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MOLEcafé

Bullshitargumentebingo der Netzkritik

#08 2012 / Martin Fritz

Wird übers Netz geredet, trauen sich alle fachfremden Fietzpiepen ihre immergleichen kruden Verallgemeinerungen, haarsträubenden Verdrehungen und wüsten Spekulationen loszuwerden. Sie lassen sich dabei nicht von Kinkerlitzchen wie Sachkenntnis, argumentativer Stringenz oder Präzision der Beobachtungen beirren. Eine kleine (polemische) Typologie der häufigsten aktuellen (Vor-)Urteile zum Netz samt Gegenargumenten.

Internet und Schule haben eines gemeinsam: Jede und jeder war schon mal drin und glaubt deshalb, sich kenntnisreich zu deren Verderben und Entzücken bringenden Aspekten einbringen zu können – auch ohne Kenntnis der bisher geführten einschlägigen Diskussionen. Deshalb wird auch immer noch über „Netz – Fluch oder Segen“ gestritten. Die hysterischen Übertreibungen und Netzschmähungen in diversen Podiums-, Kneipen- und sonstigen Diskussionen sind dabei seit Jahren die gleichen, weshalb man mit ihnen Bullshit-Bingo spielen kann – wer als erstes alle abgehakt hat, hat gewonnen.

1. Oh My God – Peinliche Sauffotos!
Das Internet vergisst nix!

Alles voller böser Konzerne, Pornos, Viren und Katzenbilder. Und damit nicht genug: Wer was ins Internet hineinschreibt oder gar Fotos hochlädt, wird aufgrund dieser peinlichen Partypics niemals einen Job bekommen.

VertreterInnen dieser Denkschule verwechseln auch gerne das Internet mit Facebook (und reden in Netzdiskussionen über das eine, während das andere zur Debatte steht). Ihr Fehler ist das Ablehnen des Ganzen wegen schlechten Teilen bzw. Kinderkrankheiten und doch haben sie einen Punkt getroffen: privacy ist ein relevantes Thema. Aber lässt sich das Problem, dass im Netz auch Unangenehmes über oder für die eigene Person auftauchen kann, wirklich nur durch Warnen, Strafen und Kontrollieren lösen? Oder wäre nicht auch etwa der Aufbau einer eigenen schönen Website samt Portfolio, die dank guter Vernetzung mit KollegInnen hoch in den Suchergebnissen aufscheint, eine Strategie zum Aufbau einer guten Online-Reputation – und somit Schutz gegen spießige Personalchefs, die Sauffotos ergoogeln? Zudem: Dass z.B. bei fast einer Milliarde Facebook-UserInnen schon die eine oder andere negative Erfahrung gemacht wurde, überrascht nicht. Dass die restlichen auf den blauen Seiten vertickte Zeit ohne größere Schäden absolviert wurde, erwähnt aber niemand ...

2. Amerikanische Neuro-Wissenschaftlerinnen haben herausgefunden, ...

... dass alle nur mehr wie verrückt herumklicken und wegen dieser ständigen Informations- und Reizüberflutung liest niemand mehr lange Texte, was per definitionem der Untergang des Abendlandes ist.
Die Prämissen dieses Warnrufs sind so neu nicht: Auch über das Lesen wurden nach Aufkommen von Schrift und später Buchdruck vermutet, es würde zu Verdummung und Oberflächlichkeit führen. Ein Gegenchecken der Fakten dürfte zudem eher ergeben, dass die Leute heutzutage mehr (und auch lange Texte, man denke nur an Vampirromane) lesen als je zuvor und zum allergrößten Teil ihren Alltag noch so halbwegs geregelt kriegen, trotz Internet.

