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Kunst braucht Innovation

#07 2012 / Christoph Tauber

Die Initiative Kunst hat Recht von Kunstschaffenden in Österreich tritt für eine Verstärkung des Urheberrechts ein. Ob dies für die KünstlerInnen selber tatsächlich sinnvoll ist, darüber scheiden sich die Geister. Denn „mehr Recht“ ist vielleicht gar nicht unbedingt notwendig, sondern einfach mehr Innovation bei den Rechteverwaltern.

Die Liste der InitiatorInnen von Kunst hat Recht liest sich wie eine Liste des Who’s Who der KünstlerInnen in Österreich: Hubert von Goisern, Sabine Gruber, Joesi Prokopetz, Valie Export, Willi Resetarits, Barbara Neuwirth, um nur einige zu nennen. Das Ziel der Initiative ist ein hehres: Sie will das Überleben von KünstlerInnen in Österreich sichern, denn KünstlerInnen seien „durch den drastischen Rückgang der Vergütungseinnahmen“ in ihrer Existenz bedroht, wie es in dem Forderungskatalog heißt. Das Einkommen von KünstlerInnen in Österreich liegt, wie eine Studie des Bundesministeriums für Kunst und Kultur vor einigen Jahren zeigt, durchwegs an der unteren Grenze, die Armutsgefährdung sei daher groß. Über den Weg, die die Initiative vorschlägt, lässt sich jedoch streiten.

Gefordert werden eine zeitgemäße Anpassung des Urheberrechts und ein wirksames Instrument der Rechtsdurchsetzung bei Urheberrechtsverstößen; sprich: Internetprovider sollen verpflichtet werden, bei Urheberrechtsverstößen Auskunft zu erteilen. Weiters soll die Leerkasetten- und Reprographievergütung auf elektronische Speichermedien wie Computerfestplatten ausgedehnt werden. InternetnutzerInnen, die Urheberrechtsverstöße begehen, sollen zunächst gewarnt werden, bevor härtere Maßnahmen gesetzt werden. Härtere Schritte? Etwa Netzsperren, wie sie in Frankreich bereits seit 2009 möglich sind?

Felix Stalder vom Wiener World-Information Institute bezweifelt die Vorteile eines stärkeren Urheberrechts. Einerseits würden die Kosten für die Durchsetzung des Urheberrechts steigen und zweitens wäre es der Tod für viele kleine, innovative und unabhängige KünstlerInnen in Österreich, wie er in seinem Artikel mit dem programmatischen Titel Relax! erklärt. Denn viele Verleger verlangen von den AutorInnen und KünstlerInnen alle rechtlichen Risiken bei verwendetem Material zu übernehmen und deshalb, so Stalder, würden viele Projekte gar nicht erst in Angriff genommen. Außerdem zeige sich bei näherer Betrachtung der tatsächlichen Situation von KünstlerInnen in Österreich, dass ohnehin nur die wenigsten allein von den Tantiemen aus der Verwertung ihrer Rechtsansprüche leben können, Armutsgefährdung und niedriger Lebensstandard von KünstlerInnen würden also nicht primär von einem zu weichen Urheberrecht verursacht.

