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"We got our thing, but it's just part of the big thing."

Eine Annährerung an The Wire und Dezentralität

Die Fernsehserie The Wire, die zwischen 2002 und 2008 vom US-amerikanischen Bezahlsender HBO ausgestrahlt wurde, gilt vielen als beste und interessanteste Serie der Fernsehgeschichte. Trotzdem ist sie hierzulande weitgehend unbekannt. The Wire erzählt von einer Stadt, Baltimore, und von der Komplexität dieser Welt, davon wie Strukturen und nicht Individuen wirkmächtig und bestimmend sind. Am Beispiel verschiedener gesellschaftlicher Teilsysteme wie der Polizei, dem Drogenmilieu, den Hafenarbeitern, dem Schulsystem, dem Zeitungswesen oder der Lokalpolitik wird gezeigt, wie jedes seinen eigenen intrinsischen Regeln und Codes folgt und dennoch alle unauflösbar miteinander verknüpft sind.

Ganz allgemein sind bestimmte Fernsehserien unserer Meinung nach für unterschiedliche  intensive Beschäftigungen und Analysen besonders geeignet, da in fiktionalen Welten Konflikte aus der "realen" Gesellschaft neu aufgebaut, verhandelt und diskutiert werden können. Vielleicht kann die Serie The Wire – so die These – zum Verständnis der aktuellen Schuldenkrise beitragen, bei der ebenfalls der Eindruck entstehen kann, dass sie ohne eindeutig benennbare zentrale Schuldige ausgelöst wurde und durch ein überkomplexes, ebenfalls von niemandem mehr kontrolliertes, sich eigenmächtig verhaltendes Finanzsystem gesteuert wird.

Wie kann man sich einer solchen fiktionalen Welt hoch komplexer Machtsysteme nähern? Unsere Form wird das Gespräch sein, das – wie The Wire – gleichsam ohne Anfang und ohne Ende den Blick auf ein de-zentriertes Konstrukt wirft und auf diesem Weg versucht, sowohl der Serie als auch der in ihr beschriebenen Welt gerecht zu werden. 


Max Söllner (MS): Sollen wir mit einer Frage beginnen?

Carmen Sulzenbacher (CS): Ja, das war jetzt ja schon eine. 

MS: Stimmt. Ich meine: Warum wollen wir uns überhaupt so intensiv mit "nur" einer Fernsehserie beschäftigen?

Martin Fritz (MF): Für mich ist die Antwort darauf, dass die Beschäftigung mit Wire deshalb so wichtig und ergiebig ist, weil Wire viel darüber zu erzählen weiß, wie komplexe Systeme, also die Welt, die uns umgibt, funktionieren.

MS: Du sagst es. und vor allem hab ich das Gefühl, dass sie auch die ZuseherInnen ernst nimmt. Sie fordert. Etwas von ihnen verlangt. Was ja im Fernsehen sonst kaum üblich ist.

CS: Also Fernsehserien eignen sich meiner Meinung nach sehr gut für alle möglichen intensiveren Beschäftigungen und Analysen, weil dort in fiktionalen Welten Konflikte aus der "realen" Gesellschaft neu aufgebaut, verhandelt und diskutiert werden können.

MS: Kann man daher sagen, dass es zuerst einmal ein gefühlter Mangel in Bezug auf die Beschreibungselemente, die wir für die "reale" Welt haben, ist, der uns zu den Serien im Allgemeinen hinzieht?

MF: Eher ein Überfluss. Die Welt ist ja irgendwie alles und noch komplexer und Serien reduzieren das auf ein Maß, das gerade noch sinnvoll und erträglich ist.

MS: Spannender Gedanke, dass es eigentlich der Überfluss ist. Und dennoch fühle ich zumindest auch einen Mangel.

CS: Wie, Mangel?

MF: Ja, aus dem Überfluss kommt ja der Mangel an Übersicht, oder wie immer man das nennen will. Mangel an einer Erzählung, die einleuchtet.