3. Da kann ja jeder kommen!

Ins Internet kann jede und jeder alles reinschreiben und auch noch anonym und niemand überprüft es! Natürlich ist alles voller Unwahrheiten, Fehler und Katzenbilder! Die Generalunterstellung gegenüber dem Großteil der Menschen, eher dumm zu sein, ist anzweifelbar, und es lässt sich auch kaum bestreiten, dass es Unwahrheiten (oder Uneinigkeit darüber, was die Wahrheit ist), Fehler und schlechte Witzchen mit Tierbildern auch vor dem Netz schon gab. Es gab nur eben andere Kontrollinstanzen, die eingesetzt wurden, um doch halbwegs verbindliche Wahrheiten ohne zu viel Tippfehler und Albernheiten zu erzeugen – früher eben der bekannte Mix aus Gatekeepern, Profis und Weisen, heute die Weisheit der Crowd.

4. Tyrannei der Masse! Und der Algorithmen!!  

Es gibt ja viel zu viel im Netz! Info-Overload! Niemand sucht das mehr aus, strukturiert das mehr vor, außer eben die Meute, die am meisten „gefällt mir“ klickt, und irgendwelche undurchschaubaren Algorithmen!

Unter dem Stichwort filter bubble ist diese Klage populär geworden, die aufbaut auf dem Zuviel (Falschen), das laut Argument 3.) ins Internet geschrieben wird, das dazu führt, dass wir daraus auswählen (lassen) müssen – und wer hätte es geahnt, es kommt bei dieser Wahl natürlich stets das Falsche raus, ganz egal, ob sie durch Schwarmintelligenz oder Algorithmen oder beides bewerkstelligt wird. Die Filterblase führt wahlweise zu einer vereinheitlichenden Vermassung und Diktatur des Populären oder zum Zerfall der gesellschaftlichen Einheit und Radikalisierung Einzelner in ihren Filterblasen – augenscheinlich je nachdem, wie es den politischen Vorannahmen der Blasen-WarnerInnen in den Kram passt. Daran zeigt sich schon, wie empirieresistent mit diesem Paradigma hantiert wird. Zudem kann der bei 3.) getätigte Einwand wieder bemüht werden: Auch in der Gutenberg-Galaxis gab es Informationsvorauswahl, deren generelle Überlegenheit nur behaupten kann, wer sich in der Filterblase der Kronen-Zeitung wohler fühlt als in der der Weiten des WWW.

5. Alles, alles Raubkopierer!

Plagiate, wohin man sieht, die Kinder bezahlen nicht mehr für Musik, ganze Heerscharen an AutorInnen verhungern wegen Urheberrechtsverletzungen, die Kultur geht den Bach runter.
Das Netz bringt einiges an Veränderung mit sich – gerade im Bereich derer, die sich in bislang notwendigen, durch das Netz tendenziell aber obsoleten Zwischen- und Mittlerpositionen aufgehalten haben, was die Emotionalität der Debatte um eine Abschaffung, Reform oder Verschärfung von UrheberInnen- und sonstigen Rechten sowie generell der Regelung der Finanzen im Web in einem solchen Maß anheizt, dass diese besser nur anfasst, wer Meinungen aus Asbest hat.

If it’s on the interweb it must be true!

Schlussendlich dürften die Webdebatten noch etwas mit jenen über die Schulen gemeinsam haben: Irgendwie sind sie beide ein bisschen sinnlos, denn so wie sich die Schulen durchs Reden nicht ändern werden, so ist das Netz auch zuallererst mal da und wird durch das darüber Debattieren auch nicht weggehen oder anders werden. Hilfreicher als polarisierende und übergeneralisierende Fluch-oder-Segen-Scharmützel wäre also ein pragmatischer und zugleich präziser Zugang, der einzelne Phänomene, Argumente und Bereiche des Internets analysiert, ohne sich vorher schon sicher zu sein, ob das Ergebnis den Untergang oder eine neuen Blüte der Menschheit verkünden soll. Oder wie es sich viel entspannter nur auf Englisch sagen lässt: Das Netz ist nun mal da, also deal with it.