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MOLEcafé

Literatur

#07 2012 / Carolina Schutti

BABUSCHKA
Fang einfach an, sagte Maja,
so viele erste Sätze.

Es heißt nicht Babuschka, sondern Matrjoschka, sagte meine Großtante, die einzige Tante meines Vaters, dabei konnte sie gar kein Russisch. Sie hatte wohl recht, aber ich glaubte ihr nicht. Ich hatte meine Babuschka immer schon so genannt und sie vorsichtig geschüttelt und auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt und die kleinste genau untersucht, ob sie sich nicht auch öffnen ließe wie die anderen, durch einen geheimen Mechanismus, denn ich hatte nicht glauben können, irgendwann bei der letzten angekommen zu sein.

Nachts war ich oft wachgelegen und hatte meine Augen im Zimmer umherschweifen lassen, und ich hatte der großen Babuschka erzählt, wie das Haus von außen aussah und der Garten, das in die Breite gezogene Dorf, der Schatten, der sich mehr als das halbe Jahr auf den Großteil der Häuser legte. Vom Tal mit seinen waldigen Hängen erzählte ich, vom Nachthimmel, der sich fest darüber spannte. Es hatte mir Angst gemacht, dass mir niemand sagen konnte, was dahinter war. Aber vielleicht musste man nur die richtige Frage stellen, um eine Antwort zu erhalten. Die Babuschka schaute mich an mit ihren großen Augen und ich machte sie auf und nahm das kleinste Püppchen heraus, legte es zart in meine Hand, wiegte es hin und her, staunte, wie erwachsen es aussah.

Meine Babuschka war verloren gegangen, so machte man mich glauben, aber das war unmöglich. Ich hatte sie niemals mit nach draußen genommen. Vielleicht hatte meine Tante beschlossen, dass ich zu groß sei für Puppen und sie eines Tages auf dem Dachboden versteckt oder weggeworfen, vielleicht hatte sie das Gemurmel, das allabendlich aus meinem Zimmer drang, für beunruhigend gehalten. Ich habe nie gefragt.

Ich erzählte Marek von der Babuschka und er strich mir das Haar hinters Ohr und küsste mich auf die Stirn.

Moje kochanie, flüsterte er, und ich wusste, was das hieß, wenn ich auch kein Polnisch konnte und das Weißrussisch meiner ersten Jahre verloren gegangen war wie die Babuschka.

Marek hatte ein kleines Holzhaus mit einem verwilderten Garten. Er bot dem alten Walter Geld für die Gartenarbeit, aber mehr als ein paar Äste entfernte er nicht und Mähen war nicht möglich, da beim Zaun und um das Haus herum zu viel Gebüsch wucherte, so sagte Walter jedenfalls. Er ließ das Gebüsch stehen und kaufte sich Schnaps.

Marek trank keinen Schnaps, er trank nie. Trotzdem waren seine Augen manchmal rot, wenn er am Fenster saß und hinausschaute.

Sie seien nicht nacheinander gestorben, wie es sich gehört, hatte mir Marek einmal erzählt, sondern zuerst der Onkel, dann die Großmutter, dann starb Micha, sein Lieblingsneffe, er erhängte sich an einem Baum, an dem Baum, den der Großvater für den Onkel gepflanzt hatte. Über Mutter und Vater sprach er nicht, aber jeder wusste, was passiert war, nur hatte niemand eine Erklärung dafür, warum Marek als junger Mann ausgerechnet in dieses Dorf gezogen, warum er nach dem Krieg nicht nach Hause zurückgekehrt war.

Vergiss das alles wieder, hatte Marek dann gesagt und sich über die Augen gewischt, vergiss es. Ich habe es trotzdem nicht vergessen und fragte meine Tante, ob sie mir etwas über Marek sagen könne. Die Schattenseite ist schlecht, antwortete sie, und setzte nach, was mich das angehe. Ich fragte, warum stehen hier überhaupt Häuser, wenn die Schattenseite so schlecht ist, doch darauf bekam ich keine Antwort.

Der Schnee kam früh und blieb lang, im Hochsommer musste man sich schon um vier eine Wolljacke holen, wenn man draußen spielen wollte. Im Garten wuchsen nur Minze und Kamille, Schnittlauch und Dill. Das Gras, wenn man barfuß darüberlief, stach einem in die Fußsohlen, doch ich konnte mir weiches Gras gar nicht vorstellen. Oder nicht mehr. Als kleines Kind nämlich muss ich über weiches Gras gelaufen sein, ein Mal zumindest, denn nach Jahren gab mir die Tante ein Foto, das mich mit meiner Mutter in einem Park zeigte. Ich hatte ein kurzes, weißes Kleidchen an mit gestickten Blumen und einer handgekettelten Borte am Kragen, meine Mutter hatte mich an der Hand gefasst, lachte in die Kamera und hielt nicht still für das Foto, der Arm war so unscharf wie ihr Gesicht. Wir standen barfuß im Gras, ich sah verunsichert aus, meine Augen weit aufgerissen, meine Lippen ein offener Spalt.

