Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Raus aus der Konserve

Früher war alles besser und die Jugend von heute. Wer sich die Entwicklung der Haller Kulturszene in den letzten 20 Jahren ansieht, kommt nur schwer umhin, keine stereotypen Allgemeinplätze zu bedienen oder nicht in verklärende Nostalgie zu verfallen. Tatsächlich hat die Kleinstadt bei Innsbruck viel von ihrer Lebendigkeit verloren. Nun regen sich Widerstände, das ehemalige Kulturzentrum in den Dornröschenschlaf zu verabschieden.

Für eine 13.000-Einwohner-Stadt hat Hall nach wie vor ein durchaus vielfältiges Kunst- und Kulturangebot vorzuweisen. Das Kulturlabor Stromboli etwa zählt zu den vielfältigsten Veranstaltungszentren in Tirol, welches neben regionalen Produkten auch wahre Größen der deutschsprachigen Musik- und Literaturlandschaft in die Kleinstadt zu locken vermag: Die damals noch blutjunge Soap & Skin trat bei einem legendären Konzert vor 30 BesucherInnen ebenso im Stromboli auf wie Kreisky oder Ja, Panik. Sibylle Lewitscharoff, Daniel Glattauer oder Thomas Hettche hingegen sprechen für das Niveau des Literaturangebots. Die Galerie St. Barbara und musik+ decken nach wie vor sehr erfolgreich die Sparte der so genannten E-Musik ab, im Lobkowitzgebäude siedeln diverse Theatergruppen und das jährliche Literaturfestival Sprachsalz eroberte sich einen fixen Platz im österreichischen Literaturkalender.

Doch die leitenden Persönlichkeiten der künstlerischen Szene sind seit einer gefühlten Ewigkeit nahezu dieselben. Vielfach sind es diejenigen, die in den frühen 1990er Jahren wichtige Pionierarbeit leisteten und dafür verantwortlich sind, dass überhaupt Raum für Kunst, abseits von Musikkapelle und Krippenverein, geschaffen werden konnte. „Raus aus der Konserve!“, lautete das kämpferische Motto des ersten alternativen Stadtfestes im Jahre 1989, das heute als ein Gründungszeugnis der alternativen Szene in Hall angesehen werden kann. Mittlerweile wären die Pioniere von einst wohl selbst froh, wenn eine aufbegehrende Jugend an ihren Sesseln rütteln würde. Denn die Kunstszene vermisst potentielle NachfolgerInnen. Veranstaltungen sind zunehmend schwach besucht und erreichen teilweise einen Altersdurchschnitt auf Staatsopern-Niveau. Zudem hat man seit einigen Jahren mit den Schließungen gleich mehrerer Cafés zu kämpfen, die als wichtige Treffpunkte für die Haller Szene gedient haben. Die kultverdächtige Absteige Evergreen hatte mit ganzjähriger Weihnachtsdeko und anderen Geschmacklosigkeiten zwar einen sehr eigenwilligen 70er-Jahre-Charme, aber zumindest bis in die Morgenstunden geöffnet; sie schloss ebenso ihre Pforten wie das tagsüber zum Treffpunkt avancierte Café Espresso und schließlich auch das Abendcafé Farbton, mit dem sich ein Stück Haller Selbstverständnis verabschiedete.
Die Wände des Cafés zierten dutzende Portraitfotografien Haller Persönlichkeiten – Kreative, PolitikerInnen und LebenskünstlerInnen. Wer jedoch vor wenigen Jahren noch über die verklärende Selbststilisierung Halls zur alternativen Idylle geätzt hat, trauert heute über die Eintönigkeit einer zunehmend gesichtslosen Stadt. Lieber ein mythisierender Charakter, an dem man sich zumindest oppositionell abarbeiten kann, als gar keiner.
Die Ursachen für dieses Ausdörren sind unklar, denn gerade in der überschaubaren Kleinstadt bieten sich viele Möglichkeiten, schnell im kulturellen Leben Fuß zu fassen. Aus dem vermeintlichen Manko des fehlenden urbanen Flairs konnte man in Hall vielfach auch einen Vorteil kreieren: Im Abseits des großen Weltgeschehens und des auf Image und Profit gebürsteten Kunstmarktes öffnet sich ein Raum der, im besten Sinne des Wortes, dilettantischen Partizipation.

Dieser Raum war jahrelang verwaist, seit Ende letzten Jahres versucht ihn aber die Projektreihe KUNSTtransPORT wieder zu bespielen. Die von Johanna Huter und Johannes Bodner kuratierte Veranstaltungsreihe findet seit Dezember 2011 vierteljährlich im Haller Lobkowitzgebäude statt. Das Thema Raum wird in den KUNSTtransPORT-Veranstaltungen dabei auf mehreren Ebenen verhandelt. Die Auseinandersetzung mit dem konkreten geographischen Ort spielt für die VeranstalterInnen eine wichtige Rolle: Ihnen geht es um die Herstellung einer „künstlerischen Nahversorgung“ in einer Stadt, die zu wenig in ihren kreativen Nachwuchs investiert. „Unser Ziel ist es, Kostproben der jungen Kunstszene regelmäßig nach Hall zu verfrachten, um Grenzen zu überschreiten und auch jungen Menschen wieder die Möglichkeit zur kulturellen Auseinandersetzung zu liefern“, erzählen Johanna Huter und Johannes Bodner. Grenzüberschreitung kann dabei als geographisches, aber auch inhaltliches Prinzip verstanden werden: „Die große Spalte zwischen verschiedenen Kunstrichtungen, die oft auch milieu- oder altersbedingt konstruiert ist, wollten wir versuchen zu überbrücken und die Möglichkeit schaffen, sich mit unterschiedlichen Formen von Kunst sowie unterschiedlichen RezipientInnen an einem Abend auseinanderzusetzen.“ Dementsprechend vielschichtig gestalten sich die intermedialen Abende im Lobkowitzgebäude: von Performance über Ausstellung bis hin zu Musik. Die vornehmlich als Theater genutzte Location verwandelt KUNSTtransPORT so in einen Ort der fließenden Übergänge. Selbst die Toilette wurde bei der ersten Ausgabe am 3. Dezember zur Bühne – über Lautsprecher waren am plötzlich nicht mehr stillen Örtchen Texte der Innsbrucker Autoren Stefan Abermann und Martin Fritz zu hören.
In Zukunft wollen die beiden VeranstalterInnen vermehrt mit Jugendlichen aus der Region arbeiten. „Ab dem nächsten Termin gibt es in Form von Workshops unter künstlerischer Leitung, welche wir in Kooperation mit Haller Schulen gestalten, die Möglichkeit, selbst Dinge auszuprobieren und die je eigens erarbeiteten Projekte beim darauffolgenden Termin auszustellen oder zu präsentieren.“ Der nächste KUNSTtransPORT findet am 24. März wie gewohnt im Lobkowitzgebäude statt. Thema: Translation.

Das Haller Kulturlabor Stromboli setzt übrigens auch auf das Konzept der offenen Bühne: Jeden dritten Freitag im Monat findet ab sofort eine offene Jam Session unter dem Motto „frei:play sound.date“ im Stromboli statt. Also: Raus aus der Konserve und rauf auf die Bühne!