Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Architektur der Gesellschaft

#07 2012 / Julia Brugger

Das MOLEcafé #10 lockte am 25. Jänner über fünfzig ZuhörerInnen und MitdiskutantInnen in die Bäckerei. Das Thema „Architektur der Gesellschaft – Architektur im Spiegel von Generationen, Milieus, Kulturen“, stieß auf das größte Interesse seit Bestehen des MOLEcafés.

Sechs DiskutantInnen aus Wissenschaft und Praxis teilten sich das Podium, um sich aus verschiedenen Blickwinkeln an das spannungsreiche Thema anzunähern.

Georg Mahnke, Mitarbeiter des Gemeinschaftsbüros co:retis – projektpartner für nachhaltige entwicklung, eröffnete die Statementrunde und berichtete über ein im Jahr 2010 gemeinsam mit der Stadt Innsbruck und mit drei großen Wohnbauträgern umgesetztes Projekt. Hinter dem Titel „Gemeinsam Wohnen – Gemeinsam Leben“ verbirgt sich eine gemeinschaftsfördernde Arbeit, die von ihm begleitet und dokumentiert wurde. Ziel war es, die Menschen zu aktivieren und ihnen jene Werkzeuge an die Hand zu geben, um im eigenen Wohnumfeld mehr aufeinander zuzugehen und Spannungen zwischen Nachbarn, Kulturen und unterschiedlichen Altersstufen klären zu können. „Es geht darum, dass wir Menschen wieder in Beziehung miteinander bringen. Dabei spielt Bildung eine wesentliche Rolle“, so Mahnke. Das Ergebnis des umfassenden Projektes seien weiterhin anhaltende Treffen, Feste oder Zeitschriften, welche die Leute aus eigenem Engagement zur nachbarschaftlichen Pflege auf die Beine stellen. Zudem sei 2011 ein Handbuch erschienen, das die erarbeiteten Handlungsmöglichkeiten für ein besseres Zusammenleben vorstellt.

Einen ganz anderen Blickwinkel nahm der Bildungswissenschaftler Thomas Knapp ein. Er versuchte aus psychoanalytischer Sicht die Wirkung neuester architektonischer Entwicklungen in Innsbruck auf den Menschen zu analysieren. Während er einige Aufnahmen von Gebäuden zeigte, interpretierte er die Architektur dieser Bauten als Machtdemonstrationen, die seiner Meinung nach den Bürger/die Bürgerin unterwerfen und einschüchtern sollen. Leider verließ der Referent frühzeitig die Veranstaltung und stand somit nicht mehr bei der Diskussion für Fragen zur Verfügung. Seine Ansätze wurden sowohl vom Podium als auch von manchen ZuhörerInnen in Frage gestellt.


Forschung und Praxis

Sehr praxisnah präsentierte der Architekt Martin Mutschlechner, Gründer des Büros stadtlabor.org, seine umfangreiche Arbeit in Südtirol/Brixen, wo sein Team ein großes Regionalentwicklungsprojekt begleitet hat. Um einzelne Arbeitsschritte zu veranschaulichen, führte Martin Mutschlechner mit dem Publikum eine Stärken-Schwächen-Analyse bezogen auf die Kulturbäckerei durch. Auf einer Flipchart notiert, wurden sogleich neben Zufriedenheiten auch Spannungslinien unter den ZuhörerInnen ersichtlich. „Wer etwas verändern möchte, muss den Mut zur Veränderung haben“, so der Architekt. Um eine Stadt zu verändern, müsse sich in erster Linie auch die Bevölkerung verändern.

Silke Ötsch, Universitätsassistentin am Institut für Soziologie, bewegte sich auf sehr wissenschaftlicher Ebene und beleuchtete in ihrem Eingangsstatement die Architektur aus finanzsoziologischer Perspektive. Die studierte Architektin kritisierte, dass in Architekturstudien die Bildung im Hinblick auf die Finanzierung von Bauten viel zu kurz komme und erörterte im Anschluss die Wechselwirkung von Architektur und Finanzmärkten, vornehmlich am Beispiel USA und GB. Ihr Wissen basiert dabei auf eigenen umfangreichen wissenschaftlichen Recherchen und Arbeiten.

Zudem waren Markus Blösl, Interventionskünstler in Berlin, und Andreas Oberprantacher, Assistenz-Professor am Institut für Philosophie, als Diskutanten am Podium. Markus Blösl brachte sich mit der provokanten Frage ein, ob öffentliche Räume heute nicht lediglich auf Konsum reduziert würden und kritisiert eine Verquickung von städtischer Verwaltung mit Wirtschaft, genannt Public-Private-Partnership, die zu reinen Konsummeilen führen würden. Andreas Oberprantacher hielt sich dagegen sehr zurück. Er bemängelte das Fehlen begrifflicher Klarheit in der Diskussion sowie die Integration von „unsichtbaren Menschen“, also Menschen ohne oder mit prekären Aufenthaltsstatus in Tirol, die auch in Beteiligungsprozessen nicht berücksichtigt würden.


Ohne Richtung

Nach den vielschichtigen Anfangsstatements wurde die Diskussionsrunde eröffnet, wobei sich das Publikum als höchst interessiert und diskussionsfreudig zeigte. Nicht zuletzt wurde offensichtlich, dass die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte die Menschen auch heute noch sehr prägt, wie beispielsweise die wiederholte Kritik an der Vorgehensweise bezüglich der „Umgestaltung Adolf-Pichler-Platz“ zu Tage brachte. Allerdings wurde diese auch mit positiven und aktuellen Beispielen wie dem Wiltener Platzl konterkariert. Doch trotz reger Teilnahme fehlten der Diskussion leider Rahmen und Richtung. Zu weit war der Bogen gespannt, der von Finanzierung in den USA und Großbritannien bis zur konkreten Bürgerbeteiligung in Tirol reichte. Auch war die Ausgangsfrage zu unscharf, als dass man an einem Abend zu einem klaren Ergebnis oder Zwischenfazit kommen hätte können.

Da das Thema „Architektur der Gesellschaft“ auf großes Interesse stieß, wäre es durchaus interessant, die Veranstaltung erneut – jedoch pointierter und präzisierter – aufzusetzen. Ein klarer definierter Themenbereich sowie eine klare Ausgangsfrage, mit der sich alle Referenten im Voraus auseinandersetzen können und an der sich die anschließende Diskussion orientieren kann, wären gute Voraussetzungen dafür.