Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Kulinarische Skihüttenklassiker verbannt!

#07 2012 / David Schreyer

Ausgejodelt - Wie und warum ein Skiberg vom Disney-Fieber auf Slow-Motion umgepolt wird.

Dem Himmel so nah wie auf einer Bergspitze ist der Mensch selten. Das Erreichen eines Gipfels ist in unseren Breiten trotzdem kaum einmal mit besonderen Erlebnissen verbunden. Wanderfreudige BergbesucherInnen erreichen den in Werbeheften so blumig beschriebenen Almboden mit einer angenehmen Gondelfahrt. Jedoch: Zwischen den alten Almen finden sie da und dort auch moosgrüne Pistenraupen-Garagen aus Wellblech und zum Himmel schreiende Schnapshütten vor.

Der Gast weiß, welches Programm hier im Winter läuft. Sein Verständnis für die absurde Situation wird sich trotzdem in Grenzen halten. Schließlich kam er ins Land der Berge, um die Unberührtheit der hochalpinen Landschaft zu erkunden, und dafür hat er bezahlt. Trotzdem, ein Erlebnis, das er so nicht haben wird. Freilich rechtfertigt der Winter, mit seinem samtenen Weiß die Cashcow der hiesigen Tourismusindustrie, das Zurückstufen der bewegungsfreudigen Sommerfrischler. Der Aufwand, den Seilbahnunternehmen betreiben, um ihre Funktion als Gästemagnet auszufüllen, wird von Jahr zu Jahr massiver. Dabei gelten die Anstrengungen fast ausschließlich dem Wintertourismus. Der Sommertourismus liegt brach, es geht offensichtlich auch ohne. Ein Ungleichgewicht, das nur selten zum Umdenken anregt.
Allerdings nicht in Mayrhofen, dort hat man erkannt, dass das Gebirge blutet, die Abfahrten ächzen. Der Vorstand der Mayrhofner Bergbahnen, eine sogenannte Doppelspitze bestehend aus Josef Reiter und Michael Rothleitner, verfolgt einen Masterplan. Dieser sieht einerseits vor, die Qualität des Urlaubs in ihrer Gemeinde zu heben. Problembereiche, etwa die für Gäste unzureichende Qualität der örtlichen Gastronomie oder lange Wartezeiten bei den Aufstiegshilfen, sollen ausgemerzt werden. Andererseits sollen die Sommermonate an Bedeutung gewinnen – auch, um die wirtschaftliche Dominanz der Wintermonate zu entschärfen. Man will nicht länger nur auf einem Bein stehen.

In Mayrhofen hat ein Entwicklungsprozess begonnen, dessen bauliche Umsetzung ich in den letzten beiden Jahren fotografisch dokumentiert habe. Der Prozess an sich hat aber bereits 2005 begonnen. Damals musste die alte Ahornbahn ersetzt werden. Das sehr kleine Skigebiet am Ahorn konnte die Investition in eine neue Bahn nicht rechtfertigen. Die Bergbahnen entschlossen sich, die neue Seilbahn trotzdem zu realisieren, nach Plänen von Architekt Antonius Lanzinger, weil sie daran glaubten, dass der Sommertourismus ein Faktor sein könnte. Eine Vielzahl von Wanderwegen und die fantastische Fernsicht sollten vermehrt Wandernde nach oben ziehen. Der Betreiber wurde belohnt. Heute besuchen an einem durchschnittlichen Tag im Sommer und Herbst überdurchschnittlich viele Gäste den Almboden. All dies ohne Vergnügungspark oder Achterbahn. Die Menschen besuchen nur den Berg. Nach Erreichen des Hochplateaus verteilen sie sich im gesamten Gebiet, steigen zur knapp 3.000m hohen Ahornspitze auf oder begnügen sich mit einer Almenwanderung.

