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MOLEcafé

Also doch, eine neue Buchhandlung

#07 2012 / Bernd Schuchter

Das Buchhandelssterben ist abgesagt.

In der letzten Ausgabe der MOLE habe ich ein Lamento über das Buchhandelssterben angestimmt – in Innsbruck ist der Trend vorläufig abgesagt. Am 10. März sperrt die Buchhandlung Wiederin, die sich ehemals am Sparkassenplatz befand und mittlerweile als Buchhandlung Haymon weiterbetrieben wird (die Buchhandlung war ein Gemeinschaftsprojekt von Thomas Wiederin und Markus Hatzer, dem Verleger der Studienverlagsgruppe, zu der die Verlage Haymon, Skarabaeus, Studienverlag, Loewenzahn und der Universitätsverlag Wagner gehören), mit neuem Team in Rufweite zum alten Standort wieder auf. In den ehemaligen Räumlichkeiten des Hotels Delevo entsteht eine unabhängige, literarische Buchhandlung mit den Schwerpunkten Belletristik, Kinder- und Jugendbuch sowie geisteswissenschaftliches Fachbuch. Neben Thomas Wiederin werden Sabine Oguzhan und Ekkehard Hey-Ehrl das Sortiment bestimmen.

Ungewöhnlich sind die Intentionen und Wünsche, die zur neuen Buchhandlung geführt haben. Dem Zeitgeist entgegen, wenn man so will, haben die drei sich im letzten Jahr ein Sabbatical gegönnt, um sich darüber klarzuwerden, was für eine Buchhandlung sie eigentlich gründen wollen. Das klingt überraschend, bringen doch Wiederin, Oguzhan und Hey-Ehrl zusammen knapp 80 Jahre Buchhandelserfahrung in das neue Geschäft mit ein, da müsste man annehmen, dass man weiß, was man will. Stattdessen besuchten sie ein Jahr lang verschiedenste Buchhandlungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sprachen mit KollegInnen und LeserInnen, VerlegerInnen und AutorInnen. Am Ende des Reflexionsprozesses stand der Entschluss, die künftige Buchhandlung zu einem Ort der Kommunikation zu machen, einem Ort der Entschleunigung, an dem sich LeserInnen und BuchhändlerInnen auf Augenhöhe begegnen können, um das Sortiment – ein Mix aus eigenen Vorlieben und jenen der LeserInnen – gemeinsam entdecken zu können.

„Es ist wichtig, die Liebe zur Literatur auch kommunizieren zu können, und wir können und wollen darüber sprechen“, erzählt Thomas Wiederin im Gespräch im Café Central, dem provisorischen Büro, solange die Bauarbeiten an der neuen Buchhandlung noch nicht abgeschlossen sind. Ekkehard Hey-Ehrl ergänzt: „Wir stehen schlicht für ein Sortiment, bei dem wir uns auskennen, und wollen ein Sortiment betreuen, für das wir stehen.“ Was sehr einfach und wie ein Zirkelschluss klingt, ist eigentlich ein Gang in die Gegenrichtung, sieht man sich die Entwicklung auf dem Buchmarkt an. Exemplarisch dafür sind Buchhandlungen wie Thalia, die in den letzten Jahren etwa ihren Non-Book-Bereich kontinuierlich ausgebaut haben. Neben Schnickschnack wie Geschenktees, Räucherstäbchen oder Magnetkugeln werden eben auch Bücher verkauft; das ist aber – übertrieben gesagt – vielleicht bald nicht mehr das Kerngeschäft. Eine klassische Buchhandlung sieht anders aus.

Die neue Buchhandlung Wiederin ist für die drei BuchhändlerInnen kein bloßes Projekt, sondern eher eine Rückbesinnung, wie Thomas Wiederin meint: „Wir erfinden nicht das Rad neu, wir machen eigentlich das, was schon immer eine klassische Sortimentsbuchhandlung ausgezeichnet hat: aus der Fülle an neuen Büchern das für uns Besondere auswählen.“ Der Leser, die Leserin stehen bei diesen Überlegungen im Mittelpunkt. „Wir haben schlicht auch eine Verantwortung für diese Kerngruppe an LeserInnen, die wir seit knapp 30 Jahren begleiten. Viele hätten nicht verstanden, wenn wir nicht wieder eine Buchhandlung aufgemacht hätten“, ergänzt Thomas Wiederin, der seinerzeit die Buchhandlung Parnass am Marktgraben (die es von Frühjahr 1994 bis Herbst 2000 gegeben hat) geleitet hat. Im Parnass arbeitete er auch damals schon mit Sabine Oguzhan und Ekkehard Hey-Ehrl zusammen, seit dieser Zeit kennen sie sich. Oguzhan arbeitete mit Wiederin auch am alten Standort am Sparkassenplatz zusammen, davor mit Ekkehard Hey-Ehrl ein paar Jahre in der Buchhandlung Studia. Die neue Buchhandlung klingt mit diesen Biografien schon ein wenig wie eine Familienzusammenführung.