MS: Mit Mangel meine ich vielleicht, dass mir die Ernsthaftigkeit fehlt, die Wire doch ausstrahlt, im Sinn von: Die Welt ist kompliziert, deshalb wird es auch diese Serie sein, also strengt euch an. Während sonst viel – Journalismus, Sachbücher, zunehmend auch Wissenschaft – leicht verständlich und vermittelbar sein muss. 

MF: Und da ist vielleicht auch der Punkt, wo Wire nochmal anders und in dem Sinn besser ist als andere Serien. Ich glaube ja, das liegt daran, dass Wire nicht an den Figuren, sondern an den Institutionen ansetzt.

CS: Ja, das ist ein spannender Punkt, der die Serie auszeichnet: Es geht ums große Ganze bzw. es wird aufgezeigt, dass alles miteinander zusammenhängt und wie es das tut. Ich meine etwa den Geldfluss – das "Drogengeschäft" ist eben nicht nur im "Drogenmilieu" "daheim", sondern kontrolliert das gesamt Wirtschafts- und Politiksystem, oder anders: Das Geld kontrolliert nicht (im aktiven Sinn).

MS: Theoretisch gesprochen heißt das ja, dass man die Mitte vor allem von den Rändern aus gut verstehen kann. Von dem was "verdrängt" wird, was nicht sein darf, aber dennoch ist. Das könnte man das Andere, das Unbewusste, das Ausgeschlossene etc.einer Gesellschaft nennen. Seht ihr das auch so?

MF: Nicht ganz. Ich denke da mehr, dass Wire zeigt, dass eben das Andere auch ein Teil der Gesellschaft ist, und wie. Also jeder Teil der Gesellschaft ist allen anderen Teilen der Gesellschaft ein Anderes, oder ein Anderer. Und wenn die Teile dann doch miteinander kommunizieren oder sich beeinflussen wollen, dann um den Preis, dass sie sich meistens nicht verstehen.

MS: Da höre ich schon die verschiedenen theoretischen Ansätze heraus. Auch das Drogenmilieu ist kein ganz "Anderes", und Wire zeigt die Verflechtungen ja sehr gut. Dennoch glaube ich schon, dass dieses "System" einen anderen Charakter zumindest zugesprochen bekommt als andere. 

MF: Die Frage ist ja: Von wem zugesprochen?

MS: Hmm… Von "dominanten" Systemen, wie Politik oder Wirtschaft.

MF: Nur ist das halt auch nur dominant für das, wofür es dominant ist. Auch wenn das pleonastisch klingt, ist das wichtig. Das zeigt Wire ja so gut, dass Politik und Wirtschaft sich viel ausdenken können, wie sie Baltimore irgendwie anders und besser machen können, aber die Handlungen, die sie setzen, zeigen übersetzt auf das Subsystem (um mal explizit systemtheoretisches Vokabular zu benützen) wieder ganz andere Auswirkungen als jene, die intendiert waren.

CS: Also jedes Subsystem (um mich auch in der Sprache zu üben) funktioniert nach eigenen Gesetzen und Regeln und daher klappt es eben nicht, wenn ein anderes Subsystem von außen kommt und da herumwurschteln will.

MF: Ja. Es hat eben jedes Subsystem seine eigenen internen Gesetze, nach denen es alles von außen kommende behandelt. Und der Witz ist, kein Subsystem ist irgendwie privilegierter in dem Sinn, dass es mehr Recht hat. "Recht haben" funktioniert immer nur in einem System, nicht absolut. Und Systeme sind eben stärker als Menschen. Das zeigt Wire auch ganz stark. Die Systeme wollen eigentlich ja nichts, außer sich zu reproduzieren.

