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MOLEcafé

Eine eigentümliche Kritik

#07 2012 / Markus Penz

Kritik des Eigentums

Die weltweiten Proteste gegen ACTA (Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen) sollten nicht nur Datenschutz und Zensur zum Inhalt haben, sondern uns zu einer umfassenden Revision des Konzepts von Eigentum an sich bewegen.

Als lohnenswerte Lektüre zur philosophischen Dimension von Eigentum soll hier ironischerweise ein Gastkommentar des CDU-Abgeordneten Ansgar Heveling im Online-Handelsblatt vom 30.1. angeführt werden. Der beeindruckend reaktionäre Artikel verkündet in kämpferischem Ton: „Also, Bürger, auf zur Wacht! Es lohnt sich, unsere bürgerliche Gesellschaft auch im Netz zu verteidigen“, denn es geht um die bürgerlichen Werte „Freiheit, Demokratie und Eigentum“. Dass Eigentum gerade in dieser Kombination angeführt wird, mag verwundern bis empören, unleugbar wurde das Konzept von Eigentum aber mit all seinen Kehrseiten wie Geiz, Gier und Neid seit den Tagen der bürgerlichen Revolutionen mittels republikanischer Verfassungen, welche die Unantastbarkeit von Eigentum predigen, tief in unserer Gesellschaft verankert.
So tief, dass man schließlich der Idee verfiel, es sogar auf immaterielle Werke anzuwenden. Hevelin sieht dies als großen Gewinn, denn „[e]ndlich konnte man – unabhängig von Herkunft und Status – mit seines Geistes Schöpfung wirtschaftlich etwas anfangen“. Die Republik als Beschützerin des Eigentums trat umgehend mit Gesetzen in Aktion, um die somit rechtmäßigen EigentümerInnen von Schriftstücken, Tonaufnahmen, Filmdokumenten und Patenten vor finanziellen Einbußen zu schützen. Die allgemeine Verfügbarkeit von Computern und Internet schuf jedoch plötzlich einen virtuellen Raum, in dem Eigentum als solches nicht mehr existierte. Da sämtliche Informationen und Programme einfach und in beliebiger Zahl kopierbar waren, entstand eine Welt weitgehend frei von althergebrachten Schemata wie Herrschaft, Vermögen oder Besitz. Zwar wurde versucht, ihr mit Kopierschutzmechanismen und digitaler Rechteverwaltung die Regeln der alten Welt aufzuoktroyieren, das Prinzip der Reproduzierbarkeit ist jedoch ein technologisches Gesetz. Auch Hevelin weiß um die besondere Kultur der „Netzgemeinde“ und „digitalen Avantgarde“ und stellt sie der „bürgerlichen Gesellschaft“ gegenüber. Und so kann man Bestrebungen wie ACTA als einen Feldzug, angetrieben von den kommerziellen NutznießerInnen von traditionellen Wertvorstellungen, gegen eine Kultur verstehen, die es aufgrund technologischer Gnaden geschafft hat, den Fluch des Eigentums wenigstens zum Teil abzustreifen. Wir beobachten gleichzeitig, dass sich viele Menschen in dieser digitalen, herrschaftsfreien Welt offenbar wohler fühlen als in einer von ökonomischen Zwängen durchzogenen Umgebung. Ein Befreiungskampf aus diesem ideologischen Gefängnis ist also ein Kampf gegen Eigentum als zentrale Wertvorstellung. Und ein Kampf gegen ACTA kann ein erster Schritt in diese Richtung sein, vor allem wenn der Protest die Straße erreicht. – La beauté est dans la rue.