Urheberrecht heute: viel für wenige, wenig für viele
Die Initiatoren müssen sich daher die Frage wohl gefallen lassen, ob sie mit ihrer Initiative nicht zu bloßen Erfüllungsgehilfen werden für finanzstarke Verlage und der Musikindustrie. Denn dass ein stärkeres Urheberrecht KünstlerInnen nützt und für bessere ökonomische Bedingungen für die Kunstschaffenden in Österreich sorgt, ist nicht so augenscheinlich, wie oft dargestellt wird. Sieht man sich in den Jahresberichten der Verwertungsgesellschaften in Österreich um und überprüft, wem wie viel ausbezahlt wird, so zeigt sich, dass den allermeisten AutorInnen, MusikerInnen und KünstlerInnen maximal Beträge zwischen 1.000 und 2.000 Euro pro Jahr ausbezahlt werden. Diejenigen, die pro Jahr mehr als 100.000 Euro von den Verwertungsgesellschaften erhalten, kann man an einer Hand abzählen. Diese durch die Bank geringen Beträge werden sicherlich nicht auf Grund eines zu laxen Urheberrechts und Produktpiraterie oder Ähnlichem ausbezahlt, sondern einfach deshalb, weil die Unternehmen (Verlage, Musikunternehmen, Film) schlichtweg nicht bereit sind, mehr an Tantiemen zu bezahlen. Die Argumente der
sogleich gegründeten Gegeninitiative zu Kunst hat Recht, Mehr Rechte gegen die Kunst, der neben Felix Stalder u.a. auch Konrad Becker vom World-Information Institute und Marina Grzinic, Professorin an der Akademie der bildenden Künste, angehören, kann man vor diesem Hintergrund wohl auch durchaus verstehen. In ihrem Kommentar im Standard heißt es, dass die „innovativsten Ausdrucksformen der Kultur der letzten Jahrzehnte […] von der Verhinderungskultur
der Copyrightkartelle in die Unsichtbarkeit getrieben werden.“

Land der DichterInnen und DenkerInnen, auch ohne Urheberrecht
Ein Beispiel aus der Vergangenheit zeigt, dass ein fehlendes Urheberrecht nicht unbedingt den Tod von Kunst und Kultur bedeuten muss. Geht man einen Schritt zurück in der Geschichte, so zeigt sich, dass AutorInnen im Gebiet des heutigen Deutschlands und Österreichs, in der Zeit bevor das Urheberrecht überhaupt rechtlich verankert wurde, einerseits mehr verdient haben und andererseits beispielsweise auch mehr Bücher im Umlauf waren. Wie der Wissenschaftsjurist Eckhard Höffner unlängst auf einer Tagung an der Universität Innsbruck gezeigt hat, stieg die Zahl der Erstveröffentlichung von Druckwerken in den deutschen Landen bis zur Einführung des Urheberrechtes stetig an. Im Vergleich zu Großbritannien, wo das Copyright schon seit 1710 galt, gab es in Deutschland um 1820 fünf- bis zehnmal so viele Neuerscheinungen wie in Großbritannien.
Mit Einführung des Urheberrechtes (1837 in Preußen) brach in Deutschland die Zahl der Neuerscheinungen dann auch ein. Und es sank auch das durchschnittliche Einkommen der AutorInnen, das vor der Einführung des Urheberrechtes im Vergleich zu Großbritannien bedeutend höher war. Nachdrucker, also jene Menschen, wogegen das Urheberrecht ankämpft, hatten, so Höffner, nur dann eine Chance, wenn der Verleger eine Marktlücke offenließ. Innovationen durch die Verleger wurden so gefördert.
Natürlich kann dieses historische Beispiel nur bedingt auf die aktuellen Gegebenheiten angewandt werden, doch zeigt es, dass es prinzipiell auch ohne strenges Urheberrecht geht. Ein strenges Urheberrecht sorgt nämlich auch – und das wird in der aktuellen Diskussion um eine Verschärfung des Urheberrechtes oft vergessen – für höhere Kosten, um es zu kontrollieren und zu sanktionieren, wie Felix Stalder schreibt. Ein strenges Urheberrecht sei für viele Formen der kulturellen Produktion nicht einmal notwendig, sondern eher hinderlich.

Eine Verschärfung des Urheberrechtes ist ungefähr so, als wolle man mit einer Dampfmaschine aus dem 19. Jahrhundert einen Sportwagen des 21. Jahrhunderts ausstatten. Die ungeklärten Fragen der Künstlerfinanzierung löst sie nicht. Probleme im Internet sind nur im Internet selbst zu lösen, wie beispielsweise durch akzeptable Onlineangebote, nicht jedoch durch ein schärferes Urheberrecht. Was es braucht, ist ein Bewusstseinswandel in der Bevölkerung. Denn Kunst hat Wert. Und die Gesellschaft sollte bereit sein, dafür zu zahlen. – Auf welche Art und Weise, darüber lässt sich wohl streiten.