MS: Dieser Analyse stimme ich zu, und dennoch muss ich ein wenig widersprechen: Denn aus der Serienlogik gesprochen wird nicht nur beschrieben, sondern - finde ich - auch gewertet; Was nicht funktioniert, was besser funktionieren könnte, etwa wenn man Drogen legalisieren würde etc. oder wenn das "Stat Game" aufhören würde, also die einseitige Bewertung gesellschaftlicher Bereiche nur nach angeblich objektivierten Zahlen und Fakten. Und ich wage die These, dass das große Interesse an Wire auch daher rührt, dass diese eigentlich politischen Lösungsvorschläge verhandelt werden. Natürlich nicht im Sinn von: Hier ist die Lösung. Sondern: Alternativen aufzeigen und sogar durchspielen; das kann die "Realität" ja nicht.

CS: Hm, ja ist ein Punkt, aber dennoch teile ich den nicht ganz - ich sehe das nicht so, dass in Wire bestimmte Subsysteme als besser funktionierend dargestellt werden als andere.

MF: Eh nicht manche Subsysteme, aber manche Moves. Aber auch die nicht in Form der uns ja seit tausenden Jahren bekannten Erzählung "Autonomes Subjekt xy denkt sich was zu tun ist und tut es dann", sondern es ist eben alles schwieriger, verworrener, und am Ende kommt irgendwas raus ohne dass es jemandes Intention gewesen sein muss.

MS:In diesem Zusammenhang verabschiedet Wire etwas Serienheiliges: das autonom handelnde Subjekt, das seine Welt  gestaltet oder auch scheitert; das finde ich so angenehm und auch theoretisch spannend. Dafür legt es den Fokus auf etwas, worüber wir auch reden sollten: den Realismus-Anspruch. Eigentlich ein Widerspruch in sich, es ist ja Kunst und Fiktion. Dennoch nimmt die Serie den  Anspruch sehr ernst, auch in den Stilmitteln und Erzähltechniken, zum Beispiel die Sprache im Dialekt, die Originalschauplätze, die SchauspielerInnen, die teilweise aus dem Milieu kommen etc.

CS: Ja das (das Ende der großen Erzählung, das Ende vom souveränen Subjekt) ist ein großer und wie ich finde sehr wichtiger Punkt, vor allem wenn ich mich der Serie aus poststrukturalistischer Perspektive nähere.

MF: Das Programm Realismus ist ja immer sehr artifiziell, wenn es gut ist. Aber was damit genau gemeint ist, ist eben die Frage. Ist Realismus ein möglichst gutes Entsprechen einer erzählten Welt mit einer "realen" Welt? Und wozu sollte das gut sein? Die reale Welt gibt es ja schon und die erzählte Welt hat den oben erwähnten Vorteil der Komplexitätsreduktion.

MS: Also wäre Realismus so was die die Fiktion von Realität? Das würde für mich Sinn ergeben. 

MF: Für mich auch. Ich denke Realismus kriegt die Realität sozusagen schärfer als einfach so normale Wahrnehmung von "echtem Leben". Deshalb auch das uns allen bekannte häufige Gefühl "Aja, da gibt es eine Szene bei Wire, die erklärt, was hier eigentlich gerade abläuft"

MS: Ich hab auch das Gefühl dass die Serie für mich manchmal eine Art Orientierungsfunktion hat. Wie Serien überhaupt. Gerade vielleicht für eine gewisse Schicht junger Menschen. Da geht es nicht nur um Unterhaltung.

CS: Dass die Serie so "realistisch" sei, ist ja auch ein großer Pluspunkt, der ihr von außen gern zugeschrieben wird. Wie Martin schon geschrieben hat ergeben sich daher Effekte wie "leichter nachvollziehbar" etc. Oder der große Aha-Effekt: "Wow, und so hängt alles miteinander zusammen, das Geld von hier geht nach da, damit dort derjenige Präsident wird".

MF: Und da ist der große Kritikpunkt aus meiner Sicht an Wire: so bisher zusammengefasst erzählt Wire mir im Großen und Ganzen, dass alles irgendwie sehr komplex zusammenhängt und einzelne Akteure nach oben und nach unten nicht im Griff haben, wie ihre Handlungen sich auswirken.

CS: Und dennoch (oder deshalb?) werden auch sogenannte "Aussteiger-Figuren" gezeigt, wie etwa Omar, der sich nicht einem Subsystem wirklich zuordnen will.

