichen Politikern erfährt man, dass es sich bei den Kritikern dieses Prozesses um „Gestrige“ handelt. Die Euphorie des Studiums, die Freude am „psychosozialen Moratorium“, zu Deutsch: das Leuchten in den Augen der Studenten – das gehört einer längst vergangenen Zeit an. Wer nicht blind und gefühllos ist, spürt an den Bologna-Universitäten eine Atmosphäre der Freudlosigkeit und geistige Sterilität. […]

Eine Gesellschaft, die sich weder an Religion noch an bürgerlicher Tradition und gesundem Menschenverstand orientieren kann, wird zum willenlosen Opfer eines Tugendterrors, der in Universitäten, Redaktionen und Antidiskriminierungsämtern ausgebrütet wird. Man darf ihn übrigens nicht offiziell als Politische Korrektheit ansprechen – das wäre politisch unkorrekt. Alan Charles Kors und Harvey A. Silverglate haben in ihrem eindrucksvollen, beklemmenden Report über den akademischen Verrat an der Freiheit, The Shadow University, die heutige Universität als den größten Feind der freien Gesellschaft bezeichnet, weil sie die Studenten nicht mehr als Individuen sondern als Verkörperungen von Gruppenidentitäten behandelt und sie entsprechend in Gruppenrechten unterrichtet.

Die neuen Ingenieure der Seele arbeiten mit Sprachcodes, Gruppenidentitätszuschreibungen und Trainingscamps für „sensitivity“ und „awareness“. Wer das Wort „Individuum“ benutzt, weckt den Verdacht, gegen den heiligen Geist der Gruppe zu sündigen. In dieser „Schattenuniversität“ der Politischen Korrektheit ist die offene Diskussion freier Individuen längst durch Zensur, Einschüchterung und Indoktrination ersetzt worden. In der Vergangenheit diskriminierte Gruppen sollen durch positive Gegendiskriminierung Wiedergutmachung erfahren. Und weil Freiheit für die Politische Korrektheit ein Nullsummenspiel ist, müssen dafür die weißen Männer büßen. Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern zum Schweigen gebracht. Das ist der Sieg von Herbert Marcuse über John Stuart Mill.

Der Ungeist der Gruppe breitet sich vor allem in den Bildungsanstalten aus. An die Stelle von Humboldts „Einsamkeit und Freiheit“ ist dort längst das „soziale Lernen“ getreten. Systematisch betreibt die Gruppe an Schulen und Universitäten die Austreibung der Einsamkeitsfähigkeit. Unsere moderne Massendemokratie scheint prinzipiell schutzlos gegen diesen Konformismus zu sein. Sie überbetont die sozialen Tugenden der Kooperation und zerstört die nur im Privatleben entfaltbare Kultur der Einsamkeit dessen, der alleine für eine Sache kämpft. Einsamkeit ist nämlich der Preis der Freiheit und Einsamkeitsfähigkeit deshalb die Bedingung der Freiheit.

Mit Humboldts Geist der Einsamkeit und Freiheit hat auch die Wissenschaftspraxis an den Universitäten schon lange nichts mehr zu tun. Die weltweite Kollaboration der Wissenschaftler und ihr gemeinsames Werk der Weltobjektivation im Dienste zivilisatorischen Fortschritts bietet dem Menschen die Gelegenheit, seine Subjektivität zu vergessen. Die Wissenschaft ist längst in den Dienst des Gruppenkults getreten. Und an dem typischen Campus-Phänomen der Politischen Korrektheit kann man sehen, dass heute nicht mehr die Wissenschaft verfolgt wird, sondern sie selbst die Verfolgung des häretischen Geistes organisiert. Auch an Universitäten darf man heute dumm sein, aber man darf nicht von der Parteilinie abweichen.

Viele Professoren reagieren darauf mit innerer Emigration und/oder einer Flucht in die außeruniversitäre Reputation. Zumeist verwirklicht der Professor dann seine akademische Freiheit als Bockigkeit. Wäre es nicht an der Zeit, den Bund Freiheit der Wissenschaft zu rehabilitieren? Das Programm wäre einfach und klar: Freiheit von Forschung und Lehre. Oder noch einfacher und mit Humboldt: Einsamkeit und Freiheit. Daraus ergibt sich auch eine Antwort auf die Frage nach der gesellschaftlichen Funktion der Universität, nämlich: Geistesgegenwart bereit zu halten. Es geht nicht um Ausbildung, sondern um lebendigen Geist – das ist die Aktualität Humboldts.