Auf die Frage, ob denn diese neue Buchhandlung dann reicht oder ob er in ein paar Jahren noch ein, zwei weitere Buchhandlungen eröffnen wird, kann Thomas Wiederin nur lachen. Das heißt wohl, alles ist möglich. Dabei sehen die drei BuchhändlerInnen ihren neuen Laden durchaus als Generationenprojekt, der das literarische Leben in Innsbruck mitgestalten soll. In 15 bis 20 Jahren sollen dann jüngere BuchhändlerInnen das Geschäft übernehmen. Eine optimistische Aussicht in einer Branche, die eigentlich nur von Krise sprechen kann. „Es geht in erster Linie nicht um uns als Personen, sondern um die Idee, die hinter der Buchhandlung steckt“, erklärt Thomas Wiederin und erzählt vom Leitbild, das die drei für die Buchhandlung erarbeitet haben, über die Identität, die der neue Buchladen haben soll.

Die ästhetische Prägung, die auch im alten, von Rainer Köberl und Markus Tschapeller gestalteten Laden so prägnant war, wurde für die neue Buchhandlung von den Architekten Werner Burtscher und Markus Ortner entwickelt. Die verwinkelten Räume der Buchhandlung waren für die Planer eine gewisse Herausforderung. Das Auffallendste werden sicher die lichtdurchfluteten Räume sein, mit großen Schaufenstern an beiden Seiten – zur Straße und in den Innenhof, der vor allem im Sommer mit Tischen und Stühlen zum Schmökern einladen wird. Ein Kaffeebetrieb ist angedacht. Dabei wird es auf der Vorderseite nur eine klassische Auslage mit Büchern geben, die beiden anderen Fenster werden als Lesenischen gestaltet; ein klein wenig Kaffeehausatmosphäre. Am architektonisch auffallendsten wird allerdings ein als Raumteiler verwendetes langgezogenes Regal sein, das sich vom Eingangsbereich in einem leichten Bogen bis in den zweiten Raum ziehen wird. Das Regal wird auch von beiden Seiten begehbar sein und so eine weitere Lesenische schaffen. Neben dem natürlichen Tageslicht wird ein eigenes Lichtkonzept (Prolicht GmbH, Neu-Götzens) unter innovativer Verwendung von LEDs den Raum der Buchhandlung ausleuchten. Dabei denkt man unwillkürlich an das age of enlightenment, wie die Aufklärung – sprachlich präziser als im Deutschen – im englischen Sprachraum genannt wird. „Wir haben als Buchhändler durchaus einen aufklärerischen, pädagogischen Auftrag“, meint auch Ekkehard Hey-Ehrl. „Dementsprechend wird auch unser Sortiment aussehen.“

Befragt nach ihren speziellen Leseempfehlungen für das Frühjahr, fallen den drei BuchhändlerInnen dann auch eher ungewöhnliche Bücher ein: Kershaw, Boon und Westermann. Das Buch Das Schicksal der weißen Pferde erzählt anhand der Geschichte der Lipizzaner jene des 20. Jahrhunderts. „Ich hätte nie gedacht, dass ich ein Buch über Pferde lesen würde“, lacht dann auch Thomas Wiederin. Vielleicht ist es aber genau das Ungewöhnliche, abseits der üblichen Bestseller, das es in dieser neuen Buchhandlung zu entdecken gilt.


Buchtipps

Frank
Westermann
Das
Schicksal der weißen Pferde. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts
Übersetzt
von Gerd Busse und Gregor Seferens.
Gebunden
. Beck Verlag. ISBN 3-406-63088-X. € 20,50

Ian Kershaw
Das Ende. Kampf bis in den Untergang - NS-Deutschland 1944/45
Übersetzt von Klaus Binder, Bernd Leineweber und Martin Pfeiffer.
Gebunden. DVA Verlag. ISBN 978-3-421-05807-2. € 30,90

Louis Paul Boon
Mein kleiner Krieg
Übersetzt von Helmut Mueller und Jan Vandenbroecke.
Taschenbuch. Alexander Verlag. ISBN 978-3-89581-265-1. € 15,40