MF: Das will ja niemand und muss auch niemand. Das ist immer nur situativ: on thestreetmuss Omar wie jedeR andere so und so handeln, aber z.B. in court ganz anders. Und wo anders wieder anders. Figuren sind ja nicht deckungsgleich mit Teilsystemen.

CS: Das klingt jetzt für mich so wie die Rollentheorie aus der Psychologie: JedeR spielt in jeder Situation eine bestimmte Rolle, funktioniert nach den jeweils herrschenden Regeln, um intelligibel zu sein und handlungsfähig.

MF: Tja, "it's all in thegameandthat'showit'splayed".

MS: Aber meinst du damit auch, dass "Figuren" nur ihre Position, ihre Rolle ändern können und nie sich selbst? Ich finde die Serie zeigt beides: Dass Systeme so viel stärker  sind als "Individuen"; aber auch, dass man sich manchmal und mühsam gegen das System ändern kann.

CS: Ja, also man kann wohl nur ganz langsam und schleichend das System ändern (wenn wir mal davon reden wollen) - man muss im Großen schon den Systemregeln folgen, kann sie aber, so meine Meinung, langsam unterlaufen.

MF: Die andere Frage ist, wie viel "sich selber ändern" bringt, aber sonst was Carmen sagt.

MS: Ich glaube theoretisch eingeholt zerbröselt dieser Aspekt recht schnell - wie ihr ja auch schreibt - nur dennoch bleibt mir zumindest beim Schauen so ein Gefühl, auch eine Art Miterleben, weil vor allem durch diesen Aspekt die Figuren ja auch spannend werden; dass sich z.B. Daniels v.a. in der ersten Staffel immer wieder entscheiden muss, wie sehr er auf die Karriere achten soll (und auf seine Frau) und wie sehr er für den Fall sich einsetzt. Da zeigt die Serie schon, dass sich Einzelne entscheiden können, sie müssen dann nur auch die Konsequenzen tragen.

CS: Die Serie zeigt hier, wie Menschen in Subsystemen gezwungen werden, sich andauernd zu positionieren. Das ist mit großen Entscheidungen und oft auch mit viel Leid verbunden. Die  Entscheidung von Carcetti, Bürgermeister werden zu wollen, ist etwa für die Carcetti-Familie nicht leicht zu verkraften.

MF: Ja, Systeme nehmen halt  Handlungs- und Entscheidungsfreiheit und damit Verantwortung weder ab noch weg. Aber dummerweise fehlt halt fast immer Information, die es  eigentlich bräuchte, um die Folgen einer Entscheidung abzuschätzen. Und trotzdem muss man immer was tun, also was entscheiden.

MS: Stimmt. Man und frau sind immer ein wenig "blind"; nur die ZuseherInnen haben in  gewissem Sinn das volle Bild. Aber selbst das wird gebrochen, indem etwa Szenen gezeigt werden, die man erst später vollständig verstehen kann. Oder dass einem die englische  Sprache und der teilweise  kaum verständliche Dialekt manche Dinge verschließen. Daher ja auch vielleicht der Titel: Wire, also die (polizeiliche) Überwachung, das von außen durch ein Schlüsselloch in eine andere Welt spähen.

MF: Das kennt man ja auch aus dem richtigen Leben. Und das wäre mein oben angekündigter Kritikpunkt - Wire zeigt das, und zeigt es sehr gut, aber was lernen wir darüber hinaus, was also antworten wir mit dem Wissen, dass wir nie genug wissen und immer ein wenig blind sind, auf die Frage: Was tun?

CS: Auf den ersten Blick könnte man auf die Frage antworten, dass Wire hier eineN etwas deprimiert hinterlässt - große Veränderung kann in der Serie nicht erreicht werden, weil Einzelne dort nicht viel umbiegen können. 

MF: Es fehlt eine Utopie. Aber vielleicht ist genau das, was gut daran ist?