Und damit sind wir schon bei der Frage: Was tun? Wir könnten uns hier von einer Paradoxie inspirieren lassen, die den politisch Korrekten ein Ärgernis und den Bildungsplanern eine Torheit ist: Je mehr Chancengleichheit wir für die Schüler und Studenten erreichen, desto deutlicher werden die Unterschiede in den Leistungsniveaus. Chancengleichheit macht Könner und Versager deutlicher, denn die Fähigkeit, Chancen zu nutzen, kann man nicht gleich verteilen. Daraus folgt aber, dass wir den Mut zur scharfen Selektion beim Zugang entwickeln müssen. Die Besten, nicht die Korrekten sollten zum Zug kommen ‒ und zwar sowohl beim Studium, als auch bei den Professuren. […]

„Der Staat als Leitstern der Bildung!“ – das war Nietzsches höhnische Formel für den Hass auf den Geist, für die Angst vor der Philosophie. Die Formel ist aktueller denn je; nur dass der Leitstern heute nicht mehr Preußen, sondern Brüssel heißt. Dort werden die Direktiven eines neuen Konformismus ausgegeben, der sich kurioserweise mit seinem Antonym benennt: Diversität. Für einen guten Europäer gibt es ja nichts Wertvolleres als die Meinungsfreiheit. Das Recht auf Meinungsfreiheit und Redefreiheit stellt aber gerade die abweichende Meinung, den Dissens, ins Zentrum der Freiheitsidee. Von dieser Einsicht ist die Elite der europäischen Politik unendlich weit entfernt. Abweichende Meinungen werden heute schärfer sanktioniert als abweichendes Verhalten. Diese Sanktionen laufen zumeist nicht über Diskussionen, sondern über Ausschluss.

Nun könnte man denken, dass ja immerhin noch die Gedanken frei sind. Aber es ist ein Irrtum, zu glauben, dass derjenige, dem man das Sprechen und Schreiben beschneidet, noch frei denken könne. Es gibt keine Freiheit des Denkens ohne die Möglichkeit einer öffentlichen Mitteilung des Gedachten. Und das gilt nicht nur für die wenigen Schreiber, sondern gerade auch für die vielen Leser. Gedankenfreiheit bedeutet für die meisten Menschen nämlich nur die Möglichkeit, zwischen einigen wenigen Ansichten zu wählen, die von einer kleinen Minderheit öffentlich Redender und Schreibender verbreitet worden sind. Deshalb zerstört das Zum-Schweigen-Bringen abweichender Meinungen die Gedankenfreiheit selbst.

In der massendemokratischen Öffentlichkeit können sich die Meinungen der Einzelnen kaum zur Geltung bringen. Umso stärker ist der Druck der öffentlichen Meinung auf den Einzelnen und sein Meinen. Aus Angst vor Isolation beobachtet man ständig die öffentliche Meinung. Und öffentlich heißt eben genau die Meinung, die man ohne Isolationsangst aussprechen kann. Wir fürchten also nicht, eine falsche Meinung zu haben, sondern mit ihr allein zu stehen. Die Isolationsangst regiert die Welt. […]

Aus Angst davor, sich mit der eigenen Meinung zu isolieren, beobachtet man ständig die öffentliche – was man so sagt und meint. Doch was man so sagt, ist zumeist die Meinung gut artikulierter Minderheiten. Mit anderen Worten: In der Mediendemokratie werden die Menschen durch eine Sprache versklavt, die als die unwiderrufliche der Mehrheit auftritt, in Wahrheit aber von gut organisierten Minderheiten geprägt wird. Die öffentliche Meinung verhilft also immer häufiger nicht der Majorität, sondern der Orthodoxie zum Ausdruck. Diese Orthodoxie heißt heute Politische Korrektheit.

Wohlgemerkt: Die Mehrheit kann durchaus abweichender Meinung sein, aber sie täuscht sich oft über die Mehrheit, denn niemand kann wissen, ob eine Meinungsäußerung der Ausdruck eines unabhängigen Urteils, einer Informationskaskade oder der Selbstzensur ist. Es fällt uns ja schwer, zu akzeptieren, dass wir unfähig sind, eine eigene Meinung zu Afghanistan, zur Präimplantationsdiagnostik oder zur Pflegeversicherung zu haben. Und deshalb sind wir anfällig für Propaganda ‒ die Meinung von der Stange. Es wäre naiv, von den Politikern mehr Zurückhaltung zu erwarten. Aber genau hier liegt eben die Verantwortung des echten Journalisten.