Meine Tante wollte nicht, dass ich Marek besuchte, ich solle lieber mit den anderen Mädchen spielen, meinte sie. Oft tat ich so, als hätte ich den ganzen Nachmittag lang Fangen gespielt und Gummihüpfen, ich kniete mich auf dem Nachhauseweg in die Wiese und strich mit den Handflächen über feuchte Erde. Manchmal, wenn genug Zeit war, legte ich mich ins Gras und sah mir die Wolken an, die sich rosarot färbten, und wenn das Licht es zuließ, konnte ich unzählige kleine Insekten beobachten, die den Himmel bevölkerten und die Luft unruhig machten.

Es stimmt nicht, dass ich mich in ein Insekt verwandeln wollte und davonfliegen, denn ich wäre nicht weit gekommen. Und Tier wollte ich auch keines sein, obwohl es damals dazugehörte, ein Lieblingstier zu haben und alles darüber zu wissen.

Fini fragte mich nach der Schule, welches Tier ich denn gern wäre, und fügte in einem Atemzug hinzu, dass ich nicht antworten solle, sie wisse es, sicher ein Vogel – oder ein Engel, um zu meiner Mutter fliegen zu können. Ich wollte nicht zu meiner Mutter fliegen, denn unter der Erde war es eng und kalt, das hatte mir meine Tante gesagt und das glaubte ich ihr.

(...)

Als Marek starb, lebte ich nicht mehr im Dorf. Das Foto auf der Todesanzeige zeigt ihn als Fünfzigjährigen, ich weiß es so genau, weil das sein schönster Geburtstag gewesen war, weil das Foto auf einem schmalen Regal neben der Haustür stand, sein schönster Geburtstag, so hatte er jedenfalls gesagt. Fifty-fifty, hatte jemand mit weißem Lackstift an den unteren Rand geschrieben. Für hundert Jahre hat es nicht gereicht, sein Leben, aber wer kann schon sagen, wie viel Leben man mitbekommt. Meine Tante starb vor ihm, sie bekam dreiundachtzig Jahre, um das Grab muss sich niemand kümmern. Sie hatte eine Steinplatte bestellt und Jahre vor ihrem Tod selbst bezahlt, wer möchte, kann eine Kerze daraufstellen oder einen Blumenstrauß hinlegen, den die Sonne trocknet und den der Wind von der Grabplatte weht. Sie wusste, ich würde nicht wiederkommen.

Ich kam nicht wieder, ich konnte nicht, ich habe eine Matrjoschka bekommen, sie sieht meiner alten, meiner versteckten, meiner weggeworfenen Matrjoschka sehr ähnlich. Ich habe sie auseinandergenommen und alle Puppen nebeneinander aufgestellt. Auf die Bäuche sind Szenen aus Märchen gemalt, aber sie machen mich traurig, jetzt, wenn ich mich an sie erinnere. Mit meiner Mutter habe ich meine Sprache verloren, die Einschlafsätze, die Trostsätze, dieses Wogen und Wiegen der Worte, unsere Sprachinsel, auf der nur wir beide Platz hatten, auf der wir durch die Stadt trieben, zum Spielplatz, zum Bäcker. Kübel, Schaufeln und Semmeln, ich kann mich nicht erinnern, mit welchen deutschen Wörtern ich zu meiner Tante kam. Und jetzt: Trostsätze aus dem Wörterbuch, Trostsätze vom Band gesprochen, doch das Wiegen will sich nicht einstellen, die Sätze bleiben vergessen. Moi bednyj anjol, muss meine Mutter gesagt haben, moj bednyj anjol.

Ich drehe die Puppen um und lasse sie aus dem Fenster schauen, ihre Rücken sehen alle gleich aus. Hellblaue Blumen auf rotem Grund.

Wo sind meine ersten Sätze geblieben, frage ich mich, frage ich mich jetzt erst, wenige Jahre lang aufgeblüht zu einer ganzen Sprache und auf der Schattenseite wieder verkümmert, nicht einmal in Erinnerung geblieben, nicht in meiner jedenfalls.


Auszug aus dem ersten Kapitel des neuen Romans von Carolina Schutti: Einmal muss ich über weiches Gras gelaufen sein (Otto Müller Verlag, März 2012).