MS: Ich sehe Wire  auch ein wenig als Utopie. In dem Sinn, dass es eine Welt ist, die man zumindest als ZuschauerIn recht gut verstehen kann. Es ist die Utopie, die sagt, dass man seine Welt schon auch verstehen kann und somit auch verändern. Für mich ist das fast schon wohltuend politisch. Und daher erklärt sich mir auch das Interesse: In Zeiten, in denen kaum jemand das Gefühl hat die "Welt" durchschauen zu können und selbst ExpertInnen etwa komplexe Wirtschaftszusammenhänge nicht nachvollziehbar erklären können, liefert eine Serie die Utopie, dass unsere Welt planbar wäre, weil sie eigentlich auch halbwegs gut durchschaubar ist – wenn man nur wollte. Das wäre für mich eine  mögliche  politische Aussage. Die natürlich nur eine Serie formulieren darf. Wenn das eine Theorie, eine Philosophie täte, würde sie sofort scharf angegriffen. Weil es Schwächen immer zuhauf gibt.

CS: Ich glaube manchmal eher, das Interesse an Wire liegt einfach am als extrem cool dargestellten Drogendealer-Milieu, allein schon die Sprache, die Outfits und die Moves sind echt der Hammer.

MS: Finde ich auch!  Aber eben weil sie glaubwürdig sind. Weil wir wissen, dass es irgendwo da draußen eine Welt wahrscheinlich gibt, die so funktioniert, auch wenn wir sie nie sehen werden. Außer am Bildschirm.

MF: Sehe ich aber anders. Denn wenn es so wäre, wäre Wire nichts so besonderes. Ich finde an Wire gerade gut, dass es eben nicht zeigt, wie eine Welt zu verstehen ist und was dann daraus fürs Handeln folgt, sondern dass es mit sturer Beharrlichkeit zeigt wie schwierig es ist, überhaupt etwas zu verstehen. Und dass es mit Erklärungen und fixen Positionen so geizt. Es ist eben keine Erzählung, wie man es gewöhnt ist, sondern eine Erzählung, die jeden Anflug von zentraler Machtanballung oder was weiß ich verleugnet. Und das gibt dann die Frage an die SeherInnen weiter: So, was macht ihr jetzt damit? Anstatt dass sie Handlungsanweisungen direkt gibt.

CS: Genau, dieser Punkt mit der Macht, die netzartig über alles verstreut ist - also dass es eine Fernsehserie gibt, die so etwas zu zeigen vermag, ist echt großartig. Es wird aufgezeigt, dass es kein Zentrum gibt (wie Martin schon geschrieben hat), und wie es dann aussieht oder aussehen könnte.

MF: Es ist dann eben nie wer schuld, und trotzdem alle verantwortlich für ihr Handeln. Das lässt sich mit normaler Grammatik fast nicht ausdrücken, wie avanciert da Handeln gezeigt wird. Es braucht nicht immer TäterInnen. Oder HeldInnen.

CS: Deshalb gibt es ja ca. 30 Hauptfiguren in Wire.

MS: Sollen wir ein bisschen in die "Praxis" gehen, weg der der Außenperspektive und über den Inhalt der Serie reden? Über die Figuren, was uns an ihnen gefällt, was nicht - auch wenn es schwierig ist, weil es eben so viele Charaktere gibt. 

CS: Hm, ja ich finde es auch schwierig, weil die Figuren sich ja über die Seasons ziemlich verändern (um nicht das zielgerichtete Wort "entwickeln" zu gebrauchen), aber wir können es probieren!

MS: Der Ansatzpunkt der Serie ist ja zunächst das Polizeimilieu, also eigentlich etwas sehr Konventionelles. Das wird aber gleich praktisch gleichwertig ergänzt um die Gegenseite, die Drogen.

MF: Ja und dann sind wir schon den Dockarbeitern, die eigentlich keineR mehr braucht. Also verkaufen sie auch Drogen. Und gleichzeitig lernen wir die Leute hinter den Drogen kennen, den Griechen etc.

MS: Das zeigt Wire sehr gut: Was passiert, wenn eine Gesellschaft eine gewisse Gruppe von Menschen nicht mehr braucht! Eben die Hafenarbeiter. Oder das Drogenmilieu.