Wenn die öffentliche Meinung in unserer Gesellschaft gesprochen hat, bringt kaum mehr jemand den Mut zum Widerspruch auf. Ihr Druck ist so groß, dass gesetzlicher Zwang vielfach überflüssig wird. Und so breitet sich ein ewiger Friede des Intellekts aus. Niemand wagt es, einem unabhängigen Gedankenzug zu folgen. Deshalb gibt es auch keine großen Denker mehr. Abweichende Meinungen, die sich doch noch aus der Deckung wagen, werden sozial bestraft. Wie eh und je ergeht dann das Scherbengericht. Die soziale Intoleranz fügt heute zwar niemandem mehr körperlichen Schaden zu, aber wer anders denkt, muss seine Meinung maskieren oder auf Publizität verzichten. […]

Der moderne Konformismus des Denkens ist eine Konsequenz der Entmythologisierung, der Entzauberung der Welt – also eine Nebenwirkung der Aufklärung. Wir sagen, was man sagt, weil wir uns nicht mehr vom Gesetz, der Sitte und der Tradition getragen fühlen. Diese modernitätsspezifische Anomie führt also geradenwegs zu Konformismus: Die Emanzipation der Vernunft hat uns der öffentlichen Meinung versklavt. […]

Um uns diesen Konformismus schmackhaft zu machen, verkauft man ihn als sein Gegenteil: Individualisierung. Alle reden von Individualität, Diversität und Selbstverwirklichung ‒ und alle denken dasselbe. So entsteht der Konformismus des Andersseins. […]

Echter Nonkonformismus ist das Wesen der Philosophie, und die Frage „Was heißt denken?“ muss heute nach der Möglichkeit des Dissens fragen. Im Zentrum der Freiheit steht der Wert der abweichenden Meinung, die Freiheit zum ungestraften Dissens. […]In der Philosophie geht es um den Mut zur Wahrheit und die Freiheit, nein zu sagen. Dazu sind Tugenden erforderlich, die nicht zufällig sehr antiquiert klingen: Freimut und Redlichkeit, Leidenschaft und Enthusiasmus, vor allem aber auch Eigensinn. In den Parlamenten wird man danach genau so vergeblich suchen, wie in den Redaktionen und Fakultäten. Denn Karrierepläne vertragen sich heute nur schlecht mit diesen Tugenden. Deshalb müssen die Freunde der Wahrheit auf die Frechheit des Alters hoffen. Denn je älter man wird, desto mehr kann man riskieren.

Jedem Risiko liegt aber ein Kalkül zugrunde, und das unterscheidet riskantes Verhalten ganz wesentlich von Tollkühnheit. Das muss man im Auge behalten, wenn man die Formel „Mut zur Wahrheit“ konkretisieren will. Doch wie könnte ein Risikokalkül für den Mut zur Wahrheit aufgebaut sein? Wer etwas Lebenserfahrung und Menschenkenntnis hat, wird sich hier nicht täuschen lassen. Mut kann man nicht simulieren, und Feigheit kann man nicht dissimulieren. Aber Mut negiert nicht nur die Feigheit, sondern auch die Tollkühnheit, den Übermut. Wir müssen uns deshalb fragen, wann der Mut zur Wahrheit in Narrheit umschlägt.

Genau hier hat Leo Strauss angesetzt und die Geburt der Kunst des Schreibens aus der Not der politischen Verfolgung beschrieben. Wenn der Mut zur Wahrheit nicht auf das Schicksal des Märtyrers, des Blutzeugen der Wahrheit, reduziert werden soll, dann muss er durch die Kunst des Schreibens armiert werden. Das ist der gute Sinn der Esoterik als der Kunst des Schreibens zwischen den Zeilen. So faszinierend die Gleichung von Nonkonformismus und Tod in der Gestalt des Sokrates ewig bleiben wird – in einer politischen Philosophie geht sie nicht auf. Im Kampf gegen die Lüge und den Bullshit nutzt die Kunst des Schreibens die Möglichkeiten der Esoterik und Dissimulation. Und die großen Bücher, die diese Kunst des Schreibens hervorgebracht hat, senden nur eine Botschaft: Kehre um, du musst dein Leben ändern – oder doch wenigstens: dein Denken.


Die ganze Rede ist im Band „Die Jagd nach dem Glück“ zum Philosophicum Lech 2011 (Zsolnay, Frühjahr 2012) nachzulesen.