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Auf keinen Fall Theater oder Der richtige Urlaub für TirolerInnen

Wie eigentlich adäquat nach Innsbruck zurückkehren, wenn man erst einmal gesehen hat, wie es sich anderswo lebt? Diese Frage ist zwar eine hochgradig unter den Nägeln brennende, gleichzeitig aber auch eine weitgehend tabuisierte. Vielen Menschen fällt es schwer, das Erlebte in richtige Worte zu fassen, zu unaussprechlich scheinen die Gegensätze. Vor allem kunstinteressierte TirolerInnen sind in akuter Gefahr, Langzeitschäden von Städtereisen davonzutragen. Reisen Sie also vorsichtig und zurückhaltend!
Wichtig ist der richtige Zeitpunkt des Verreisens. Ein großer Vorteil der Sommermonate ist die Saisonpause in den Theatern. Denn während der Spielzeiten setzen gerade bundesdeutsche Städte den Tiroler Besucher und die Tiroler Besucherin mit den großartigsten Inszenierungen unter Schock. Wer ein Stück von René Pollesch an der Volksbühne Berlin sieht, eine Inszenierung von Karin Beier in Köln oder gar in eine Vorstellung des Performance-Kollektives Gob Squad stolpert, wird so schnell keinen Fuß mehr ins Tiroler Landestheater setzen können. Passen Sie also auf, was Sie sich ansehen, Sie könnten auf Jahre verdorben werden!
Falls es für die Prävention in Ihrem Falle schon zu spät ist, seien Sie um Himmels willen zumindest vorsichtig, wem Sie was von Ihrem Urlaub erzählen. Vor allem angehende Tiroler Kulturschaffende sind akut vom Auswandern bedroht. Tun Sie am besten einfach so, als ob nichts geschehen wäre. „Theater? Nein, war natürlich nur Party in Berlin!“ Wenn unsere jungen Talente erst mal Wind davon bekommen, was anderswo so läuft ... ich mag’s mir gar nicht ausmalen! Zum Glück für die Tiroler Kulturszene sind die interessantesten KünstlerInnen hierzulande traditionell weitgehend unbekannt und dank mangelnder Subventionen sowieso nie zu Gast. Und das muss auch so bleiben! Merksatz für Eltern: Sollte Ihr Kind auffälliges Interesse an Kunst zeigen, verweigern Sie Urlaubsgeld für Städtereisen!
Auch eine Woche voll intensivem Naturerleben in Südtirol gibt dem poetischen Geist Nahrung – und zwar genau die richtige, um hierzulande erfolgreich zu werden.
Abgesehen davon macht man sich mit überschwänglichen Reiseberichten ohnehin keine Freunde. Nach der Rückkehr aus London all seinen Bekannten unter die Nase zu reiben, um wie viel besser die Leute dort angezogen sind, ist unnötig. Ebenfalls verschwiegen werden muss die Tatsache, dass es Städte gibt, in denen die StadtbewohnerInnen öffentlichen Raum nützen dürfen. Großräumige Parks, in denen an lauen Sommerabenden fröhlich gegrillt wird, und belebte Plätze, wo gitarrenspielende Hippie-Teenager ihre Jugend genießen können, machen den TirolerInnen nur falsche Hoffnungen. Orte, in denen offen gelebte Homosexualität zum alltäglichen Stadtbild gehört und Interkulturalität sich nicht auf afrikanische Trommelkurse beschränkt, sind schlicht zu schön; so kann man hier nicht leben. Bitte denken Sie daran, dass die Menschen in unserem Land ihr Schicksal zum größten Teil mit erstaunlicher Fassung tragen. Zeigen Sie also Respekt durch Zurückhaltung. Berichten Sie vor allem von der mühsamen Zugfahrt, dem scheußlichen Essen oder den nervigen Piefkes.
In akuten Notfällen empfiehlt sich eine alpine Schock-Therapie. Schließen Sie in einem zu lässigen Lokal oder einem zu interessanten Museum schnell die Augen und imaginieren Sie die Nordkette. Unsere Berge, um die uns schließlich die ganze Welt beneidet! Wenn selbst die nicht helfen, dann sollten Sie besser bleiben, wo Sie sind.
Natürlich können Sie auch all meine gut gemeinten Handlungsanweisungen in den Wind schlagen und unbeschwert und neugierig in die Welt hinaus ziehen. Denken Sie allerdings an die weisen Worte des Japaners von Lahnenberg: „Aber oans sag i dir: Zrugg gibt’s koanes!“