MF: Es geht eben um eine Schwundgesellschaft. Alles wird weniger, die Kinder werden es mal nicht mehr besser haben können.

CS: Ja, es wird alles weniger, v.a. die Arbeit. Also Erwerbsarbeiten müssen ja nicht mehr viele, weil es nicht mehr viel zum Erwerbsarbeiten gibt, daher muss andere/neue Arbeit her: Welcome tothegame!

MS: Damit fügt es sich ja recht gut in ein größeres Narrativ ein: nämlich dass der "Westen" im Untergang begriffen ist, dass der Wohlstand weniger wird, die Möglichkeiten; dass es eine diffuse Bedrohung gibt, seien es islamistische Terroristen, tschetschenische Asylwerber, oder chinesische Fabriken.

MF: Peak- alles ist vorbei und jetzt geht‘s ums Verwalten von Mangel. Und der Witz ist, dass diese zum Teil imaginierten Bedrohungen dafür sorgen, dass anderswo Geld fehlt. Z.B. weil das FBI alles in den War on Terrorism steckt, ist kein Geld für den War on Drugs mehr da. Aber ob und wozu das gut ist, stellt sich auch erst später heraus.

MS: Weil wenn angeblich gerade alles den Bach runter geht, warum werden dann die Reichen reicher, die Einkommensschere wird größer etc. - also gibt es offenbar doch noch ungeheuer viel Reichtum und Möglichkeiten. Nur weniger Leute, die davon profitieren;

MF: Marxistisch gesprochen ist ja beim aktuellen Stand der Produktivkräfte Überfluss vorhanden, im großem Ausmaß. Es ist ja nur die Verteilung der, dingens, wie heißt der Terminus, Besitzverhältnisse an den Produktivkräften.

CS: Umverteilung?

MF: Nicht im Sinn von Almosen und Sozialhilfe, sondern im Sinn von: Dann sollte der Hafen wirklich den HafenarbeiterInnen etc. gehören, die könnten mit den Gerätschaften schon was Richtiges anstellen. Vorausgesetzt alle Häfen gehören allen (aber das führt jetzt fast ein bisschen zu weit.) 

MS: Insofern dient die Erzählung vom Untergang des Westens (unberührt davon ob es sowas "wirklich" gibt) auch immer konkreten Interessen; so wie es in Wire gewissen Leuten dient, dass viele Menschen arm in den Projects hausen und aus dem Drogenmilieu nicht herauskommen.

MF: Wobei man da gar keine Verschwörungstheorie braucht, da muss niemand Böses im stillen Kämmerlein das in der geheimen Weltzentrale so steuern, das System Kapitalismus reproduziert sich eben auch recht geschickt selbst.

MS:Ich finde auch, dass die Serie schon eine erstaunlich nuancierte, nicht ideologische, sondern sehr deskriptive Kapitalismuskritik enthält.

MF: Absolut. Aber was bietet sie für Alternativen an? Oder bietet sie eben keine an und gerade das ist das gut daran?

MS: Das ist die alte Frage: Ist die Beschreibung von Phänomenen nicht schon Subversion  genug? Oder müssen auch Lösungsvorschläge und "Schuldige" her? Tagespolitisch gesprochen würde ich sagen, dass das Aufzeigen von Dingen, wie Sachen ablaufen, wer profitiert, schon sehr viel bringt.

MF: Ja, ich bin eben geneigt, Wire gerade zu mögen, weil es so einfach nicht ist. Es ist jedenfalls nicht so überheblich zu glauben, es könnte irgendwie absolut recht haben und daraus etwas Konkretes ableiten im Sinn von "Es müssten ja alle nur soundso, wie ich halt will". Wire weiß wenigstens, dass es auch blinde Flecke hat, weil das immer so ist. Und den Blick kann man daraus lernen: Immer wenn ich etwas anschaue, schaue ich etwas anderes gerade nicht an. Und das sollte man halt wissen, wenn man Lösungsvorschläge und "Schuldige" nominiert. Das find ich noch spannender als "Aufzeigen von Dingen".

