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MOLEcafé

Experimentelle Bilderflut und autopoetische Schönheit

#07 2012 / Barbara Pflanzner

Der Künstler Herwig Weiser lässt seine Skulpturen sich selbst entwickeln und stellt sie damit ins Spannungsfeld von skulpturaler Malerei und erweitertem Experimentalfilm.

Die skulpturalen Arbeiten Herwig Weisers erinnern an experimentelle Versuchsanordnungen. Sie sind das Resultat von fokussiertem Arbeiten, unzähligen Tests und Fehlversuchen, werden aufwändig geplant und unter der Mitwirkung von TechnikerInnen und WissenschaftlerInnen realisiert. Die Skulpturen leben von einem stetig voranschreitenden Zersetzungs- und Transformationsprozess. In der Installationsreihe Lucid Phantom Messenger beispielsweise bildet sich durch elektro-chemische Materialprozesse ein dynamisch skulpturales Bild aus. Seine Struktur ergibt sich über eine Art architektonisches Raster, in dem sich verflüssigte Farbrohstoffe befinden, darunter verschiedenste Metalle und kristallisierte Substanzen sowie Materialien, die für die Filmentwicklung eingesetzt werden. Über Strom und Ultraschall werden sodann chemische Vorgänge ausgelöst, die sich wiederum über eine gewisse Zeitspanne hinweg entwickeln. Sie formen sich schließlich zu dreidimensionalen Strukturen aus, die in ihrer Formgebung mit organischen Gebilden vergleichbar sind und die sich in einer Art farbenprächtigem „Action Painting“ ausdrücken. Diese „analogen skulpturalen Prozesse“ sind zwar gesteuert, entwickeln aber eine Autopoiesis – sie folgen ihren eigenen stetig veränderlichen Mechanismen. Die Arbeit bezeichnet Weiser als „erweiterten Experimentalfilm“, denn die Transformation und Progression der Skulptur inhärenten Prozesse kann einer filmischen Narration gleichgesetzt werden.

Installationen wie diese machten den 1969 in Innsbruck geborenen Künstler international bekannt. Für sein Schaffen erhielt er bereits mehrere Preise, darunter den Förderpreis für Bildende Kunst des Landes Tirol (2002) und das Staatsstipendium für Bildende Kunst (2012). Reduziert man diese Arbeiten rein auf ihr technisches Potenzial, begibt man sich auf den falschen Weg. Denn Weisers Intention liegt nicht in der künstlerischen Repräsentation von Wissenschaft und Technik. Letztere fungiert lediglich als Hilfsmittel, als funktionaler Teil des Ganzen, mit deren Hilfe die dynamischen Prozesse erforscht und die dem Apparativen eingeschriebene Funktionalität zugunsten einer künstlerischen Bearbeitung dekonstruiert wird – ähnlich einer aufgebrochenen „Black Box“, bei der das Innere sichtbar wird.

Bei der Installation Ambiguous Cut into Space of Conjecture, die aus der Beschäftigung mit dem Lucid Phantom Messenger entstand, setzt Weiser Ultraschall und Ultrasound ein, die im Zusammenspiel mit bestimmten Chemikalien und Licht unkalkulierbare Formen schaffen. Die hinter einer Glasscheibe eingeschlossenen chemischen Substanzen können sich nicht binden und werden unter Einfluss des Ultrasounds auf molekularer Ebene beinahe zur Sprengung gebracht. Die Maschine folgt sozusagen ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit, indem sie unvorhersehbare visuelle Konstellationen hervorruft und ausformt. Diese autonomen Prozesse werden mit Komplementärfarben angeleuchtet, die in so hoher Frequenz geschalten werden, dass unsere Wahrnehmung die Farben nicht mehr erfassen kann und das Gehirn eine eigene Farbe zusammenstellt. Die psycho-visuelle Erfassung jener Skulptur inhärenten Prozesse wird auf einer anderen Ebene ins Gegenteil verkehrt – denn die Arbeit ist eigentlich eine Soundskulptur, deren hochfrequenter „Sound“ vom Menschen akustisch nicht mehr wahrgenommen werden kann. Ist die „Black Box“ dieser Arbeit erst einmal aufgeknackt, werden zwar die Prozesse der Bildgenerierung sowie deren optische Variationsmöglichkeiten deutlich, ihr Sound bleibt den BetrachterInnen aber vorenthalten.
 
Die installativ-skulpturalen Werke verweisen in ihren performativen Materialprozessen auf das Medium Film, mit dem Herwig Weiser 1992 seine künstlerische Karriere an der Gerrit Rietveld Akademie Amsterdam und an der Kunsthochschule für Medien in Köln begonnen hatte. Schon in den 1990er Jahren schuf er eine Vielzahl an Filmarbeiten, die sich durch einen experimentellen Umgang mit filmischen Mitteln auszeichnen – darunter auch ein Video, das er zusammen mit der Künstlerin Rosa Barba für die Band Mouse on Mars geschaffen hatte. Allen Filmarbeiten ist gemeinsam, dass es sich um bewusst gesetzte Performances handelt, denen eine präzise Vorarbeit vorausgeht. Die Filme werden vorher händisch skizziert, mit Super-8- und 16mm-Filmkameras gedreht und teilweise digital nachbearbeitet.

Weiser bedient sich an Versatzstücken der Realität, die er durch Montage und Schnitt zu surrealen Geschichten zusammenfügt. Gegenstand seiner Arbeiten sind meist Orte und Gebäude naturalistischen und/oder futuristischen Anstrichs, die als kinematografischer Schauplatz fungieren. Die Filme knüpfen an Weisers Biografie an, denn seine Studienlaufbahn begann er ursprünglich mit dem Fach Architektur in Innsbruck. Bei einer Arbeit aus dem Jahr 1997 dient dem Künstler ein Rohbau als Bühne für seine Filmszene. Menschen in schwarzer Kleidung mit Halskragentrichtern bewegen sich suchend und tastend in einem mit Regenwasser angefüllten Keller. Die Abgebildeten kommunizieren nicht miteinander, es bleibt auch offen, was genau der Inhalt ihres  Treibens ist. Die Filme haben deswegen oft etwas Unheimliches, Geisterhaftes. Eine Filmarbeit aus dem Jahr 2011 nimmt das Motiv der Architektur und ihrer Relation zum Menschen in besonderer Weise auf. Als Referenz dient eine Skulptur aus  geometrischen Spiegelelementen auf dem Kopf des Protagonisten, der sich die Architektur gleichsam körperlich aneignet. In abwechselnd schnellen und langsamen Schnitten bewegt sich die Figur durch verschiedene architektonische Räume und verringert so die Distanz zwischen sich selbst und seiner Umgebung. In seinem aktuellsten Projekt arbeitete Weiser mit dem aus Tirol stammenden Musiker Philipp Quehenberger zusammen, der mit seinem kraftvollen Sound den Film zusätzlich mit Atmosphäre unterlegte.

In all seinen Filmarbeiten schöpft Herwig Weiser deren Möglichkeiten stets in experimenteller Weise aus und stellt bekannte filmische Muster und Traditionen zur Diskussion. Damit demonstriert er, dass das bereits als abgeschlossen vermutete Kapitel analoger Film seinen Charme durchaus noch nicht verloren hat.