Der nächste Schritt folgte im vergangenen Jahr. Abermals legte Antonius Lanzinger ein Konzept vor. Diesmal ging es um die Bereinigung des Almbodens, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Maschinisten der Bergbahn und die Installation einer hochalpinen Vorzeigegastronomie. Blechgaragen wurden demontiert, die entsprechenden Funktionen in einer großzügigen Werkstatt zusammengefasst. Diese befindet sich heute unter der Erde – der Berg konnte so von einigen Blechhütten befreit werden. Die für die Umsetzung nötige Baugrube wurde aus dem Fels gebrochen, das dabei gewonnene Material vor Ort zerkleinert und zu Beton verarbeitet. Zwar musste man am Ahorn die dafür nötige Infrastruktur installieren, doch konnten mit dieser Maßnahme dem Zillertal aberhunderte LKW-Fahrten erspart werden. Trotz aller Logik eine recht unorthodoxe Methode. Dass das Material direkt auf 2.000m hergestellt werden konnte, war im Übrigen mit ausschlaggebend, sich für Beton als Baustoff zu entscheiden.
Die MitarbeiterInnen der Bergbahn können heute die für den Winterdienst nötigen Pistengeräte in angenehmer, ordentlich beleuchteter und geheizter Umgebung bearbeiten. Die Arbeit am winterlichen Berg ist kräftezehrend und nicht ungefährlich. Erleichterungen werden vom Personal gerne in Kauf genommen. Ein gut geheizter Arbeitsplatz spart Kräfte.

Auf dem unterirdischen Werkstättentrakt steht, zwischen Ahornbahn-Bergstation und Abgrund, ein ebenso langer wie schmaler Riegel. Wie die zu Tage tretenden Teile des unterirdischen Bauwerkes wurde auch dieser aus mit schwarzen Pigmenten gefärbtem Beton ausgeführt und absorbiert so, ganz ähnlich wie die scharfzackigen Felswände des hinteren Zillertals, einen Großteil des Sonnenlichtes. Mit Glas gefüllte Einschnitte lassen viel Licht in den schmalen und langen Raum treten und ermöglichen ruhesuchenden BesucherInnen auf der einen Brückenseite Nebelschwaden, auf der anderen das Schwungrad des Schleppliftes zu beobachten. Der vielbeworbene Winterzirkus liegt vor dem Schokolade schlürfenden Zaungast. Und für ihn spielt er stunden-, tage-, wochenlang.
Schlichte Möblierung und natürliche Materialien in dezenten Farben füllen die harte Außenhaut mit einem weichen Kern. Dass der sogenannte „Freiraum“ bewirtschaftet wird, mag man erst auf den zweiten Blick erkennen. Der Betreiber, die Bergbahn selbst, verzichtet nämlich auf Konsumzwang. Auch lehnt sie sich gegen Traditionen auf und verbannt kulinarische Skihüttenklassiker wie Pommes Frites aus der Speisekarte. Feiner Wein und raffiniert Garniertes sollen zeigen, dass es ein Leben nach Dosengulasch und Aldi-Cola gibt. Der Langraum verfügt über ein offenes Feuer und hervorragende akustische Qualitäten, Attribute, die das äußerst stimmige Raumklima ergänzen und durchaus praktisch gedacht sind: Das Feuer kann zum Kochen dienen, die Akustik hervorragende MusikerInnen samt Zuhörerschaft beglücken. Beobachtet man die BesucherInnen des Freiraums und lauscht man ihren Gesprächen, so kann man schnell erkennen, dass der Horizont unserer Gäste oft weiter reicht als jener diverser Tourismusgurus. Und für manche erstaunlich: TouristInnen schätzen die Möglichkeit, am Berg verweilen zu können, ohne dabei von Frittenfett und vulgären Hüttenhits penetriert zu werden.

Im Herbst 2011 wurde das von Architekt Antonius Lanzinger und den Mayrhofner Bergbahnen realisierte Bauwerk mit dem Bauherrenpreis der Zentralvereinigung der Architektinnen und Architekten Österreichs ausgezeichnet. Für die aus Architektin Eva Rubin, Architekturkritiker Otto Kapfinger und Architekt Jurij Sadar bestehende Jury war es eine eindeutige Entscheidung. Wohl auch, weil sie, wie viele, darauf hofft, dass der Freiraum am Ahorn einen Umdenkprozess in der Tourismusbranche einleitet.