MS: Ja. Deshalb finde ich vielleicht auch Charaktere in der Serie zunehmend problematisch, die ein wenig "mehr" wissen, ein wenig besserwisserisch sind. Ich denke da vor allem an Gus von der Baltimore Sun; der macht ja eigentlich keinen Fehler, ist fast "gut"; oder Bunny Colvin. Sympathischer sind mir Charaktere, die öfters Fehler machen, herumirren. Wie Bodie, oder Bubbs, auch McNulty.

CS: In der Serie wird das ja oft so gezeigt: Wir sehen einmal den Blick in der "Drogenwelt", dann den Blick der Polizei auf die "Drogenwelt" - die dann anderes sehen als die Menschen im System.

MF: Wobei sympathisch ja auch immer relativ ist, eben aus welcher Sicht man darauf sieht. Pryzbylewski oder wie der Lehrer heißt ist auch ein guter Lehrer, aber er hat eben ein Polizeiauto angezündet und jemand erschossen.

CS: Ja, z.B. ist mir McNulty nicht sympathisch - wohl aus meiner Sicht heraus. 

MS: Ihr habt recht, sympathisch ist ein blödes Wort. Passend wäre wohl eher "interessant".  McNulty finde ich auch ambivalent; aber er macht eben ständig Fehler, das finde ich wieder gut. 

Mf: Auch bei interessant kommt es darauf an: "interessant für wen". Es gibt nichts Absolutes, alles ist relativ, kommt darauf an, wer was wie sieht.

MS: Habt ihr eigentlich sowas wie einen Lieblingscharakter? Oder ist die Frage bei dieser Serie fast unsinnig? 

MF: Snoop. Irgendwie ist die Frage unsinnig, aber Snoop.

CS: Puh, schwierig. Ja Snoop ist schon cool, wenn sie etwa die Nagelmaschine kaufen geht.

MS: Bei mir wär‘s bei aller Einschränkung Bodie, und früher Omar, aber aus der Phase bin ich ein bisschen raus.

CS: Ansonsten find ich Bunny Colvin gut - der schwarze Polizist, der dann sowas wie Jugendarbeiter wird.

MF: Ich glaube das wesentliche ist, dass es nicht die Figuren als solche sind, die wir mögen, sondern die Position, die die Figuren in und zwischen den Teilsystemen oder Institutionen oder wie immer wir das nennen wollen einnehmen. Also Bunny ist z.B. gut, weil er irgendwie sowohl im Polizeisystem als auch in Hamsterdam irgendetwas auf die Reihe kriegt.

MS: Deswegen finde ich z.B. den Assistenten vom Bürgermeister, Norman Wilson, am Ende gut, wo er immer zynischer wird, und sich ein wenig "löst" von Carcettis Macht - da ist dann der Steintorf nahe dran.

CS: Ja, wie sie damit umgehen, wie sie das verhandeln, wie sie mit ihren eigenen Entscheidungen umgehen, wie sie mit den Folgen ihrer Positionierung umgehen und wie sie das immer wieder aufs Neue tun (müssen).

MF: Und eben an Snoop mag ich, dass sie alles genau gleich Scheiße findet. Die lehnt einfach die Welt als solche ab und insofern macht es Sinn, dass sie abknallt, was nicht zur Marlo-Gang gehört. Oder Senator Davis...

CS: ...nur wegen seinem "shiiiit"...

MF: ...ist auch interessant: eine Katastrophe im Politiksystem und ein zynischer mieser egoistischer Schweinepriester. Aber vielleicht ist seine Art, das System zu verarschen, ja auch irgendwie gut für seine Community? Überhaupt: Vielleicht ist nicht alles defizitär, was wir so aus Baltimore kennen, vielleicht funktionieren die Dinge in der Hood ja auch eh irgendwie so halbwegs und jedenfalls besser, als wenn alles liefe, wie es am Papier laufen müsste.