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Bierstindls Töchter … und Söhne

#07 2012 / Christine Frei

Eine handverlesene Gruppe von jungen Theaterbegeisterten hat sich in Eigeninitiative eine neue Heimat unter den Innsbrucker Bögen geschaffen. Als Referenz an ihre frühere Heimstatt Bierstindl will der Kulturverein Wozu Grenzen?! damit auch anderen Initiativen einen Platz für Proben und Auftritte bieten.

Noch ist die Website im Demozustand. Aber immerhin: die Aufführungstermine der eigenen Produktionen stehen schon da. Schnörkellos und selbstbewusst, in schönen schwarzen Lettern auf schneeweißem Hintergrund. Das Styling zieht sich durch. Von Website und Plakat bis hin zu Fassade und Innenraum. Dort freilich genau spiegelverkehrt, weiß auf schwarz, so wie eben die Lichtverhältnisse in einem Theater sind. Das durchdachte Erscheinungsbild ist ein Glücksfall. Einer von vielen.

„2011 war wirklich ein tolles Jahr“, erzählt Stephanie Senn, Frontfrau des Kulturvereins Wozu Grenzen?!. „Da hat sich so viel für uns aufgetan.“ Dabei sah es zu Jahresbeginn noch relativ trist aus. Mit der Schließung des Bierstindls stand der 2005 gegründete Verein – so wie alle anderen auch – plötzlich ohne feste Spielstätte und leistbaren Probenraum da. Glücklicherweise hatte sich die Gruppe schon zuvor nach einem eigenen Raum umgesehen und war unter den Bögen fündig geworden.
Doch bis sich die Gruppe der zuvor von Stadt und Land zugesagten Unterstützung sicher sein konnte, mussten sich Senn und ihre kongeniale Mitstreiterin Barbara Walder bei den zuständigen KulturbeamtInnen immer mal wieder freundlich, aber bestimmt in Erinnerung rufen. Als endlich die Grundfinanzierung gesichert war und die Baugenehmigung vorlag, blieben der eingeschworenen theaterbegeisterten Gruppe gerade mal ein paar Wochen Zeit für den Umbau. Parallel dazu liefen bereits die Proben für die Eröffnungsproduktion, Ephraim Kishons heiteres Trauerspiel Es war die Lerche, mit der der Verein bereits drei Abende nach der offiziellen Eröffnung des BogenTheaters am 25. Oktober seine erste Theatersaison einläutete. Soviel Eigeninitiative und Eigenleistung war denn auch der Kulturlandesrätin einen Einstandsapplaus wert. Tatsächlich will Wozu Grenzen?! auch anderen Gruppen die Möglichkeit geben, im BogenTheater zu proben und aufzutreten. Quasi zu Bierstindl-Konditionen. Denn ohne Förderung könne man sich als kleiner Verein die üblichen Theaterräume für Proben und Auftritte gar nicht leisten, weiß Senn.

Dass das neue Theater nun sogar über ein professionelles Erscheinungsbild verfügt, hat der Verein indes dem jungen Führungsteam einer alteingesessenen Innsbrucker Agentur zu verdanken, das sich neu auf die Fahnen geschrieben hat, einmal im Jahr ein wenig bis gar nicht bekanntes Kultur- oder Sozialprojekt mit eigener Arbeitsleistung zu unterstützen. Also ließen die WerberInnen ihre PraktikantInnen ausschwärmen, ein entsprechendes Projekt zu suchen. Und die bewiesen tatsächlich detektivischen Spürsinn. Für Wozu Grenzen?! eine weitere glückliche Fügung, denn die Agentur reservierte im Jänner gleich zwei Vorstellungsabende für deren Kunden und werkt im Hintergrund nach wie vor an der Fertigstellung der Website. Indessen wird schon wieder eifrig geprobt. Bis Mai will die bunt zusammengewürfelte Gruppe aus StudentInnen und schon Berufstätigen immerhin noch drei Theaterstücke realisieren. Auf Ephraim Kishons heiter-verqueren Romeo-und-Julia-Alptraum folgen nun im Abstand von nur wenigen Wochen Ionescos Unterrichtsstunde und Tschechows Heiratsantrag, bei dem Senn erstmals mit dem bekannten Flötisten und Komponisten Reza Najfar zusammenarbeiten wird, und schließlich mit Home von David Storey noch ein sozialkritisches Stück.
Zudem haben sich bereits mehrfach befreundete Theaterinitiativen und MusikerInnen mit eigenen Produktionen eingemietet. Und eben erst hat der erste Kindertheaterkurs Kids on the Scene begonnen.

Auch ein Blick auf Facebook zeigt: Die Fanbase des BogenTheaters wächst unermüdlich und lässt andere ebenfalls facebookaktive Theater mittlerweile schon etwas alt aussehen. Bierstindls Töchter und Söhne von Wozu Grenzen?! machen ihrer früheren Heimstatt in Sachen Vernetzung also alle Ehre.